Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Drj. Mochs Wochenschrift. Seite 853 interessanter Schauplatz vom Strome der Touristen und Reisenden durchflutet wird. Als solcher gilt dieser Stadtteil für all die Hunderte, die, von Cook geführt, diese Stadt durcheilen und nebst dem Reichsmuseum, dem Zoologischen Garten und dem Hafen auch die Besichtigung des Iudenviertels in ihr Reiseprogramm aufnehmen. Aber dem stillen Beobachter, der diese alten Straßen und Plätze, die vom regsten Leben erfüllt sind, ohne Rundreiseführer und ohne amerikanische Hast durchwandert, wird dieses Stadtbild mehr sein, als eine bloße Sehenswürdigkeit für den internationalen Fremdenverkehr. Das äußere Bild einer längst verflossenen Kulturperiode bietet den Rahmen für eine höchst lebendige Gegenwart. Doch das vielfältige Leben, das sich hier in Tausenden regt, hat die Grenzen, die dereinst vom Gesetze gezogen waren, auch heute nicht überschritten. Scheinbar unberührt von den neuen Fortschritten und großartigen technischen Errungenschaften, die jenseits dieses Viertels eine moderne, den Welthandel beherrschende Großstadt schufen, hat sich hier eine kleine Insel erhalten, die man unwillkürlich als ein freiwilliges Ghetto im 20. Jahrhundert bezeichnen möchte. In diesem merkwürdigen Gegensatz zwischen den Forderungen einer neuen Zeit und dem zähen Festhalten an einer Jahrhunderte alten Tradition liegt das eigentümlich fesselnde Interesse, das uns beim Betreten dieser kleinen Welt gefangen hält. Aus dem gewaltigen verkehrsreichen Innern der Stadt Amsterdam kommend, überschreiten wir die Brücke eines der vielen Kanäle, die mehr als die Straßen die Verkehrsadern dieser merkwürdigen, auf dem Wasser ruhenden Stadt bilden. Nach wenigen Schritten erhebt sich vor unseren Augen ein mächtiges,'schmuckloses Backsteingebäude. Beinahe symbolisch bildet dieser ernste Bau den Eingang zu der abgeschlossenen Welt, die vor Jahrhunderten die Zuflucht eines unterdrückten nnd vertriebenen Volkes wurde. Nach Holland wandten sich im 15. Jahrhundert die Juden aus Spanien und Portugal, um den Verfolgungen in ihrer Heimat zu -entgehen. Ihr Hauptsitz wurde Amsterdam, und durch den Handel und die Industrie, die sie entfalteten, gewannen sie Macht und Ansehen. Die Diamantschleiferei, die heute in Amsterdam eine der ersten derartigen Industrien der Welt bildet und nahezu 10.000 Arbeiter beschäftigt, kam durch portugiesische Juden nach Amsterdam. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, als die Juden das Bürgerrecht erhielten und nicht mehr hinter Mauern wohnen mußten, da waren in ihrem abgeschlossenen Stadtgebiet auch Glanz und Reichtum zu, Hause, die heute aus diesen Straßen in die Außenwelt geflohen sind. Aber groß und ehern, als markiges Zeichen einer stillen Kraft, blieb an der Pforte des Iudenviertels die portugiesische Synagoge, die die Juden zur Ausübung ihres heimatlichen Ritus errichtet hatten. Sie ist ein wundervolles Zeugnis für die Treue dieses Volkes und seiner Verehrung des alten Glaubens. Noch, heute dienen gar manche Nachkommen der Einwanderer aus dem 15. und 16. Jahrhundert treu der alten ererbten Lehre, und es ist ein weihevolles Erlebnis, am Freitagabend die herrliche alte Synagoge mit ihren wundervollen kostbaren Geräten zu betreten und dem uns seltsam anmutenden Gottesdienste zu lauschen. Wie spanische Granden erscheinen die Verkünder der Thora, würdevoll und feierlich, auch in ihrer äußeren Tracht die Erinnerung an die längst verlorene Heimat bewahrend. Kein Orgelion klingt in die Gebete dieser Andächtigen, die, durch Generationen getrennt, wohl nie die Lande ihrer Vorfahren sahen und doch in rührender Anhänglichkeit und Treue die Tradition erhalten. Aber dieses