Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 839 Michael Karolyi und zahlreiche andere Politiker und hervorragende Mitglieder der ungarischen Finanzwelt und Gesellschaft. Vorsitzender Hofrat Franz Szekely erössnete die Versammlung und gab bekannt, daß die Versammlung den Zweck habe, der gerechten Entrüstung Ausdruck zu geben, datz man gegen das Judentum, dessen Mitglieder überall, wo sie der bürgerlichen Rechte teilhaftig wurden, sich als treue und hingebungsvolle Söhne des Vaterlandes erwiesen haben, eine solche schwere, aus wüstem Aberglauben beruhende Anklage, wie die Ritualmordanklage, erhoben habe. Abgeordneter Samuel Bakonyi führte aus: Wir sind nicht gekommen, um wegen der himmelschreienden Leiden unserer Volksgenossen zu klagen und zu jammern, wir freien Bürger dieses Landes können verkünden, daß der giftige Samen des konfessionellen Hasses hier keinen fruchtbaren Boden gesunden hat. Deshalb ist es unsere Pflicht, unseren Protest zu erheben, wenn in dem Lande der Unterdrückung die Religion des wahren Gottes mit finsteren Anklagen verfolgt wird, zumal wir die Söhne jener Nation sind, welche stets die Kultur vor dem Anstürmen der Barbarei unterstützt hat. Redner unterbreitet folgenden Resolutionsantrag: „Inmitten der glänzenden Schöpfungen des menschlichen Geistes und der rastlosen Tätigkeit der Menschenliebe ruht der Hatz nicht und die Finsternis der Seele bricht oft hervor. In unseren Tagen ist der Aberglaube finsterer Jahrhunderte, die Ritualmordanklage, ausgetaucht. Gegen diese Schändung des menschlichen Fortschrittes muh sich das Ehrgefühl der ganzen Menschheit erheben. Wir, die jüdischen Bürger der freien ungarischen Nation, protestieren mit unserem in die Macht der Aufklärung, Wahrheit und Liebe gesetzten Vertrauen und mit der ganzen Kraft der göttlichen Reinheit unseres heiligen Glaubens gegen die von neuem einsetzende unmenschliche Verfolgung, indem wir mit Sicherheit darauf rechnen, datz unser Protest in allen Schichten der ungarischen Nation einen würdigen Widerhall finden wird." Nach Unterbreitung dieses mit stürmischem Beifall aufgenommenen Antrages ergriff Graf Khuen-Hedervary das Wort. Er sagte: „Wir sehen uns veranlaht, dem Protest zuzustimmen der sich in allen Teilen der zivilisierten Welt erhob, wo es ein Gefühl für Gerechtigkeit und Menschlichkeit gibt. Da konnte sich unsere Gesellschaft nicht ausschlietzen und da muhten auch wir uns jenen anschlietzen, die Gerechtigkeit üben wollten. Wer mit. dem Begriffe der Religion im reinen ist, mutz wissen, datz es keine Religion gibt, die von ihren Bekennern die Sünde fordert. (Lebhafte Zustimmung.) Wir alle, ohne Unterschied der Rasse, der Religion und der gesellschaftlichen Stellung, sind hier zusammengekommen, um gegenüber jener Erscheinung unseren Protest zu erheben, datz es heute noch Leute gibt, die sich nicht schämen, einem vom Aberglauben eingegebenen Gedanken Ausdruck zu verleihen, und diesen auch vor dem Gerichte zu vertreten. Das kann nichts anderes sein, als datz sie auf die niedrigsten Leidenschaften der ungebildeten Menschen rechnen. Die Wahrheit hat jedoch gesiegt und wir geben heute unserer Entrüstung Ausdruck, datz eine solche Anklage überhaupt erhoben werden konnte. In meinem und im Namen meiner Gesinnungsgenossen nehme ich den unterbreiteten Resolutionsantrag mit dem Wunsche an, datz es das letztemal gewesen sein möge, datz dieser schreckliche Aberglaube aufgetaucht ist." (Minutenlanger Applaus und Eljenrufe.) Sodann erhob sich Graf Michael Karolyi und führte aus: „Ich schlietze mich in meinem und im Namen der Unabhängigkeitspartei dem Proteste an, da ja die Unabhängigkeitspartei stets im Interesse der durch die Macht Unterdrückten ihr Wort und ihren schützenden Arm erhoben hat, denn sie kämpfte immer für die Freiheit. Die BeilisMsfäre wurde zu konfessionellen Verfolgungen ausgenützt, und dies ist ein genügender Grund, datz wir hier, ohne Unterschied der Religion, Zusammenkommen, denn es ist ja ein Dogma der ganzen gebildeten Welt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Diejenigen, die in Rußland leben, sind in ihrem Kampfe um d'e Freiheit jener Mittel beraubt, die für diesen Kampf nötig sind und mit welchen sie die öffentliche Meinung überzeugen können. Deshalb ist es notwendig, datz die zivilisierte Welt, welche diese Mittel zum Kampfe benützt, ihnen zu Hilfe eile. Datz man im zwanzigsten Jahrhundert eine solche Anklage erheben konnte, ist charakteristisch für die Zustände in Rußland. Hervorragende kirchliche Autoritäten haben sich gegen die Blutbeschuldigung ausgesprochen, und es ist ein erhebendes Moment, datz die Geschworenen ihre Pflicht erfüllt und mit Einsetzung ihres Lebens das freisprechende Urteil ausgesprochen haben.' Diese einzige freiheitliche Jnstitution Rutzl a n d s hat nicht nur dieses Land, sondern auch die ganze zivilisierte Welt vor der größten Schande bewahr t." (Minutenlanger stürmischer