Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vr. 47 Jahrgang xxx Dr. Bloch’s Zenttalorgan kür die gesamten Ilnteressen des Judentums. -cz=rr:n- Wien, 21. November 1918 Lrscb eint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie«, H/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Beilis — Hilsner. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die tapfere Tat des Rnchsratsabgeordneten Hofrates Kuranda. Take Jonescu über die Lage der Juden in Rumänien. Das Kiewer Urteil. Professor der Theologie Dr. Hermann Strack über den Kiewer Prozeß. Die Lieferanten des Kiewer Staatsanwaltes. Sensationelle Enthüllungen über die Ermordung Juschtschinskis. Der Protest der Cubaner Kosaken. Russische „Vendetta". Der englische Generalpostmeister als Jude. Gewählte jüdische Abgeordnete in Italien. Fräulein Professor. Ein antisemitischer Bezirksschulinsvekior. Juden und Armenier. — Korrespondenzen: Amtsantritt des Rabbiners Dr. Max Grunwald. Eine Interpellation über die Wiener Krankenhäuser. Jüdisches Museum. Ehrung für den Kultusvorsteher Adolf Schramek. Mödling. Ein jüdischer Stadtrichter in Budapest gestorben. Pohrlitz. Spanische Auszeichnung für einen Juden in Saloniki. Anstatt des „roten Zettels" der „weiße Zettel". Kriminalität und Konfession. — Vermischtes. — Feuilleton: Beilis dankt ... — Der neueste Schiller-Roman und der Jude. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. o (p:=' --=oc p 9e|»gaprxi» für ©*ffrrrrfaJi: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Fürs «uslnnd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die mal gespal» O tene Petirzsile 48 Heller. O oP - -_P p A. ft. Postsxarkaffrnarnt Sleartug-Verkebr «r. S10.S76. Redaktion und Administration. < Wien ll/i, Praterstraße 9 Telefon 14847 Keili« — Hilsner. Juden! Zu lange sind wir feige gewesen, zu lauge haben wir uns knechten lassen, zu lange dulden wir schon, daß der langsame Mord an Leopold Hilsner, die Schändung unserer Ehre auf Befehl der verkommensten Gesellen, der politischen Plattenbrüder, der christlichsozialen Parteien- und Bankengründer weiter begangen werde. Wir haben uns langsam an das Furchtbare fast gewöhnt, wie sich ein Gefangener selbst an das Verließ, wie sich ein Sklave an seine Schmach gewöhnt. Aber eine schwache Stimme, die fünfzehn Jahre lang klagend und anklagend aus den Mauern des Kerkers von Stein hervordrang ohne gehört zu werden, schlägt jetzt wie Donner an unsere Ohren, jagt unser Gewissen auf, höhnt unsere Männerehre, spottet unserer Kraft, macht uns erbleichen vor Scham und Zorn. Beilis ist in Rußland freigesprochen und Hilsner sitzt auf Kommando verbrecherischer Elemente in Oesterreich noch im Kerker. Es ist nicht zu ertragen, es ist eine Schmach, gegen die mit den letzten Mitteln protestiert werden muß. Wahrlich, auch wer mit dem Judentum nicht stärker mehr zusammenhängt als durch eine träge Gewohnheit der gebräuchlichen Pietät, wer auch für seine Person nichts mehr zu ertragen hat von den Gemeinheiten des Antisemitismus — hier muß er und hier wird er als ein leidenschaftlicher Streiter zu den Scharen der geeinten Juden zurückkehren, welche Hilsner aus dem Kerker befreien müssen. Nicht wir sagen das und nicht ein Einzelner. Es brandet und braust unter den Juden, man ruft und fordert und heute und morgen steht einer entschlossenen Führung eine gewaltige Masse zu Gebote, in welcher jeder tun wird, was die befugte Leitung fordert. Die Leiter und Vertreter der großen und kleinen jüdischen Organisationen sollen sich der Wichtigkeit und Dringlichkeit des jetzigen Momentes bewußt werden, der durch den Eindruck des Beilis-Prozesses gegeben ist. Dieser große Moment darf keine kleinen Männer finden. Keine Unbesonnenheit, nichts davon! Keinen eigenen Schritt, keinen einzigen. Aber auch keine Winkelzüge, welcher die heilige Sache nicht bedarf, und kein Zögern, das sie nicht verträgt. Was getan werden soll, wird in vollstem Tageslicht stehen und wird wirken und jeden Widerstand niederreißen durch die Kraft der Leidenschaftlichkeit, mit welcher Männer um ihre Ehre und ihre Bürgerlichkeit kämpfen und der Wahrheit, welche es zu verteidigen gilt. Das Jahr 48 hat uns nicht befreit, aber wir dürfen nicht ruhen bis wir die Gleichberechtigung haben. Weg mit den diplomatischen Reden und staubigen Papieren, reißen wir mit Kraft den gelben Fleck von der Brust, welchen wir solange tragen, als Leopold Hilsner wegen Ritualmordes im Kerker schmachtet. Ein Justizminister, dem ein Mechaniker Schneider in offener Sitzung des Landtags die schändlichsten Dinge nachsagen durfte und den wir wiederholt aufgefordert haben, uns zu klagen. Ein paar journalistische Klopffechter, von denen einer aus der Sache mehrere Millionen, der andere mehrere Mandate, der dritte bloß ein paar blutschänderische Gulden, der vierte die Popularität unter den Prager Strizzi erbeutete. Falsche Zeugen, welche ihre Verkommenheit durch eine ganze Serie offenkundiger Meineide bekräftigten, Sachverständige, welche vor Gott und den Menschen ihr feierliches Gelöbnis brachen — das waren unsere Herren und wir sollen noch weiter ihre Herrschaft ertragen? Im Trubel der österreichischen politischen Verhältnisse die aufrichtigsten und loyalsten Staatsbürger, im Elend unseres Wirtschaftslebens die aufopferndsten Pioniere und sieißigsten Arbeiter, müssen wir uns ohne Grenzen knechten und entrechten lassen, sollen wir warten, ob wir Gerechtigkeit durch Gnade erhalten? Man deckt sich hinter Formen des Prozeßwesens und verschanzt sich hinter Paragraphen. Das Recht ist aber nicht ein wesenloses Gespenst, ein blutleeres Dogma, eine sinnlose Theorie. Ein Urteilsspruch ist der Schicksalsspruch über lebende, fühlende, zerknirschte und hoffende Menschen und über jeder Entscheidung von Richtern steht in feurigen Buchstaben das große Weltgebot: „Du sollst nicht töten!" Ein Mord aber ist es, der im gefälschten Namen eines angeblichen Rechtes an Hilsner verübt wird. Alle die schreckstarrenden Schilderungen vom sibirischen Gefängnisleben werden wahr und dreimal wahr hinter den schweren Mauern unserer Gefängnisse. Es hat sich nur noch bei uns kein Schriftsteller gefunden, der uns gesagt hat, warum soviel Wahnsinnige bei uns den Kerker mit dem Irrenhaus vertauschen und wie häufig die Beisetzungen in den Friedhöfen der Strafanstalten sind, in deren Zellen die