erhabene Bild uralter Ueberlieferung kann die Schatten der Gegenwart nicht verwischen. Das Iudenviertel hat sich freiwillig erhalten durch die Verbrüderung all derer, die eine innere Zusammengehörigkeit fühlten, aber es ist der Aufenthalt der Aermsten der Armen ihres Stammes geworden. Als die physischen Ghettomauern gefallen waren, da zogen die Juden hinaus und lebten gleich anderen freien Bürgern. So wollte es der Fortschritt der Zeit. In Amsterdam blühten Handel und Schiffahrt, an denen sie sich rege beteiligten. Aber für die Armen gab es draußen keinen Erwerb. So blieben sie unter sich, scheu abseits von der großen fremden Menge. Und wenn wir jetzt die „Joden Breestraat", die Hauptstraße dieses seltsamen Stadtteiles, durchwandern, so versinkt all der brausende Maschinen- und Dampsverkehr der modernen Zeit, und wir sind in der kleinen engen Welt eines Völkchens, das mühselig kämpfend sich durch den Alltag des Lebens ringt. Der äußere Anblick der schmalen Straßen mit ihren altersgrauen verwitterten Häusern bietet wohl ein malerisches Bild, dessen Reiz durch die zahlreichen belebten Kanäle, die an der Rückseite der Gebäude vorbeifließen. noch erhöht wird. In Holland gibt es gar viele pittoreske Bauten mittelalterlicher Vergangenheit, die als pietätvoll erhaltene Denkmäler einer vergangenen Kunstperiode inmitten des modernen Lebens die Zeugen alter Kulturerrungenschaften sind. Aber im Judenviertel in Amsterdam sind die alten spitzgiebeligen Häuser, die wohl für den Kunsthistoriker von größtem Interesse sind, aber allen Anforderungen der neuen, von sozial-hygienischen Ideen erfüllten Zeit Hohn sprechen, die Wohnsitze der jetzigen Generation geblieben. Es wäre recht aussichtslos, den Gedanken moderner sozialer Wohnungsfürsorge in diesen Gassen und Gäßchen nachzuhängen, deren leider auch mehr als mittelalterliche Wohnungen von frischer Luft und Reinlichkeit nur wenig wissen. Eine kleine Beruhigung liegt für uns in der Tatsache, daß die Stadt mehrere dieser dem Verfall nahen Häuser als „unbewohnbar" erklärt hat, die mit ihren zerbrochenen Fensterscheiben und geborstenen Holztreppen von denen als „bewohnbar" zulässigen Häusern allerdings keinen allzugroßen Abstand bilden. So weit erstrecken sich die Fürsorge und Aufsicht einer kommunalen Verwaltung. Das Leben der Insassen dieser Häuser scheint sich aber dem Anblick nach, der sich uns bietet, zumeist auf der Straße abzuspielen. Welch' buntes wimmelndes Getriebe umfängt uns hier! Die ganze Bewohnerschaft ist lebendig, von Haus zu Haus ist ein Rufen und Schreien, alle Geschäfte und Obliegenheiten des täglichen Lebens erfüllen sich hier im engsten Kreise in der allgemeinen Öffentlichkeit. Vor den Häusern sind Verkaufsstände mit Lebensmitteln aufgeschlagen, die auch in offenen, etwas tiefer gelegenen Gewölben ausgestellt sind. Auf kleinen Wagen werden Fische — das Hauptnahrungsmittel ihrer Billigkeit wegen — durch die Straßen gefahren und mit lauten Rufen feilgeboten. Hier ist der Kleinhandel in Blüte, denn solch ein Tier wird in die kleinsten, anatomisch möglichen Teile zerlegt, um seinen Käufer zu finden. Große Körbe voll Gurken und Melonen bringen ihren matten Farbenglanz in das belebte Bild: sie werden ebenfalls in Stücklein geteilt, die bei geringerem Angebot zum Preise eines Cent losgeschlagen werden. Die Frauen sind in vollster Tätigkeit, ihre Einkäufe zu besorgen, die Männer preisen laut rufend und gestikulierend ihre Waren an. Es herrscht ein Feilschen und Handeln ohnegleichen, der regste Geschäftsverkehr wickelt sich hier im kleinen ab. So sorgten wohl die Väter und Mütter vor Jahrhunderten um des Lebens Notdurft, und es ist merkwürdig, daß eine große Anzahl ihrer Nachkömmlinge, unbekümmert um den