Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 834 Nr. 45 Dr. Bkochs Wochenschrift. aktionen verwickelt. Bis dahin konnte man ihn einen Liebling des Schicksals nennen. Alles war ihm geglückt. Zwanzig Jahre lang hatte er ein Leben voll ununterbrochener Erfolge gelebt. Er war beliebt in der Gesellschaft, in der Politik, in seinem Berufe. Er hatte den höchsten Gipfel des Wohlstandes und des Ruhmes mit Riesenschritten erreicht. Seine Stellung bei Gericht war ohnegleichen; im Parlament mochte ihn jeder gern; in der Gesellschaft von London war er überall ein willkommener Gast, -und die elegantesten Hausfrauen freuten sich, diesen schönen, geistreichen, beredten und jung aussehenden Rechtsanwalt in ihren Salons begrüßen zu können. Lein Schatten hatte jemals seinen Ruf in Sachen der Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit verdunkelt, bis die unselige Marconi-Affäre ans Licht kam. In dieser Transaktion handelte Rufus Jsaacs mit einer Fahrlässigkeit, die man von einem so erfahrenen und pünktlichen Juristen kaum erwarten konnte. Was ihn hineinoerwickelte, war zweifellos reine Gutmütigkeit; seine Brüder, die in finanziellen Geschäften engagiert waren, halten starkes Interesse an der Marconi-Gefellschast, und sie wollten, daß der Attorney General mit seinem großen Prestige und Einfluß sie in ihren Beziehungen zu der amerikanischen Marconi-Eesellschaft durch Ankauf von mehreren Aktien unterstütze. Rufus Jsaacs verstand sich dazu, und bewog auch Lloyd George, den Schatzkanzler, und einen anderen der Minister, sich an dem Unternehmen zu beteiligen. Im Vorgehen des Attorney General lag nichts wirklich Korruptes oder Unehrliches, doch es zeigte einen gewissen Mangel jener strikten Zurückhaltung in finanziellen Fragen, die man bei hohen Funktionären der britischen Regierung für unerläßlich hält. GS war eine Torheit, was sowohl Rufus Jsaacs wie Lloyd George seither zugegeben haben, und sie wurde verschlimmert, indem ihre Spekulation in amerikanischen Marconi-Aktien vor dem Unterhaus sorgfältig verheimlicht wurde, bis irgendein Vorgang im Gerichtssaal sie ans Licht brachte. Da erhob sich§ 'toie man weiß, ein großer Skandal. Die konservativen Zeitungen richteten wütende Angriffe gegen die beiden beteiligten Minister und eine Parlamentskommission wurde zur Untersuchung der ganzen Angelegenheit eingesetzt. Das Ergebnis lautete dahin, daß kein Zweifel an der Ehre und dem guten Glauben von Rufus Jsaacs und seiner Kollegen möglich sei, daß sie jedoch mit einigem Mangel an Vorsicht und Takt vorgegangen waren. Es traf sich unglücklich, daß man beinahe gleichzeitig damit erfuhr, daß der bisherige Lord-Oberrichter, Lord Alverstone, sehr kränklich sei und dem Kabinett den Wunsch ausgesprochen habe, sich so bald wie möglich zurückziehen zu dürfen. Bei' einem normalen Perlauf der Dinge wäre sein Nachfolger nicht fraglich gewesen. Der Attorney General hat als erster juridischer Beamter der Krone den ausdrücklichen Anspruch, Lord-Oberrichter zu werden, wenn dieser Posten frei wird und er ihn annehmen will. Als es bekannt jwurde, daß Lord Alverstone sich pensionieren lassen wollte, beschäftigte sich das Gerücht sehr lebhaft mit dem Namen des Sir Rufus Jsaacs. „Selbstverständlich wird er ernannt werden," sagten die Liberalen; „ist er nicht das Haupt des 'englischen Barreaus und allgemein als der Beste und Tüchtigste seines Faches anerkannt?" „Selbstverständlich kann er nicht ernannt werden," sagten die Konservativen. „Wie