Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 832 Ar. BWHs Wochenschrift. Nr. 45 „Servus, wie gehl's, Alter, Dir und der gnädigen Frau?" „Mir geht's recht schlecht, mein Lieber, und der guten Frau — ausgezeichnet —" „Du sprichst etwas rätselhaft, was ist Dir?" „Ich — ich — habe ein. . . gebrochenes Herz, die Edle, Teuere ist... von mir gegangen auf immer und ewig. . ." Schluchzend verbarg er sein Gesicht ins Taschentuch. „Wann, wie, wo?" „Vor 14 Tagen, eine Herzlähmung, in Baden." „O, wie traurig, wie bedauere ich Dich!" „Traurig, Du hast recht, so traurig wie noch nie im Leben! Wehmütig zum Sterben und so vereinsamt!" Stoßweise kamen diese Worte über seine Lippen. „War keine Hilfe möglich?" „Keine, lieber Freund, keine, es geschah so schnell, in drei Minuten lag die Teuere leblos auf meinem Arm. Zur Erholung kam sie hin und nun liegt sie dort in kalter Erde. Mitten aus den Plänen für die Zukunft, aus der bejahenden Lebensfreude holte sich der Tod sein Opfer, fern von den geliebten Kindern, auf deren Umarmung sie sich so sehr fteute." Und wieder stürzte ein Tränenstrom aus seinen vom Weinen geschwollenen Augen. Er nahm aus seiner Brieftasche ein Bild. „Schau, lieber Heinrich, acht Tage vor ihrem Tode liest sie sich — vielleicht ahnungsvoll — photographieren. Erkennt man da den Tod? Nicht wahr, nein! Wie schön, wie stramm steht sie da mit ihrem schönen Kopf und den feinen Gesichtszügen. O. Freund, eine ganze Welt von Güte, Herzlichkeit und Ehrenhaftigkeit ist mit ihr ins Grab gegangen." „Und so bist Du ganz allein in die Wohnung zurückgekehrt?" fragte Herr Kolben tief gerührt. „Mlein, mein Freund. Und wie sie ihr Heim geliebt hat! O, wenn sie es nur noch einmal sehen hätte können! Wenn, ich ihr nur., noch, einen Liebesdienst erweisen hätte können!" „Ich fühle mit Dir, lieber Freund, das war eine traurige Heimkehr. Zu Zweien seid Ihr fortgefahren und einer kommt zurück. Es must schrecklich gewesen sein für Dich." „O, schrecklich! Als ich ins Zimmer trat und ihr Bild an der Wand mich so liebevoll anblickte, da stürzte ich aus die Knie und weinte, heulte jämmerlich, und als ich aufblickte, glaubte ich zu erkennen, dast sie mit mir weinte, und wenn ich zu ihr redete, lauschte sie auf meine Worte so tief, tief-traurig." „Armer Freund! Was tust Du so allein?" „Allein! Das ist ein fiirchterlicher Begriff, nicht wahr? Es liegt aber doch viel Tröstendes darin, allein zu sein, an jener Stätte, wo sie, die kluge, edle, gutherzige Frau gewaltet. Iede Stelle erinnert an sie, was ich berühre, spricht von ihr. Ich sehe ihre Gestalt durch die Räume schweben, überall glättend, ordnend, ich höre ihre Stimme, mahnend, scherzend, lachend, erinnere mich an ihre letzten Gespräche, das ist alles so beruhigend, so besänftigend, als wenn eine weiche, feine Hand mir über die Stirne streichen würde." „Ich glaube Dir's, Du solltest aber doch mehr unter Menschen sein. Dich zerstreuen. „O, Gott, nur das nicht! Bei meiner traurigen Heimkehr ohne sie, muhte ich die Trauer zur Schau tragen vor Menschen, die mir gleichgiltig sind. Ihre Tröstungen regten mich noch mehr auf. Sie meinten gerade heraus, ich sollte froh sein, dast es so schnell gegangen. während andere soviel leiden müssen. Ich sollte froh sein! Ist das nicht unerhört? Oder wenn ich Frauen sehe, gebrechlich, sich mühselig fortschleppend, da wird mir so weh ums Herz, weil ich mir denke, wie schön hätte sie noch leben können, sie war noch rüstig, kernig und lebensfreudig! Du bist glücklich, lieber Freund, das noch nicht milgemacht zu haben. Glaube mir, die. Menschen weiden sich an der Trauer eines anderen, es ist. kein Mitgefühl