Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seit? 841 UM sie angeblich, übersetzen zu lassen. Die Bevölkerung glaubt nun, datz, bei diesen chassidischen Rabbinern wichtiges Veweismaterial für den Ritualmord bei Juden gefunden worden sei, und nimmt gegen die Juden im allgemeinen eine gehässige Stellung ein. Und das ist ja das wahre, wenn auch uneingestandene Ziel aller dieser polizeilichen Ueberfälle. Der Bettis-Prozch im Film. Mit unglaublicher Promptheit hat eine russische Filmfabrik die Vorgänge im Kiewer Gerichtssaal kinematographisch ausgenommen und in vielen russischen Städten wurden auch diese Bilder vorgeführt. In den meisten Städten wurde allerdings die kinematographifche Aufführung des Beilis-Prozefes polizeilich untersagt. Origineller als diese alltägliche russische Matzregel war ein Ukas der Polizeiobrigkeit des russischen Städtchens Kostroma. Auch in dortigen Kinemakographen bildete der Beilis-Prozetz einen Punkt des Kinoprogrammes. So oft diese Bilder an die Reihe kamen, wurde die Musik, welche sonst alle anderen Stücke begleitete, unterbrochen. Der Polizeimeister von Kostroma erblickte jedoch in dieser peinlich traurigen Stille während der Vorführung des Beilis-Films eine Demonstration gegen dir Prczehführung. Er befahl daher, datz die Musik auch bei diesem Stücke zu spielen habe, weil er sonst dem Kinobesitzer die Konzession entziehen würde. Seitdem wird in Kostroma auch beim Beilis-Prozetz gespielt, und zwar die Arie aus der Oper „Die Makkabäer". Die Haltung des Papstes. Wie das „Rusko Ieslovo" in Petersburg aus verläßlicher Pariser Quelle erfährt, habe der Papst in den letzten Tagen aus allen Ländern der Welt Bitten geborener Katholiken erhalten, er möge doch zu dem Beilis- Prozetz, der die gesamte Kulturwelt in Atem halte, in irgend einer Form Stellung nehmen. Der Brief des Kardinals Merry bei Val an Lord Rothschild sei nun die Antwort des Papstes auf all diese Bittgesuche, denn es stehe fest, daß der Papst auf die Redaktion dieses Briefes Einfluß genommen habe. Eine tapfere Tat des Reichsratsa-geordnetrn Hofrats Camilt Kuranda. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 22. Oktober d. I haben die deutschnationalen Abgeordneten Teufel, K. H. Wolf, Schürl, Kopp, Dr- Wichtl, Rieger, Lötzl, Heine, Kroy, Kasper, Bernt, Felzmann, Dr. Michl, Hummer und Pacher durch eine Interpellation an den Justizminister einen Artikel des „Znaimer Deutscher Mahnruf" immunisiert, welcher eine nichtswürdige Verhöhnung der Bibel und der den Juden heiligsten Religionssatzungen darstellt. Der Reichsratsabgeordnete Camill Kuranda hat nun an alle jene Kultus - gemeinden, welche in den Wahlbezirken der oben genannten Abgeordneten liegen, das folgende offene Sendschreiben gerichtet: „In der 163. Sitzung des Abgeordnetenhauses hat der Abg. Teufel eine von den Abgeordneten Rieger, Lötzl, Heine, Kroy, Kasper, Bernt, Felzmann, Dr. Michl, K. H. Wolf, Schürl, Kopp, Hummer, Dr. Wichtl, Pacher mitunterzeichnete Interpellation an den Justizminister gerichtet, welche den Zweck hat. einen in den Nummern 37 und 39 vom 13. und 27. September 1913 des Znaimer „Deutscher Mahnruf" veröffentlichten Artikels, betitelt: „Neue verbesserte Geschichte der Juden" zu immunisieren. Wie Sie sich aus dem Wortlaute des der beiliegenden Interpellation eingefügten Artikels überzeugen wollen, enthält derselbe ein unqualifizierbares, direkt blasphemifches Pamphlet gegen das Judentum, welches die heiligsten Traditionen und Lehrsätze desselben in der gemeinsten und albernsten Weise in den Kot zerrt, Traditionen und Lehrsätze, die zum großen Teile Gemeingilt der ganzen