Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022082--22638-3047794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 46 Dr. Bloch’s Jahrgang ixx Zentralorgan für die gesamten Ifnteressen des Judentums -c~—~~a- Wien, 14. November 1913 : Erscheint jeden Freitag. : Brief-Adresse: Wien, ll/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adresse: Gloch's Wochenschrift, Wien. O (J==r—n p Vifugaptxidi für 0tflrx«irf|: Q Halbjährig 8 Kronen: Slnzeleremvlare bst Heller. Für'» BuilanD: Halbjährig Ist Kronen. Ganzjährig -0 Kronen. Anzeigen: Die »al gespat» O tene Pelilzeile 4« Heller. C. o .— - —Q o(r n> A. st Poflsparkalfenamf Sleartug-Verk ebr «r. 810.976. Redaktion und Administration. , Wien li/i, Praterstraße 9 D o Telefon 14847 OC± :DO Inhalt: Leitartikel: Freigesprochen! Vom Jahrmarkt des Lebens: Das Volksgericht. Große Protestversammlung gegen die Ritualmordbeschuldigung in Budapest. 110 Anwälte zur Verantwortung geMen. Maßregelung der Presse. Maßregelung eines Sachverständigen. Der Prozeß der philosophisch-religiösen Gesellschaft in Petersburg. Die Petersburger russisch'n Schriftsteller an die Verteidiger. Fürstprimas Dr. Csernoch über die Freisprechung Beilis'. New-Umk. Die allrussische Ausstellung und der Beilis- Prozeß in Kiew. Hausdurchsuchungen bei chassidischen Rabbinern. Der Beilis-Prozeß im Film. Die Haltung des Papstes. Eine tavfere Tat des Reichsratsabgcordneten Hofrat Camill Kuranda. Ein Kampf um das Kol-Nidre-Gebet. Ein jüdischer Bürgermeister in Czernowitz. Kardinal Friedrich Fürst Schwarzenberg über den Antisemitismus. Der antifemtiische Reichsratsabgeordnete Szponder. Botschafter Morgenthaus Amtsantritt in Konstantinopel. Rabbiner Doktor Adolf Schmiedl. Protestkundgebung gegen die Ritualmordlüge durch den Verein zur Abwehr des Antisemitismus. — Korrespondenzen: Professor Dr. Herzberg-Frankel. Handarbeiten-Ausstellung des Kaiser Franz Joseph-Ferienheim. Zur Bluthetze in Salzburg. König Ludwig von Beyern und die Jud»n von Savar. Raufszenen zwischen jüdischnationalen Verbindungen. Berlin. Golus-Blüten. Der einzige juder.freundl'che Pole gestorben. Ein Pogrom auf Ziegen. New-Aork. — Vermischtes. — Feuilleton: Ein Gang durch das Judenviertel in Amsterdam. — Kunst und Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Freigesproche«! Also doch! Die Geschworenen von &ieco haben mit dem Freispruch des Juden Beilis ihre Namen auf eine Ehrentafel gesetzt. Denn wahrlich, wenn man gegen solche Gewalten sich zur Wehr setzt wie diese Geschworenen, so hat man ein Heldenstück geleistet. Es war ja in seiner ganzen Anklage kein Prozeß, sondern ein von den finstersten Gewalten Rußlands befohlener Justizmord, bei welchem sich nur schließlich die Richter weigerten, den Henker an einem vollkommen Unschuldigen zu spielen. Die „Reichspost" und alle ihr verwandten Organe des Rückschrittes, der Ausbeutung und Verdummung des Volkes mögen mit Trauerrand erscheinen. Denn alle ihre Macht und ihr Einfluß. — der Einfluß, den der stiefelputzende Lakai auf seinen Herren hat — reichte nicht hin. um das zwanzigste Jahrhundert zu besiegen. Man wird zwar einwenden, daß die erste Frage — betreffend das Faktum des Mordes, der Stiche, der Ausblutung von den Geschworenen bejaht wurde. Aber welches jämmerliche Resultat ist das vom