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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-11-14 · 46 (14.11.1913) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 838 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 46 Man wird jedoch schwerlich Pogroms veranstalten. Der Rückschritt hat eine zu schwere Niederlage erlitten, als daß er so rasch Kraft zu neuen Taten gewinnen könnte. Mag immerhin die erste Frage bejaht worden sein: Diese Kniffigkeit ist gut gelungen, um daran in reattionären Blättern und Broschüren herumzudrehen, aber das Gehirn des Volkes wird man damit nicht füllen. Dieses -Gehirn ist einfach konstruiert, denkt einfach und wird sich an die einfache Wahrheit halten: Man hat den Juden Beilis mit aller Macht des Ritualmords beschuldigt und schließlich freigesprochen. Darüber kommen die Arrangeure des großen Dramas nicht hinaus, das wirklich ohne ihr Verschulden schlieUich nicht zum Trauerspiele wurde. Rußland hat sich von einer Kultur schände freigesprochen. Auch andere Staaten haben das getan. Frankreich hat Dreyfus rehabilitiert, der deutsche Staat hat sich von Tanten und Könitz befreit. Nur wir, wir sind noch russischer als Rußland. In der schrecklichen Strafanstalt Stein büßt ein unschuldiger Jude die Tatsache, daß der Millionär Vergani und der ehrenwerte Funder sowie der berühmte Schneider stärker waren als die Justiz. Die Kerkermauern von Stein ttotzen noch immer der Wahrheit und dem Fortschritt. Wird man noch lange eine Ehre dareinsetzen, sich von einfachen Kleinbürgern Rußlands, die Geschworene waren, beschämen zu lassen? Ermutigt von dem Siege der Gerechtigkeit in Rußland, muß man jetzt auch mit aller Macht gegen den Rückschritt in Oesterreich zu Felde ziehen. Man hat jetzt gesehen, daß wir Juden doch: noch gegen die ärgsten Beleidigungen und Schmähungen einigen Schutz bei der Kulturwelt finden. Appellieren wir an diese nochmals und kämpfen wir um unser Recht,- das uns in Polna gestohlen wurde. * * * In diesen schweren Tagen hat sich aber auch eine internationale Gemeinschaft der Kulturzugehörigen aller Länder und Zonen offenbart. Deutlich schied sich wiederum einmal die Menschheit in zwei Lager. Wer nur ein Empfinden hat für die Heiligkeit des Rechtes, Verständnis für die Güter der Humanität und Zivilisatton erhob seine Stimme gegen die Barbarei des geplanten Justizmordes. In vorderster Reihe der Streiter für Recht und Gesittung stand die unabhängige Publizistik aller Länder: in Wien und in Oesterreich war es vor allem die „Neue Freie Presse", die ohne Klügeln und Bedenken, ohne zögerndes Besinnen und kühles Zaudern von Anbeginn mutig,- unentwegt und unbekümmert um Geifer und Gebelfer das Panier der Bildung und Aufklärung hochgeschwungen hat. Ihr Lebührt der Dank der jüdischen Gesamtheit. Die 7,Oesterreichische Wochenschrift", die seit 30 Jahre im Dienste des Judentums steht,- ist der Zustimmung ihres Leserkreises sicher, bei dieser schlichten Dankeskundgebung an die Adresse der Redaktion der;,Neuen Freien Presse". Vom Aabrniurkt des Lebens. Das Bolksgerichr. In Nr. 44 vom 31. Oktober schrieben wir an erster Stelle: i,Es besteht somit der Vorsatz, wenn schon Beilis von der Tat selbst freigesprochen werden muß, wenigstens dem Blutmärchen überhaupt eine Art gerichtsordnungsmäßiger Stütze zu geben, um so die gewünschten 'Waffen gegen Rußlands Juden zu schmieden." Dahin konzentrierten sich die letzten Gewaltanstrengungen der russischen Reattion, darum mußte vor der Urteilssprechung ein Tag Pause eintreten. Das war die Notbrücke, welche die Veranstalter des Prozesses für einen etwaigen Rückzug sich