könnte an die Spitze des englischen Gerichtes ein Mann gestellt werden, an dessen Namen der Makel einer zweifelhaften finanziellen Operation haftet?" Es gab einen wütenden Zeitungskampf den ganzen Sommer hindurch, und man sprach frei die Vermutung aus, daß der Posten Sir Rufus Jsaacs nicht angeboten werden würde oder daß er ihn jedenfalls nicht annehmen würde. Letzten Endes aber kam Mr. A-squith zu der Entscheidung, die alles in allem doch erwartet worden war. Man fühlte, daß den Attorney General zu übergehen gleichbedeutend mit der Bestätigung dessen wäre, was feine heftigsten politischen Gegner an ärgsten Beschuldigungen gegen ihn erhoben hatten. Dies aber hatte der Ministerpräsident und das Kabinett für keinen einzigen Augenblick zugegeben. Sie waren es zufrieden, den Schiedsspruch der Kommission gutzuheißen, der von einiger Nachlässigkeit und Unvorsichtigkeit sprach; doch sie glaubten nicht, daß em einziger Fehler dieser Art die Karriere eines so hervorragenden und bebeutenben Mannes abschneiden dürfe. So wurde, als Lord Mverstone tatsächlich demissionierte, sein Posten dem Attorney General angetragen und von diesem auch angenommen. Es ist charakteristisch für die Art, in der die englische Presse öffentliche Angelegenheiten behandelt, daß, mit einer einzigen Ausnahme, kein ernstes Blatt, selbst aus unionistischer Seite nicht, die geringste feindselige Benrerkung zu dieser Ernennung machte. Mochten sie vorher was immer gesagt haben, so fühlten die Redakteure doch, daß, wenn ein Mann nun einmal auf den höchsten richterlichen Posten des Reiches ernannt war, jeder Versuch, seine Autorität zu schwächen oder sein Ansehen zu schmälern, unrecht wäre. Die Kriegsart aus der Vergangenheit wurde rasch begraben, und der neue Lord- Oberrichter trat sein Amt unter allgemeiner Zustimmung an. Seine Berufsgenossen waren entzückt, denn alle anerkennen ihn als beinahe den ersten Juristen Englands; und sie freuten sich, daß in diesem Falle mehr berufliche als politische Rücksichten den Ausschlag gegeben hatten. Und es ist zweifellos, daß sein Wissen und Urteil und seine Kenntnis des Rechts und, was ebenso wichtig ist, seine Kenntnis der Welt und des Geschäfts den Lord-Oberrichter zu einem beinahe idealen Richter machen. Man hat allgemein die Ueberzeugung, daß er seine neuen Pflichten segensreich erfüllen wird. Als Jude war Sir Rufus Jsaacs zwar für den Posten des Lord-Oberrichters wählbar, nicht aber für den noch höheren und vornehmeren Posten des Lord-Kanzlers^ der nach englischem Gesetz dem protestantischen Glauben angehören muß. Es ist wahrscheinlich, daß die Unerreichbarkeit dieser Würde die Ursache ist, warum Sir Rufus Jsaacs sich entschloß, sich von der Politik zurückzuziehen und die Nachfolgerschaft als Lord-Kanzler von liberaler Seite seinem jüngeren Kollegen Sir John Simon zu überlassen, der (nun Attorney General wird. Sir John Simon ist angeblich auch von semitischer Abstamniung; doch gehört er jedenfalls nicht dem jüdischen Glauben an, da er der Sohn eines Pfarrers der reformierten Kirche ist. Immerhin spielen Juden eine größere Rolle im jetzigen britischen Ministerium als je zuvor. Nie zwar waren Namen wie Jsaacs, Simon und Samuel so häufig in der englischen Politik. Mr. Herbert Samuel, der Minister für Post- und Telegraphenwesen, ist .Mitglied des Kabinetts und so bedeutend, daß viele Leute glauben, er müsse im Laufe der Jahre Premier werden; denn er ist noch kaum über Vierzig und hat eine lange und