in ihnen, bloß Neugierde. Sie studieren die Mienen, berechnen die Trauer nach Prozenten und Zeit. Wenn Du nach einem Monate noch eine Träne vergießest, so mußt Du Gott danken, daß man Dich noch gnadenweise in die Kategorie jener nützlichen und notwendigen Vierfüßler setzt, deren Magen 4 Abteilungen hat. Nein, Freund, ich bleibe gern allein mit meinen Gefühlen und Erinnerungen. Erinnerungen sind doch bekanntlich ein Paradies, aus dem man nie verjagt werden kann." „Du hast eigentlich recht," meinte Herr Kolben treuherzig. „Die Menschen interessieren sich zu lebhaft dafür, ob und was man geerbt hat, was mit' der Wohnung geschieht, ob man sie weiterbehält etc. Freilich sind das lauter praktische Dinge, sie verstehen es aber nicht, daß durch derlei Gedanken die heiligsten Gefühle eines ehrlich Trauernden profaniert werden. Sogar Heiratsanträge wagen sich — jetzt nach 14 Tagen — heran, und unter solche Menschen soll ich gehen! Am liebsten möchte ich mich hinlegen, langsam verhungern, damit ich recht viel leide. Vielleicht sühne ich damit die Kämpfe, die die teuere Verstorbene für mich geführt, die Aufopferungen, die Sorgen, die sie sich für mich auferlegte. Du glaubst es gar nicht, lieber Freund, welcher Heldenhaftigkeit in der Ausführung ihrer Pläne und ihres Altruismus diese Gute fähig gewesen. Und das ist für mich verloren, für immer verloren!" Schweigend saßen die beiden Freunde eine Weile nebeneinander, bis Herr Kolben endlich sagte: „Raffe Dich auf, Du wirst auch diesen Schlag überwinden. Bewahre ihr ein treues Andenken und tue alles in ihrem Sinne!" Herr Pfeifer erhob sich. „Ia, alles in ihrem Sinne, das ist auch mein Vorsatz. Nun lebe wohl! Ich . suchte Dich .auf,, .um Mt. .Mein...t.eftnehMßnden.,.Areun.de über mein Unglück zu sprechen. Leichteren Herzens kehre ich heim." „Also, Kopf in die Höhe, lieber alter Kollege, und besuche mich! Meine Frau wird sich freuen." „Danke, lieber Freund, „aber darauf kannst' Du nicht so bald rechnen. In dieser Gemütsverfassung kann ich nicht in Gesellschaft gehen. Und dann — sprach er ganz leise mit tränenunterdrückter Stimme — kann ich kein glückliches Heim vertragen, ich bin neidig geworden, mein Unglück hat mich menschenscheu gemacht. Gott behüte Dich! Grüße Deine Frau! Nach einigen Schritten kehrte er wieder zu seinem Freunde zurück und sagte: „Lieber Freund! Besuche Du mich, den Einsamen und Verlassenen! Fürchte nicht, in ein Trauerhaus zu kommen. Es ist wie in einem Tempel, wo alles zur Andacht zwingt und das Herz erleichtert." Wilhelm Geiger. Kunst uni» Literatur. Die drei Matuues. Ein nrusikalifches Märchen in drei Akten, Tert bearbeitet von I. L. P e r e tz, Musik von Eh. Wolfsthal. Zum erstenmal ausgeführt auf der Wiener jüdischen Bühne von der S i e g l e r i s ch e n Gesellschaft (II., Taborstraße Nr. 12, Hotel Stefanie-). Eine Premier auf der Wiener jüdischen Bühne, und die Wiener jüdische Presse erwähnt davon kein Wort. Das neue Stück erzielte beim Publikum einen ehrlichen, verdienten und großen Erfolg. Zehn Aufführungen hat das Stück bereits erlebt und wird sich noch lange auf dem Repertoire hallen, was für die Verhältnisse einer jüdischen Bühne eine Seltenheit ist. Die Wiener jüdische Bühne ist ein Faktor geworden im Leben der Wiener Ostjuden, die hier Zerstreuung und geistige Nahrung suchen und finden. Ein solch wichtiger Faktor für die Kultur eines Teiles der Wiener jüdischen Bevölkerung sollte höhere Beachtung und Wertung finden. Das Sujet des Stückes ist einem Berez'fchen jüdischen Volksmärchen entnommen. Eine jüdische Seele erscheint vor dem Gerichtshof in: Himmel und es erweist sich, daß Verdienste und Ver-