menschlichen Standpunkt gegenüber dem Aufgebot der berühmten russischen Mächte, welche der Anklage zu Gebote standen. Die schwarzen Hundertschaften, diese Camorra des Nordens, ließ alle ihre Kräfte spielen, unangenehme Zeugen wurden aus dem Wege geräumt, unangenehme Behörden abgesetzt, protestierende Elemente terrorisiert, gemaßregelt und bestraft, die Geschworenen ausgesucht, die Sachverständigen bedrängt, die rüdesten Hetzer, Lügner und Verleumder als Redner in den Gerichtssaal gelassen, die Berichterstattung gefälscht — man sah das schändliche Bild des Hilsnerprozesses noch einmal vergrößert und verstärkt, und trotzdem gelang es nicht. Man muß nur diese erste Frage mit Muße betrachten, welche der Staatsanwalt den Geschworenen vorlegte. Was je dem Talmud in verleumderischer Weise nachgesagt wird, hier wurde es schändliches Ereignis. Aller nur denkbare Jesuitismus wurde aufgeboten, um eine Bejahung der Möglichkeit herauszubekommen, daß es einen Ritualmord gibt. Das Wort rituell und ritual, auch das Wort jüdisch kommt in dieser verkniffenen, betrügerischen, verlogenen Frage nicht vor. auch der Täter wird nicht einmal bezeichnet, und so machten denn die bäuerlichen und kleinbürgerlichen Geschworenen, denen man sogar den Zaren als Ankläger vorgespiegelt hatte, das vom menschlichen Standpunkte selbstverständliche Kompromiß zwischen dem Drängen des Staatsanwalts und ihrer Ueberzeugung und bejahten die denkwürdige Jesuitenfrage. Als es jedoch zum Wesen der Sache kam, das man vorsichtig zurückgestellt hatte, als der Hauptschlag geführt wurde, als zum erstenmale das Wort „religiöser Fanatismus" auftauchte» als gefragt wurde, ob der Angeklagte Beilis im Einvernehmen mit noch unentdeckten Personen den Knaben Juschtschinsky ermordet habe, da warfen die Geschworenen die ganze elende Anklage, die Schar der verkommensten Gesellen Rußlands, die ganze Macht der Finsternis nieder und befreiten die wirklich gebildete, die wirklich kultivierte Welt, die noch Hoffnung auf den Fortschritt der Zeiten hat, von einem Alpdruck, von wochenlangem Bangen. Dank sei den Tapferen dafür, die eine große Schlacht gewonnen haben. Man hat es nicht gewagt, an diesen Sieg in Rußland zu glauben, weil dort die Schergen und Sbirren, die Pogromhelden und Kosaken die äußere Macht so tyrannisch in Händen haben. Außerdem jedoch scheint in diesem geknechteten, rückständigen Rußland ein geheimes Reich des Geistes zu existieren, dessen Fürsten die großen Schriftsteller und Künstler, dessen Zar der große Tolstoi und dessen Untertanen endlich die Geschworenen im Beilisprozesse waren. Der große Wert der Geschworenengerichte hat sich wieder einmal in Gloriole gezeigt und eine epochale Bedeutung gehabt. Zwölf einfache Männer aus dem Volke haben der ganzen offiziellen Macht Rußlands getrotzt und dem armen Beilis nach der zweieinhalbjährigen Marter in der Untersuchungshaft wieder in die Arme seiner Kinder und seiner Frau geschickt — welch' ein poetisches Bild. Außerdem aber haben sie gesagt, was trotz aller Hetze, aller Roheit, aller Verfolgung die wirkliche Meinung des russischen Volkes über die Juden ist. und wenn jetzt wieder Pogroms ausbrechen sollten, so werden im übrigen Europa die öffentliche Meinung, die Regierung und die Parlamente wissen, wer sie verschuldet hat.