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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-11-14 · 46 (14.11.1913) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 848 Dr. Blochs Wochenschrift. Nt. 46 und verkündigen christliche Gebräuche, die wir als Römer weder annehmen noch befolgen dürfen. Dies brachte das Volk wider sie in Aufruhr und die Stadtrichter liehen ihnen die Kleider abreiben und sie geißeln." Die Heiden beschuldigten die Christen: erstens der Gottlosigkeit, zweitens der Blutschande, drittens der Tötung von Kindern, deren Blut und Knochen sie verzehren. Der Kirchenvater Tertullianus (221) protestiert in seiner berühmten „Apologia" gegen diese Beschuldigungen. Ebenso verteidigt sie der christliche Philosoph Athenagoras in einem Briefe an den Kaiser Marc Aurel gegen die Beschuldigung der drei benannten Verbrechen. Der Märtyrer Iustinus verwahrt sich insbesondere gegen alle Folgerungen aus den durch die Folter erpreßten Aussagen. Denselben Protest gegen die Beweiskraft der Folter erhebt Eusebius. Von Interesse ist ein Merkchen: „Oktavius" von Mmucius Felir, weil dort als „Argument" angeführt wird, daß doch „derlei Dinge nicht erzählt werden könnten, wenn sie nicht auf Wahrheit beruhen würden"., Dort findet man nämlich auch eine Andeutung über die Entstehung und Beschuldigung gegen die Christen. Es wird da erzählt, daß bei der Aufnahme ins Christentum der Neophit veranlaßt wird, aus ein Brett zu schlagen, unter welchem ein Säugling verborgen ist, und daß dann die Christen das Blut des getöteten Kindes gierig auflecken und seine Glieder essen! Was lag nun näher, als in späterer Zeit, da mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion die Beschuldigungen gegen die Christen verstummt und bei der Menge in Vergessenheit geraten waren, daß die Blutfabel auf die Juden angewendet wurde und noch bis heute angewendet wird. Wäre das Christentum keine Staatsreligion geworden, hätte es sich nur als schwache Minorität erhalten, sicherlich würde man noch heute auf jene alten Zeugnisse als sprechende Beweise für das Alter und daher auch die Wahrheit jener Beschuldigungen Hinweisen. — Aus diesen Beispielen ist die Nutzanwendung zu ziehen, daß einzig und allein nur Bildung und AufklärungBürg schaftbieten, Aberglauben und Vorurteile erfolgreich aus der Welt schaffen zu können. Allen edelsinnigen Männern, die in dieser traurigen Zeit mutig und unbeirrt fiir die Sache ber Menschlichkeit und des Rechtes ihre Stimme erheben, sei Dank gezollt." — Den Ausführungen des Vortragenden ward brausender Beifall zuteil, welchen derselbe lediglich in Uebertragung an den Referenten dankend entgegennahm. Hierauf meldeten sich mehrere Redner zum Worte. Heber Aufforderung des Vorsitzenden wurde dasselbe zunächst einer Dame, der Schriftstellerin und Pädagogin Frau Elisabeth Bertha Groll, eingeräumt, welche ein längeres stimmungsvolles Gedicht vortrug, das sie den Geschworenen in Kiew zugesandt hatte und einen Appell an deren Humanität bildet, zugleich mit einem Zurückweisen des Ritualmordgedankens, wofür ihr reichster Beifall gespendet wurde. Weiters erwähnte Herr Weismann, der soeben von einer Reise nach Kiew zurückgekehrt war, der Drangsalierung, der die Juden dort ausgesetzt seien. So wurden 122 Personen unter dem Vorwand der Konspiration verhaftet, weil sie, in der Furcht, einem Pogrom während der hohen Feiertage ausgesetzt zu sein, es vorzogen, ihre Andacht zu Hause, anstatt im Tempel zu verrichten. Er wendete sich in scharfen Worten gegen die antisemitischen Hetzblätter, welche in übelwollendster Absicht alle