vornehme Karriere vor sich. Ein Verwandter von ihm und ebenfalls ein Jude, ist Mr. C. E. Montague, der llnterstaatssekretär für Indien, auch ein junger Politiker von großer Begabung und schönen Aussichten. Es gibt augenblicklich sechzehn jüdische Abgeordnete, eine größere Anzahl als es je gegeben hat, und ich glaube auch eine größere, als in irgend einer anderen gesetzgebenden Körperschaft, mit,einer einzigen Ausnahme, zu finden ist. Juden waren am öffentlichen Leben Englands mehr oder weniger imm^er beteiligt, seit sie um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zuerst ins Unterhaus jaufgenommen wurden; doch sie haben sehr selten ein Minister-, Portefeuille erlangt, und ihr außerordentliches Hervorstechen in der jetzigen Regierung ist ein neuer Zug im öffentlichen Hetzen Englands. („Pester Lloyd.") Auch ei« Mort zur Mrediglfruge. Vor etwa 22 Jahren habe ich in„Rahmer's Wochenschrift" einen Artikel veröffentlicht, in welchem ich gegen die Ueberwucherung des jüdischen Gottesdienstes durch den Kunstgesang auftrat. Ich forderte ein größeres Maß praktischer Beteiligung der Rabbiner an der Liturgie rc. Ich bin damals von den Herren Kantoren tüchtig abgckanzelt worden, als ob ich ihnen ihre wichtige Stellung im öffentlichen Gottesdienste hätte rauben wollen.' Ich bin seitdem ruhiger geworden' und habe eingesehen, daß sich da wenig ändern läßt: ob in den großen oder in kleinen Gemeinden, ob in Deutschland oder in Oesterreich: für das jüdische, die Gotteshäuser besuchende Publikum bildet ein guter Kantor eine größere Anziehungskraft als ein guter Prediger. Das ist ja auch ganz natürlich; für die Predigt interessieren sich zumeist nur die Intelligenten, für den Gesang aber Intelligente und Ungebildete zusammen. Ich verstehe den jungen Herrn Kollegen sehr Wohl, der sich mit dem Ergebnis sorgfältiger und mühevoller Arbeit, mit der Quintessenz seiner Begeisterung und seines Denkens zurückgesetzt fühlt gegenüber der mechanischen Begabung eines Kehlkopfes, und der sich bemüht, einen besseren Platz an der Sonne der Volksgunst zu erobern. Aber dafür gibt es, meiner Meinung und Erfahrung nach, nur ein einziges Mittel, gut, kurz, populär und interessant zu predigen. Die Beispiele liegen ihm ja sehr nahe. Jellrnek und Sulzer, Güdemann und Singer hatten nie nötig, im Beifall der Hörer zu rivalisieren. Bei ihnen erschien die Predigt wie weihevoller Gesang und der Gesang wie erhebende Predigt. Wenn eine Predigt die Hörer nicht packt und zum Jntereffe zwingt, hat nur der Prediger daran Schuld. Lange und langweilige Moralisierungen (der selige Dr. Byk nannte sie Exhorten für die vierte Dimension, d. h. die Quarta), unaufhörliche Forderung nach „Wiedergeburten", Verherrlichung des Ghetto oder nie dagewesener Zustände, das verträgt auf die Länge kein gesunder Zuhörermagen. Aber der Kanzel angemessene Behandlung von TageLfragen, — „greift nur hinein ins volle Menschenleben" — interessante Belehrung über Männer und geschichtliche Ereignisse innerhalb des Judentums, vornehm gehaltene Apologie gegen Jrrtümer und Vorwürfe, geistvolle Deutungdunkler Stellen in der heiligen Schrift, im Talmud und den Midraschim in einer schönen, von Begeisterung getragenen und dabei doch populären Sprache, werden nie aufhören, von der geistig auch nicht so hoch stehenden Masse mit Interesse gehört und mit Beifall ausgenommen zu werden. Predigen wir nur gut, dann wird die Predigt auch gern gehört und verstanden werden. '_ Dr. Caro- Lemberg.