Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022082--22644-3047800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 46 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 843^ Rabiner Dr. Adolf Kchrmedl geboren zu Eibenschitz, 26. Jänner 1321, gestorben 7. November 1913 zu Wien. Nun ist auch der ehrwürdige Greis, den die Wiener isr. Kultusgemeinde mit Stolz als ihren Rabbiner und Seelsorger feierte und dem die Juden der Leopoldstadt in inniger Liebe und Verehrung an den Lippen hingen, zu seinen Vätern einberufen worden. Der Verewigte war gleich hervorragend als Kanzelredner, als Gelehrter, wie als Mensch,- als Prediger war er nie Nachahmer fremder Vorbilder, sondern höchst eigenartig, originell, schöpferisch, stets im Geiste der uralten Midraschlehrer. Bereits als 73jähriger wurde er auf die Kanzel der Leopoldstadt berufen, allein das Alter hatte seine Geisteskraft nicht gemindert, seine Beliebtheit als Prediger nahm immer mehr zu, und es schien, als ob die Zeit keine Macht über ihn hat. Seine Methode in den Predigten, von einer geistreichen, witzigen Exegese gewürzt, entzückte die Zuhörer durch ihre Jugendfrische. Sein erstes Rabbinatsamt trat er im Jahre 1846 an. In der mährischen Gemeinde Gewitsch — wo der nachmalige Pester Oberrabbiner Löw Schwab sein Vorgänger war. Er gewann dort schon dadurch die allgemeinen Sympathien, daß er täglich talentvollen Söhnen der Gemeinde Unterricht im Talmud, hebräischer Sprachwissenschaft und sogar in der lateinischen Sprache erteilte, so daß diese Schüler dann sämtlich wissenschaftliche Laufbahnen einschlugen. Er war aber zugleich auch Mitarbeiter bei der in Wien erscheinenden hebräischen Zeitschrift „Kochbe Jizchak“,fotme bei der von Julius Fürst in Leipzig redigierten Zeitschrift „Orient". Als im Jahre 1844 der sensationelle Fall eintrat, daß zwei jüdische Matrosen ihrer Tüchtigkeit halber vom Kaiser Nikolaus zu Offizieren ernannt, jedoch gezwungen werden sollten, die Taufe zu nehmen, und hievor durch selbstgewählten Tod im Meere sich befreiten, so erschien hierüber im „Orient" eine vom Verewigten verfaßte ergreifende Dichtung mit dem griechischen Motto — aus einer äsopischen Fabel: „Es ist besser, einmal zu sterben, als durchs ganze Leben 3U zittern." Im bewegten Jahre 1848 erhielt er für sein taktvolles Vorgehen von der mährischen Statthallerei eine ehrende Belobung. Im August des Jahres 1649 wurde er Kreisrabbiner in Teschen. Im August 1852 begann seine Wirksamkeit als Rabbiner der Gemeinde Proßnitz. Hier schrieb er sein bekanntes Buch ^.Sansinim" (Prag 1859), das durch seine populäre Darstellung einen weiten Leserkreis sich erwarb. Hier schrieb er sein großes Werk über S a a d i a's Emunoth Wedeoth: Studien zur jüdischarabischen Religionsphilosophie" (Wien, bei Herzfeld und Bauer, 1869). Nach nahezu 17jähriger Amtswirksamkeit verließ er Proßnitz und folgte dem Rufe nach den im vormaligen politischen Bezirke Sechshaus gelegenen Vororte Wiens. Aus dieser Zeit stammen folgende Publikationen: 1. „8aaäia Alfojiimi und die negativen Vorzüge seiner Religionsphilosophie", 2. „Eine Denkschrift auf Dr. Julius Fürst und dessen sprachwissenschaftlichen Standpunkt". Als Iherings epochale Schrift: „Der Kampf ums Recht" erschienen war. da fühlte sich der Verewigte angeregt, eine Seitenschrift hiezu zu verfassen: ..Der Kampf ums Recht im Verhältnis zum Judentum und dem Urchristentum". (Wien 1875.) In den Jahrbüchern (Ozar Hsafrath) erschienen „Scholim zum Tractat Xiääu86bin", als eherechtliche Studien. . Als Großwien entstanden war, wurde die Amtswirksamkeit des Verblichenen von Fünfhaus nach dem 2. Bezirke verlegt, wo er seit 1894 Scharen von begeisterten Zuhörern int Tempel der Leopoldstadt anzog. Im Jahre 1901,- anläßlich seines 80. Geburtstages, war der Verewigte Gegenstand außerordentlicher Huldigungen. Die verschiedensten Kreise und Schichten der