Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 840 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 46 blick über die Anzahl der Zeitungen und Redakteure, die im Anschluß an den Beilis-Prozeß bisher „zur Strecke gebracht" worden sind. Im Laufe der ersten 25 Tage der Verhandlungen wurden verhaftet fünf Redakteure, in Anklagezustand versetzt sechs Redakteure, beschlagnahmt 25 Zeitungen und fünf Flugschriften. Zwei Zeitungen sind infolge ihrer Prozeßberichte endgültig unterdrückt worden und 39 Zeitungen erhielten bisher Geldstrafen. Maßregelung eines Sachverständigen. Die Gerüchte über die Nichtbestätigung Professor Bechterews zum Präsidenten des Psycho-Neurologischen Instituts in Petersburg sollen sich wider alle Erwartung nun doch als begründet erweisen. Trotzdem der bekannte Gelehrte Gründer der Anstalt ist, sowie seit dem Bestehen stets den Präsidentenposten innegehabt hat, wird seine soeben einstimmig erfolgte Wiederwahl auf weitere fünf Jahre nicht die ministerielle Bestätigung erfahren. Diese befremdliche Tatsache wird mit dem Kiewer Ritualmordprozeß, in Zusammenhang gebracht. Professor Bechterew hat schon wiederholt auf die Unsinnigkeit dieser Anklage hingewiesen. Im Biewer Gerichtssaal hat der Professor sich in dieser Richtung ebenfalls mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit ausgesprochen. Der Prozeß der philosophisch,-religiösen Gesellschaft in Petersburg. Vor wenigen Tagen fand in Petersburg die Plenarversammlung der russischen philosophisch-religiösen Gesellschaft statt, in welcher der bekannte russische Philosoph und Künstler Merschkofsky eine Vorlesung über die Blutbeschuldigung hielt. Merschkofsky behandelte hauptsächlich die Frage von dem Standpunkte aus, den die russische Intelligenz zur Blutbeschuldigung einnimmt, bezw. einnehmen soll. Und von diesem Gesichtspunkte aus tritt er in schärfster Weise gegen das Mitglied der Gesellschaft Rozanow auf, der es für gut findet, den jüdischen Glauben zu lästern, ohne daran zu denken, daß er damit auch die christliche Religion, die aus der jüdischen hervorging, verlästert. Nach diesem Vorträge fand eine angeregte Debatte statt, die schließlich zur Annahme einer unzweideutigen Resolution führte, mit welcher gegen die Ritualmordbeschuldigung gegen die Juden Protest erhoben wird. Die Petersburger russischen Schriftsteller an dis Verteidiger. Die in Petersburg lebenden russischen Schriftsteller haben sich dieser Tage zu einer Besprechung versammelt und beschlossen, an die Verteidiger im Beilis- Prozeß für ihre korrekte und unerschrockene Haltung ein Begrüßungsielegramm abzusenden. Das Telegramm trägt die Unterschrift nahezu sämtlicher namhafter russischer Schriftsteller in Petersburg, wobei zu bemerken ist, daß auch solche Schriftsteller und Publizisten ihre Unterschriften nicht versagten, von denen es bekannt ist, daß sie sowohl im gesellschaftlichen Leben, als auch in ihren Schriften durchaus nicht der judenfreundlichen Richtung angehören. Fürstprimas Dr. Efecnvch über die Freisprechung Beilis'. Ein Mitarbeiter des „Politischen Volksblatt" teilte dem Fürstprimas Dr. Johann Csernoch mit, daß Beilis freigesprochen worden sei. „Beilis ist freigesprochen?" meinte der Kirchenfürst. „Das freut mich aufrichtig und vom Herzen. Uebrigens, ich habe es vorausgewußt, daß dieser Prozeß mit einem Freispruche enden werde: denn es ist ja sonnenklar, daß Beilis unschuldig ist. Durch diesen Freispruch wird das Märchen vom Ritualmord hoffentlich ein für allemal aus der Welt geschafft. Das ist mein fester Glaube, meine Hoffnung. Ich habe den