Beifall.) Schriftsteller Abg. Andor Kozma führte aus: „Der heutige Tag ist ein Freudentag, da die göttliche Vorsehung ihn so gestaltet hat, datz wir nicht nur protestieren, sondern auch uns freuen müssen. Auch wir mutzten in unserem Vaterlande mit dieser finsteren Anklage kämpfen. Ruhm gebührt den russischen Geschwornen, die trotz der reaktionären Staatsjustiz mutig ihr gesamtes Gut im Kampfe gegen die Dummheit aufs Spiel setzten. Wenn wir an unseren eigenen Prozeß zurückdenken, so brauchen wir uns unserer Anwaltschaft nicht zu schämen, die damals gegen diese Anklage kämpfte. (Der Vater des .Redners fungierte in dem Prozesse Tisza-Eszlar als Staatsanwalt. Anm. d. Red.) Doch heute, am Tage der Freude, müssen auch wir an die Möglichkeiten der Zukurftt denken und daran, datz der Teufel nicht schläft. Deshalb will ich eine Ergänzung zu dem vorliegenden Resolutionsantrag einbringen, die das Wiederaufleben der Ritualmordanklage in unserem Lande unmöglich machen soll." Der Zusatzantrag lautet: „Die ungarische Judenschaft kann mit Berufung auf die auf allen Gebieten des staatlichen Lebens bekundete Treue und Pflichteftüllung billig erwarten, daß die Gesellschaft des Landes und die leitenden Faktoren des öffentlichen Lebens, getreu den edlen Beispielen, welche die Geschichte unseres Vaterlandes durchwirken, und getreu dem Geiste, welcher dem die Finsternis durchbrechenden Gesetze unseres weisen Königs Koloman entstrahlt, mit Rücksicht auf die moralische Erhabenheit der jüdischen Religion k o nstitutionelle Garantien zum Schutze der Rechtssicherheit unserer jüdischen Staatsbürger schaffen, daß im Interesse unserer Kultur und Rechtsprechung solche Anklagen für immer ausgeschlossen bleiben." Sodann sprach Chefredafteur Josef Veszi im Namen des vorbereitenden Komitees den Erschienenen für ihre imponierende Teilnahme den Dank aus. Auf allgemeinen Wunsch der Anwesenden ergriff hieraus noch der Abg. Wilhelm Vazsonyi das Wort: Der Name Beilis, sagte dieser Redner, bildete unser aller Sorge. Er ist ein Märtyrer des Judentums geworden, durch die vielen Leiden, die er erdulden mußte. Nicht nur das jüdische Gefühl, sondern das Solidaritätsgefühl der zivilisierten Welt ließ uns um sein Schicksal erzittern. Wir bedürfen eines besondern jüdischen Gefühles und jüdischen Interesses nicht, wir ungarische Juden haben alle Garantien unserer Bürgerrechte und unseres Fortschrittes, die großen Ideen der Menschlichkeit und der öffentlichen Freiheit in Ungarn. Hier haben zwei Männer aus den verschiedenen politischen Lagern unseres Landes sich über die in Rede stehende Frage geäußert, und wir standen dabei auf der Grundlage der historischen Vergangenheit unserer Nation, und sie fanden den Weg, der zur wahren Größe der Nation führt, das ist der Weg der Liebe. Man hat uns Fremdlinge als Brüder aufgenommen, und wir wollen für die Größe und die Entwicklung der Nation arbeiten. Wir können uns mit Stolz als Mitglieder einer Nation nennen, in welcher zwar Parteikämpfe herrschen, es aber eines nicht gibt: nämlich keine konfessionelle Reaktion. Geloben wir daher, treu bei der ungarischen Nation und deren Verfassung nicht nur in den Tagen des Glücks, sondern auch in den Tagen der Not auszuharren und, wenn es sein mutz, unser Leben für sie einzusetzen. Sodann sprach der Abg. Siegmund Nemes. Nach dieser Rede brachte der Vorsitzende Dr. Franz Szekeky die Resolutionsanträge zur Abstimmung. Sie wurden mit großer Begeisterung einhellig angenommen. 216 Gemeinden waren durch 660 Delegierte vertreten. Es trafen zahlreiche zustimmende Kundgebungen ein, unter anderem vom Geheimen Rat Albert v. Berzeviczy, dem katholischen Bischof Oftokar o. Prochaska und dem reformierten Bischof Desider Baktasar. 11V Anwälte zur Verantwortung gezogen- Petersburg. Der Beilis-Prozeß wirft seine Schatten über ganz Rußland. Die Polizei hat in den Bureaus einer großen Anzahl von Rechtsanwälten Durchsuchungen vorgenommen, weil sie eine oppositionelle Haltung im Beilis-Prozeß bekundet haben. 110 Anwälte werden sich vor Gericht zu verantworten haben. Petersburg, 7. November. Der Staatsanwalt bei der Justizkammer zu Petersburg hat der Generalversammlung der Abteilungen der genannten Kammer den Antrag unterbreitet, eine Disziplinär- und Strafverfolgung einzuleiten gegen diejenigen Rechtsanwälte der Petersburger Rechtsanwaltschaft, die für eine ^Protestkundgebung gegen den Beilisprozeß gestimmt haben. Maßregelung der Presse. Der Ritualmordprozeß in Kiew legt nicht nur den Beteiligten erschöpfende Kämpfe um den Sieg der Wahrheit auf; auch für die russische Presse erweist sich die Aufsehen erregende Verhandlung als ein wahrhaft verhängnisvoller Prozeß. Behörden, Polizei und Staatsanwalt haben alle Hände voll zu tun, um mit den Zeitungen inS Gericht zu gehen, die sich allzu ausführlich oder allzu temperamentvoll mit der Angelegenhei beschäftigen. „Rußkoje Slowo" gibt einen bezeichnenden Ueber