Wiener jüdischen Bevölkerung wetteiferten miteinander, den gefeierten Seelsorger Huldigungen aller Art, Zeichen ungeheuchelter Verehrung und tiefinnigster Sympathie darzubringen. Allein, auch von auswärtigen Gemeinden erschienen Deputationen von Kultusvorständen, um an der Schmiedl-Feier persönlich Anteil zu nehmen: andere Gemeinden hinwiederum gaben ihrer Verehrung für den greisen Theologen in Form von Adressen Ausdruck, nach Hunderten und Hunderten zählten die telegraphischen und schriftlichen Begrüßungen, welche aus allen Teilen der Erde an den Jubilar aus Anlaß dieses Tages gelangt waren. Im Jahre 1911 feierte die Gemeinde den 90. Geburtstag Schmiedls. Der Festgottesdienst fand am 27. Jänner im Leopoldstädter Tempel statt. Die Feier wurde bereits am Freitag abend dadurch eingeleitet, daß Rabbiner Dr. Mar Grunwald am Schlüsse einer groß angelegten Predigt den ehrwürdigen Greis im Namen der jüngeren Kollegen beglückwünschte. Samstag vormittag hielt in Anwesenheit des gesamten Kultusvorstandes, des Beamtenkörpers, der Vertreter zahlreicher Vereine und Notabilitäten der Gemeinde Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann eine herrliche Festpredigt, in welcher er auch erwähnte: „Ich habe schon zweimal das Glück gehabt, unserem Jubilar an bedeutsamen Wendepunkten seines Lebens die Gefühle der Gemeinde zu verdolmetschen: zu seinem 70. und zu seinem 80. Geburtslage. Ganz besonders aber fteue ich mich, dieses Amt auch zu seinem 90. Geburtstag ausüben zu können." Nach dem Gottesdienst versammelte sich der Kultus- Vorstand im Zeremoniensaal und der Präsident Dr. Alfred Stern richtete an den ehrwürdigen Greis eine ergreifende Ansprache voll dankbarer Anerkennung und Bewunderung. Auch aus Anlaß dieses Festes waren ihm zahlreiche Ehrengeschenke. Glückwunschadressen. Briefe und Telegramme aus dem In- und Auslande zugekommen. Von Sr. Majestät dem Kaiser wurde er durch Verleihung des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. So hat die Liebe und Verehrung seiner Gemeinde und seiner Glaubensgenossen überhaupt den Verewigten bis in seine letzten Tage unentwegt begleitet. Er hat Liebe gesät und Liebe geerntet. Sein Andenken wird ein gesegnetes bleiben. Das Leichenbegängnis am 9. November. Schon eine Stunde vor Beginn der für 10 Uhr anberaumten Leichenfeier waren die weiten Räume des Leopoldstädter Tempels von Leidtragenden bis auf das letzte Plätzchen erfüllt. Zahlreiche Eemeindemitglieder waren gekommen, um den toten Seelsorger zu ehren. Die ersten Bankreihen waren im Mittelschiffe des Gotteshauses für die Dignitare freigehalten. Der Tempel trug tiefe Trauer. Die Doppeltüre der Bundeslade, die Kanzel und der bevorzugte Sitz, den der Verblichene inne hatte, waren schwarz drapiert. Auch die Steinfliesen des Podiums vor der Bundeslade waren mit schwarzem Tuch verkleidet. In der ersten Bankreihe im Mittelschiffe saßen rechts die Familienangehörigen des Seelsorgers. In der linken Loge hatte das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde Platz genommen, in der rechten war das Rabbinatskollegium plaziert. Unter den Trauergästen waren zu sehen: Die Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde nahezu lückenlos, und zwar: Präsident Dr. Alfred Stern mit den beiden Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn und Hofrat Dr. Rappaport, die Kultusvorsteher S. Brod, Prof. Dr. 2. Ehemann, Moritz Eihler, Dr. Jakob Engel, Emanuel Grünwald, Ernst Hirsch, Emanuel Hoffmann, kais. Rat S. Kauders, Dr. Leopold Kohn, Carl Lemberger, Adolf Schrame!, Dr. Heinrich Schreiber, Komm.-Rat Leop. Simon, Dr. Markus Spitzer, kais. Rat Jonas Weil, Mar Zirner, die Bethausvorsteher Anton Beck, Karl Freund, Theodor Kohn, Rudolf Kohn, Dr. Herm. Löwi, Dr. Elias Münz, S. A. Wasservogl und kais. Rat Ignaz Wilhelm, der Präsident der Chewra- Kadischa Salo Cohn insfc die Vorstandsmitglieder S. Goldmann,