Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022083--22660-3047817
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 858 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 47 stärksten Männer gebrochat, zu halbblöden, willenlosen, verfallenen Geschöpfen ungewandelt werden. Das Leben emes Tieres in der Gefangenschaft führt auch Leopold Hilsner, und was immer er früher gewesen sein und getan haben mag, ist er jetzt entsühnt und erhoben durch ein Martyrium, weil er unschuldig ist und weil er für nichts anderes leidet als für sein Judentum. Danken wir dem Schicksal, daß er noch lebt und daß wir noch am Lebenden sein und unser Recht erstreiten können, daß der Mord an ihm und an unserer Ehre von den Henkern noch nicht ganz vollführt werden konnte. Aus dem gleichen Grund aber dürfen wir nicht länger zögern. Ein gemarterter Mensch und beleidigte Ehre haben keinen Augenblick Zeit, zu warten. Wie eine Brandung muß unsere Empörung aufschäumen, unser Zorn muß wie ein Brand auflodern. Nichts kann uns aufhalten und nichts in Furcht versetzen. Im Beilisprozeß sind die Hundertschaften mit aller ihrer gewaltätigen Macht aufgetreten, die Judenfeinde haben ihre frühere Skrupellosigkeit noch überboten, die offiziellen Stellen haben sich mit ihrem ganzen Einfluß für das Schandurteil eingesetzt, die ganze Macht des Staates war gegen Beilis aufgeboten. Das alles ist gescheitert au dem geeinigten Widerstand der Kulturellen, an ihrer Kraft, an der verbreiteten Aufklärung, an den ruhelosen Protesten. Unsere Gegner hier in Oesterreich sind wahrlich nicht stärker als die Pogromfreunde in Rußland. Die antisemitischen Kreaturen sind übersättigt von ihrer eigenen Korruption, sind innerlich verfault. Wären sie aber auch so stark wie Riesen und zahlreich ohne Grenzen, so könnten und dürften doch weder sie noch sonst jemand uns aufhalten. Der Zorn eines ganzen, maßlos beleidigten Volkes wird jetzt aufschäumen und da sind alle Schranken zu schwach, um nicht durchbrochen, alle Hindernisse zu klein, um nicht weggefegt zu werden. Mit Ungeduld und Eifer blicken wir auf die maßgebenden Faktoren und erwarten ihre Maßregeln, ihre Aufträge, das Zeichen zum Beginn, dem die österreichischen Juden wie ein Manu folgen werden. Sie sind es dem unschuldigen Insassen des Kerkers, sie sind es sich und ihren Kindern, sie sind es den Juden in der ganzen Welt schuldig. Im Jahre des Kalenders und der Kultur 1913, im Jahre, in welchem sogar ln Rußland Beilis und die Freiheit siegten, schmachtet Hilsner noch in einem österreichischen Kerker, — das kann kein Jude länger ertragen. Vom Aabrmarkt des Lebens. Die tapfere Tat des Reichsratsabgeordneten Hofrates Kuranda. Abgeordneter Heine als Anti- und Philose mit. Am 22. Oktober hat, wie wir bereits gemeldet, der Abgeordnete Teufel einen Artikel des deutschradikalen „Znaimer deutschen Mahnrufes" immunisiert, der eine witzig sein sollende, aber meist bloß alberne „Neue, verbesserte Geschichte der Juden" enthielt. Die Interpellation war von fünfzehn deutschradikalen Abgeordneten unterschrieben. Als die Interpellation im Drucke erschien, erregte sie Entrüstung und der Abgeordnete Kuranda verfaßte das von uns zitierte „Sendschreiben" an die jüdischen Wähler der unter der Interpellation unterschriebenen deutschradikalen Abgeordneten, worin er sie aufforderte, bei den Wahlen die Antwort auf diese Verhöhnung zu geben. Der Abgeordnete Heine, einer der Unterschriebenen, hat nämlich an den Vorstand einer jüdischen Kultusgemeinde in seinem Wahlbezirk folgendes Schreiben gerichtet : Wien, 14. November. Sehr geehrter Herr! Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, haben die Abgeordneten Teufel und Genossen wegen Beschlagnahme eines Artikels in der Zeitung „Znaimer Deutscher Mahnruf" die beigeschlossene Interpellation an den Justizminlster gerichtet. Da der immunisierte Zeitungsartikel zweifellos eine geschmacklose Verspottung des jüdischen Glaubens darstellt, so hätte ich als ernster Politiker wohl niemals meinen Namen unter diese Interpellation gesetzt, wenn mir dieselbe zur Unterschrift vorgelegt worden wäre. Mlt Rücksicht darauf, daß mein Name auf dieser Interpellation als Mitunterzelchner gedruckt ist, erkläre ich hiemit unter Ehrenwort, daß meine Unterschrift von den Interpellanten gegen mein Wessen und gegen meinen Wellen auf die Interpellation gesetzt wurde. Ich habe erst durch die Flugschrift des Abgeordneten Kuranda vom Bestand dieser Interpellation erfahren. Hochachtend zeichnet Ihr ergebener Rudolf Heine. Herr Heine ist, wie man weiß, Redakteur der „Ostdeutschen Rundschau", die über die Juden anders schreibt als Herr Heine in Privatbriefen an einflußreiche jüdische Wähler. In geschlossenen Briefen verleugnet Herr Heine, was seine Parteifreunde öffentlich über die Juden schreiben — ob auch als „ernster Politiker" die Unflätigkeiten, die sein Blatt über die Juden veröffentlicht? — aber öffentlich schweigt er dazu. In seiner Zeitung propagiert er die Rltualmordanklagen, ist er Helfershelfer der russischen Reaktion in dem schmachvollen Beilis-Prozeß, privatim lacht er darüber. Zwar kein Talent, dafür ein — Charakter. Take Jonescu Mer die Lage der Juden in Rumänien. Der in letzterer Zeit vielfach erwähnte jüdische Journalist M. A. Saphir, der, wie erinnerlich, bei den diplomatischen Verhandlungen zwischen Bulgarien und der Türkei eine wichtige diplomatische Rolle gespielt hatte, benützte die Durchreise des rumänischen Ministers des Innern, Take Jonescu, durch Lvnstantinopel, um ihn über die allgemein politischen Tagessragen auszufragen und dabei auch die Judenfrage zu berühren. Saphir äußert sich hierüber folgendermaßen: Die judenfeindlichen Gefühle des rumänischen Ministers des Innern bilden für niemanden ein Geheimnis. Take Jonescu ist der Chef der konservativen Partei im rumänischen Parlament, und in dieser seiner Eigenschaft läßt er keine Gelegenheit vorübergehen, um in seinen politischen Reden unsere Glaubensbrüder in Rumänien in einer Weise zu apostrophieren, deren Beweggrund' lejcht erkennbar ist. Auch von seinem Organe ,,La Roumanie" ist es bekannt, daß ihm jede Rücksicht auf die Rechte der Juden fremd ist. Trotz alledem hielt ich es für nützlich, den Minister zu bewegen, sich über die Iudenfrage auszusprechen. Als ich das politische Interview beendet hatte, wies ich ihm meine Legitimation als Vertreter der „Aurore" vor und sprach: Exzellenz, Sie werden es gewiß als einen Mißbrauch Ihrer Liebenswürdigkeit ansehen, aber ich. hoffe, daß Sie mir die Ehre nicht verweigern werden, an Sie einige Fragen über die Juden Ihres Landes zu richten. Die Eesichtszüge des rumänischen Ministers haben sich plötzlich vollständig geändert. Das ganze Gesicht wurde rot, seine Augen leuchteten wild auf, man konnte genau sehen, welch schrecklichen Eindruck diese Eröffnung auf ihn machen mußte. Endlich sprach er die Worte: „Aber Herr, die Frage, die Sie an mich stellen, ist außerordentlich kompliziert, und ich wüßte Ihnen jetzt darauf keine Antwort zu geben, weil die Angelegenheit einer langen Diskussion bedarf, und mein Schiff geht bald ab." „Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, Exzellenz, ich bitte ja nicht um lange Erklärungen, einige Worte bloß, denn ich. weiß nicht, wann ich wieder Gelegenheit haben könnte, mich mit Eurer Exzellenz über diesen Gegenstand zu unterhalten." Take Jonescu wollte nun doch wenigstens diesmal mit einem Juden liebenswürdig sein, und antwortete wie folgt: „Wie ich Ihnen bereits sagte, ist diese Frage außerordentlich kompliziert. Wir denken daran, denjenigen Juden, welche die neuen, an Rumänien angeschlossenen Gebiete bewohnen, sämtliche Rechte zu verleihen. Und wir glauben auch, daß die Bitte derjenigen Juden, welche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.