Verlauf des Prozesses mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt und bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß man dem Angeklagten nichts werde beweisen können. Gewundert hat es mich bloß, .daß es einen Staatsanwalt gibt, der sich dazu hergibt, eine derartige Anklage zu vertreten. Ich will noch einmal wiederholen: Ich vertraue darauf, daß der Prozeß Beilis der letzte derartige Prozeß gewesen ist, und halte es für sehr erfreulich, daß auch in Rußland der Geist der Aufklärung immer mehr zu leuchten beginnt." New Dorr 35 hervorragende Geistl.che aller christlichen Konfessionen übermittelten dem Staatsfekietär Bryan eine Petition an den Zaren in der Ritualmordsache. In der Petition bitten sie ihn, Ungerechtigkeiten gegenüber der jüdischen Bevölkerung abzustellen. Bryan erklärte indessen, er könne das Dokument nicht weitergeben, da Rußland die Annahme von Eingaben verweigere. New-Dork. Vierzig Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe aller Konzrssim en protestierten beim russischen Botschafter in Washington gexen den Beilis-Prozeß. Die allrussische Ausstellung und der Beilis-Prozeß in Kiew. Welch' tiefen Eindruck der Ritualmordprozeß in Kiew auf die gesamte russische Bevölkerung ausübt, geht daraus hervor, daß, seitdem der Prozeß begonnen hat, selbst 1 die allrussische Ausstellung in Kiew, auf welche Rußland so stolz war, das Interesse der Russen nicht mehr zu fesseln vermochte und vorige Woche sang- und klanglos geschlossen wurde. Auf einem der schönsten und höchst gelegenen Plätze von Kiew befand sich der große, herrlich von Bäumen und Blumenanlagen übersäte Komplex von Gebäuden, in welchem die allerneuesten Errungenschaften der Technik, die allerletzten Neuheiten auf dem Gebiete des Handels und der Industrie aufgestapelt lagen. Wer diese Ausstellung, so wird uns geschrieben, besuchte, glaubte sich in einem von modernster Kultur saturierten Lande zu befinden. Doch verließ man dieses Gebäude, verließ man diese herrlichen Werke menschlichen Fleißes und begab sich mitten in die Stadt und sah die unzähligen Gesichter, die einander fragend anblickten und den Namen Beilis nannten und von Ritualmord sprachen, da mußte man glauben, daß all das, was man in jenen Ausstellungsgebäuden gesehen, bloß ein schöner Traum gewesen sei, oder man mußte zu der Ueberzeugung gelangen, daß das, was in dem Kiewer Gerichtssaal seit drei Wochen vor sich geht, ein Trugbild wildester Phantasie sein müsse. In Wahrheit aber standen diese zwei Gebäude, das Ausstellungsgebäude, dieses Arsenal geistiger Waffen, und das Kiewer Gerichtsgebäude, dieser Sammelpunkt verbrecherischen Judenhasses, wie zwei Festungen einander 'gegenüber, aus denen auf einander geschossen wird. Es ist ein Kampf, der in Rußland geführt wird, zwischen friedlicher Arbeit und Aufklärung einerseits und barbarischen Fanatismus andererseits. Der Beilis-Prozeß ist nur eine Form' dieses Kampfes. Er hat der allrussischen Ausstellung die Besucher wegzulocken vermocht. Aber es muß und wird auch in Rußland umgekehrt kommen müssen. Hausdurchsuchungen bei chassidischen Rabbinern. Aus Kiew wird berichtet: Zur Verblüffung der öffentlichen Meinung werden jetzt bei den verschiedenen chassidischen Rabbinern in Rußland unangemeldete Hausdurchsuchungen vorgenommen. Dieser Willkürakt erfolgt stets unter großem Aufwand von Gendarmerie und Polizei, welche die Ausgänge der Wohnungen der betreffenden Rabbiner bewachen. Es werden alle möglichen hebräischen Bücher und Korrespondenzen saisiert und vor dem angesammelten Publikum auf Wagen fortgeschafft,