jene Beschuldigungen, die den Juden Schmach bereiten, publizieren, dagegen die zahlreichen Gegenbeweise und die Gutachten ehrlicher Sachverständiger beständig verschweigen. In Rußland ist österreichisches Kapital in hohem Maße investiert. Es liegt nahe, daß bei einer Verurteilung des angeklagten Beilis der Ausbruch! neuerlicher Pogroms zu gewärtigen sei, wodurch das österreichische Kapital, welches bei den Kaufleuten und Banken investiert ist, erheblichen Schaden erleidet. Der Jude ist anscheinend bei vielen Christen gleichsam ein Brief mit sieben Siegeln,- und' es liegt leider im Wesen mancher Nichtjuden über die Juden nur Schlechtes zu denken. Wir müssen weniger gegen die Richter in Kiew, als vielmehr gegen die ganze Menschheit protestieren. Nachdem noch mehrere Redner in lebhafter und kräftiger Weise ihrer Entrüstung über die Haltung der antisemitischen Presse, bezw. der Duldung derselben durch die berufenen Aeberwachungsorgane Ausdruck verliehen hatten, und auch ein Antrag auf Boykottierung der russischen in den Cafes aufliegenden Hetzblättern, namentlich der „Nowoje Wremja“ angenommen wurde, gelangte die von Herrn Professor Dr. Friedrich I o d l verfaßte Resolution zur Beschlußfassung. Dieselbe hat folgenden Wortlaut: Resolution: „Die zu Wien am 30. Oktober 1913 tagende Protestversammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus spricht es als ihre Ueberzeugung aus, daß die zeitweilig immer wieder auftretende Behauptung, es würden von Juden an jungen Christenmenschen Mordtaten verübt, um das Blut rituellen Zwecken zuzuführen, in den religiösen Schriften und Urkunden sowie in der Tradition des jüdischen Volkes keinerlei nachweisbare Begründung besitzt: daß vielmehr derartige Blutakte mit dem Geiste und den innersten Tendenzen der ethisch so hochstehenden, um die Entwicklung und Läuterung des religiösen Fühlens und Denkens der Menschheit so verdienten Religion des Judentums, ebenso aber auch! mit der allgemeinen Haltung seiner Zeremonialgesetze im stärksten und schreiendsten Widerspruch stehen. Die Versammlung kann daher in dieser von Zeit zu Zeit — namentlich in Anlehnung an gewisse nicht völlig aufgeklärte Kriminalfälle — immer wieder auftretenden Behauptung solcher rituellen Bluttaten nichts weiter erblicken, als ein höchst ruchloses, verabscheuungswürdiges, bei der Beschränktheit, Leichtgläubigkeit und Bosheit gewisser Volkskreise selten versagendes Mittel politischer, religiöser und sozialer Feinde des Judentums, um gegen das Judentum Stimmung zu machen, Ausnahmsgesetze zu rechtfertigen, ja in manchen nur allzuwohl bekannten Fällen schweren Justizirrtümern eine Art prinzipiellen Hintergrundes zu geben." Auf Anregung aus der Versammlung durch Herrn Bezirksrat Ph. Bak u. awurde dann noch ein Zusatz beigefügt, in welchem die Regierung zur Handhabung der Preßgesetze in ganz gleicher Weise wie gegen freisinnige Artikel auch gegen die Ritualmordbeschuldigungen in der Presse aufgefordert wird. Nachdem die Resolution mit diesem Zusatze einstimmig angenommen worden war,- verwies Gemeinderat M o i ß l in temperamentvollen Worten darauf, daß auch im eigenen Lande sich noch immer ein Opfer des Ritualmordwahnes befinde und der Stunde der Befreiung harre, die anzustreben wohl weniger aus persönlichen, denn prinzipiellen Gründen,- Pflicht aller freiheitlich Denkenden sei, vor allem des Parlamentes. Da hiemit die Tagesordnung erschöpft war, löste sich, nach erfolgter Notierung des Dankes an die Vereinsleitung, die sehr stark'' besucht gewesene Versammlung auf.

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