Kulturwelt geworden sind. Die Stellung des Judentums würde ihm erlauben, über dieses Machwerk achselzuckend zur Tagesordnung überzugehen, keinesfalls aber kann das Vorgehen jener Abgeordneten, welche sich durch ihre Unterschriften bereit gefunden haben, dieses Pamphlet der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen und hiedurch ihre Zustimmung zumindest zu dessen Tendenz offen zum Ausdrucke gebracht haben, unerwidert und, so weit es an uns Juden liegt, ungesühnt bleiben. Nach meiner innersten Ueberzeugung. welche ich im Hinblick auf meine politische Stellung zum Ausdrucke zu bringen für meine Gewissenspflicht halte, macht sich ein jeder jüdische Wähler des Verrates an Glaube und Stamm schuldig, welcher in Zukunft einem der auf dieser Interpellation Unterzeichneten Abgeordneten, worunter sich auchder Ihres Wahlkreises befindet, seine stimme gibt und der nicht unter jeder Bedingung sein Votum für den Gegenkandidaten des betreffenden Abgeordneten, mag dieser Kandidat welcher Parieistellung immer angehören, abgibt. In der sicheren Ueberzeugung. datz meine Glaubensbrüder, die hier in Betracht kommen, diese meine Anschauung voll und ganz teilen, habe ich mir erlaubt, dieselbe im Vorstehenden zum Ausdrucke zu bringen. Camill Kuranda. Reichsratsabgeordneter. Ein Kampf um das KoL-N'dre-GebeL. Wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft hatte sich einem uns aus Dresden zugehenden Berichte zufolge vor dem dortigen Landgericht der Verleger und Redakteur der „Sächsischen Landeszeitung", Ernst Meyer, zu verantworten. In einem Artikel, der in der genannten Zeitung erschien, wurde behauptet, es könne den Juden nachgewiesen werden, ihnen würde für Meineid im Kol-Nidre-Gebet, das am Versöhnungstag gebetet wird, Absolution erteilt, auch sei es den Juden erlaubt, Nichtjuden zu betrügen und zu bewuchern. Der Vorsitzende machte den Angeklagten darauf aufmerksam, datz die vom Gericht von christlicher und von jüdischer Seite eingeholten Gutachten vernichtend für seine Auffassung seien. Der Vorsitzende verlas ein Gutachten des evangelischen Theologen Prof. Dr. Behr. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einer Woche G efängnis. („Reichenberger Zeitung".) Ein jüdischer Bürgermeister in Czernowitz. Aus Czernowitz wird uns gemeldet: Bei der am 5. November stattgefundenen Sitzung des Czernowitzer Gemeinderates wurde der bisherige erste Vizebürgermeister Dr. Salo Weitzelberger zum Bürgermeister gewählt. Dr. Salo Weitzelberger ist Jude und gehört der Straucher-Partei an. Die Wahl kam im Wege eines ,Kompromisses zwischen Deutschen, Juden und Polen zustande. Bürgermeister Dr. Salo Weitzelberger ist in Draczynetz als als Sohn eines Großgrundbesitzers im Jahre 1867 geboren. Nach Absolvierung der Gymnasialstudien bezog Dr. Weitzelberger die Czernowitzer Universität, wo er seine juristischen Studien absolvierte. Im Jahre 1892 trat er in die Finanzdirektion ein, wo er nur kurze Zeit blieb. Cr widmete sich der richterlichen Laufbahn und machte bald Karriere, indem er schon im Jahre 1906 Landesgerichtsrat wurde. Dr. Weitzelberger trat politisch zum ersten Male bei der Begründung der Mittelpariei des Großgrundbesitzes hervor, bei welcher Partei er Obmann-Stelloertreter wurde. Am 10. Jänner 1907 wurde Dr. Weitzelberger aus dem ersten Wahlkörper in den Gemeinderat gewählt. Schon einige Monate später und zwar in der Sitzung vom 1. Juni 1907, wurde Dr. Weitzelberger zum ersten Vizebürgermeister einstimmig gewählt. Im selben Jahre wurde er vom Gemeinderate in den Verwaltungsrat des Elektrizitätswerkes entsendet, in welchem er gegenwärtig die Stelle