geschaffen und den Geschwornen als Kompromiß aufgedrängt haben. Um doch irgend etwas aus der Anklage zu retten, wurde asso neben der Schuldfrage eine andere, allgemeiner gehaltene und ziemlich sinnlose, erdacht. Die Verteidiger Haben gegen die plötzliche Einfügung dieser zweiten Frage mit all ihrer temperamentvollen Beredsamkeit protestiert, aber ihre Proteste konnten an einem Verfahren nichts ändern, das zweifellos von außen her vorgeschrieben worden war. Es gibt eine Fabel von Lafontaine, in welcher der Wolf einem Lamm, das er 'zu fressen wünscht, allerlei Uebles vorwirft und schließlich, als das Lamm seine Anklage widerlegen kann, triumphierend ausruft: „Wenn du es nicht warst, so muß es dein Bruder gewesen sein!" Die russische Justiz hat sich dieses Rezept zu eigen gemacht — wenn Beilis selber kein Mörder ist, hat es vielleicht einer seiner Brüder getan. Die Geschwornen waren sieben Bauern, zwei Kleinbürger und drei Beamte der unteren Kategorie, und man kann sich einigermaßen vorstellen, was das in Rußland, in einem solchen Prozesse besagen will. Ermüdet von den wochenlangen Hetzreden, aber doch auch gemahnt von ihrem Gewissen, wählten sie ein Verdikt, das ihnen als goldener Mittelweg erschien, sie zählten Beilis von der Schuld los und taten dem Verband echt russischer Leute den Willen und erkannten, ein anderer habe es getan. Man kann nach der Gewalttätigkeit, mit der dieser Prozeß geführt worden, den Geschworenen kaum zürnen, man muß vielmehr ihren Mut bewundern, daß sie einen Freispruch für Beilis gewagt haben. Zweieinalb Jahre schmachtete Beilis im Gefängnis, sah zweieinhalb Jahre seine Kinder nicht, wie er in den schlichten Worten, die er an die Geschworenen richtete, so ergreifend sagte. Mittlerweile wechselten die Polizeichefs und Polizeibeamten in Kiew, denn so wie einer von ihnen zur Erkenntnis kam, daß unmöglich ein Ritualmord vorliegen, unmöglich Beilis weiter beschuldigt werden könne, so wurde er von seinem Posten entfernt und auch noch vor das Gericht gestellt, das allerdings diese Beamten freisprach. Jedenfalls aber war neuen Tschinöwniks Gelegenheit gegeben, sich darin zu erproben, eine haltlose Anklage zu fundieren, und so kam es zum Prozeß. Wenn dieser Prozeß für Rußlands Beherrscher, für seine Mächtigen und Großen, für die ganze russische Justiz eine ewige Schmach und Schande bedeutet, die niemals hinweggewaschen werden kann, so bedeutet er anderseits einen Triunrph des russischen Volkes, einen Triumph der armen geknechteten und unterdrückten russischen Volksseele. Meldungen aus Petersburg versichern: „Geistliche Würdenträger,- Generale, Professoren, Politiker, Senatoren und die Hofkreise sprechen übereinstimmend ihre Befriedigung aus,- daß Rußlands Justtz von einer schandhaften Verurteilung bewahrt geblieben sei." Nun ist Oesterreich der einzige Staat, der die Schande eines solchen Verbrechens gegen die Justiz noch nicht ab gewaschen hat. Herr Justizminister, wann wird der unschuldige Leopold Hilsner den Kerker verlassen? Große Protestversammluug gegen die Ritualmordbeschuldigung in Budapest. Budapest, 11. November. Heute abend fand in Budapest eine große Protestoersammlung der ungarischen Judenschaft gegen die Ritualmordanklage statt. In der Versammlung waren 216 israelitische Kultusgemeinden Ungarns vertreten, außerdem waren zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der Versammlung erschienen, unter anderen der gewesene Ministerpräsident und Präsident der nationalen Arbeitspartei Graf Karl Khuen-Hedervary, der Präsident der Unabhängigkeitspartei Graf

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