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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-11-07 · 45 (7.11.1913) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 822 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 45 die Unparteilichkeit und Humanität die Oberhand gewinne. Ein interessantes Pendant zu diesem Beschlüsse bildet die Versammlung, welche die Stadlgemeinde der jüdischen Kolonistenstadt in Woodbine veranstaltet hat. Bekanntlich ist Woodbine, eine Gründung des Baron Hirsch- Fond, heute eine blühende Judenstadt, in welcher der gesamte Gemeinderat und sämtliche Funktionäre Juden sind. Am letzten Jomkippur hat der jüdische Gemeinderat. einberüfen vom Bürgermeister L. M. Dannerhirsch, während einer Gebeipause in der Synagoge eine Sitzung abgehalten, die ausschließlich dem Beilis-Prozesse gewidmet war. Bürgermeister Dannerhirsch richtete eine kurze Ansprache an die versammelte Beigemeinde und hob die Ungeheuerlichkeit der Blutbeschuldigung hervor, durch welche nicht nur die russischen Juden, sondern das gesamte Judentum in seiner Ehre aufs tiefste verletzt wird. Sämtliche Mitglieder des Gemeinderates und auch einige der Vetsitzinhäber ergriffen nacheinander das Wort, um ihrer Entrüstung über die schändliche Blutbeschuldigung Ausdruck zu geben. Der Rabbiner verrichtete ein zu diesem Anlasse verfaßtes Gebet, worauf die ganze Gemeinde sich von ihren Sitzen erhob und die folgende Resolution einhellig annahm: „Mit Rücksicht darauf, daß bei dem gegenwärtig in Kiew sich abwickelnden Prozesse ein gewisser Mendel Beilis des Mordes an dem Christenknaben Juschtschinski angeklagt und als Motiv für diesen Mord ein religiöser Zweck angegeben, d. h. behauptet wird, daß die Juden für ihr Passahfest Christenblut benötigten, wird beschlossen, daß die gesamte Gemeinde sich hienrit zu einem feierlichen Eide vereinigt, um der Zumutung entgegenzutreten, als ob die Juden für irgend einen Zweck überhaupt Menschenblut benötigten. Es wird ferner beschlossen, an die Juden und alle rechtdenkenden Menschen der Welt den Appell zu richten, mit allen Mitteln dagegen anzukämpfen und es nicht zuzulassen, daß die russische Autokratie das blanke Ehrenschild unseres Stammes beschmutze. Diese an die Presse versendete Resolution trägt folgende Unterschriften: L. M. Dannerhirsch, Bürgermeister, S. Ecker, H. Halpern, A. Rosenfeld, M. Subber, L. Schapiro, Stadträte. Beglaubigt durch den Magistratsrat D. H. Rosenfeld." Diese Stellungnahme ist auch deshalb von Bedeutung, weil nahezu sämtliche Bewohner der Stadt zum Teile aus Rußland eingewanderte Juden oder die Nachkommen solcher Einwanderer sind. Pogromhetze in Rußland. In der Gesellschaft „Russkoje Sobranje" hielt Dr. Protohierei Butkewitsch, der Mitglied des Reichsrates ist, einen Vortrag über den Beilisprozeß. Darin bemühte er sich, die Eristenz von Ritualmorden nachzuweisen. Er wies auf zwei alte Prozesse als Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptung hin. Diese Prozesse liegen siebzig Jahre zurück7 sie betrafen die Ermordung von Knaben in Bender und in Rewelsk. Beide Prozesse, die vor dem Senat verhandelt wurden, sollten nach der Versicherung Butkewitschs Ritualmord ergeben haben, wurden aber beide auf Befehl des Zaren niedergeschlagen. An diese vagen Behauptungen knüpfte sich eine fanatisch geführte Debatte. Schließlich beschloß man, an den Prokurator des Kiewer Gerichtshofes eine aufreizende Depesche zu schicken, in der er aufgefordert wird, auf Grund des Sikorskischen Gutachtens (!) den Ritualmord als^ erwiesen anzusehen und die Schuldigen unerbittlich zu bestrafen. In der Ortschaft Owogeorgkewsk wurden am 4. ds. auf dem Marktplatze von Mitgliedern des Verbandes echt russischer Leute Auftufe verteilt,- am 22. d. Meinen allgemeinen Judenpogrom zu veranstalten. Infolgedessen verläßt die jüdische Bevölkerung fluchtartig die Stadt. In Jekaterinoslaw wurden Pogromaufrufe nachts an die Häuser angeschlagen und die Bevölkerung aufgefordert, Juschtschinski zu rächen. In fielen Ortschaften im Südwesten Rußlands wagen sich die Juden tagsüber nicht mehr auf die Straße, weil sie in gröblichster Weise beschimpft und beleidigt werden. Für den Fall, daß Beilis freigesprochen würde, erwartet man Pogroms in Kiew. Beschuldigungen gegen Christen. Als Beweis, daß nicht nur in altchristlicher Zeit und nicht nur von heidnischer Seite gegen Christen die so abscheuliche Beschuldigung eines Blutrituals sich erheben konnte, sei folgende Stelle aus Luthers „Tischreden" ohne jede Glossierung zitiert. Da heißt es wörtlich: „Es wird bei Doktor Martin von Opfern geredet, daß man noch heutzutage Menschen opfert, welches Kaiser Karl V. bei unseren Zeiten abgetan und an ihrerstatt Grabmönchklöster eingerichtet hat. So sagt man auch, daß an eines großen Königs Hof ein solches Pfaffenkleid noch sollte vorhanden sein, aus Vogelfedern, von allerlei Farben gewirkt, mit kleinen engen Aermeln, mit Gold und Edelstein geschmückt und gestickt, das ein Pfaff hat müssen anziehen, wenn er hat sollen Menschen schlachten und opfern. Wenn Nun der Pfaff solche Kleider angehabt, so hat er gewartet auf eine Offenbarung, danach hat er gelesen und genommen aus dem Haufen ein Kind oder einen anderen Menschen, den er geschlachtet und geopfert mit großer Andacht und Ehrerbietung des Volkes, das näher gestanden u. s. w." F. Ein wichtiges Anbot der serbischen Regierung. Der Oberrabbiner der Belgrader aschkenasischen Gemeinde Dr. Schlang hat in einer Unterredung, welche der Berichterstatter des Budapester ungarischen Blattes „Egyenlöszeg" mit ihm hattet äußerst 'wichtige "Mitteilungen über die jetzige Lage der Juden in Serbien und ihre künftige Gestaltung gemacht. Wir entnehmen diesen für die Judenschaft bedeutungsvollen Aeußerungen die folgenden Stellen: Wir Juden Serbiens können mit unserer gegenwärtigen Lage zufrieden sein. Während der beiden letzten Kriege hat sich unsere Situation gefestigt und jetzt gibt es bei uns auch nicht einen Schalten von Antisemitismus. Als der Krieg ausbrach,, bekundeten die Juden einen fast beispiellosen Opfermut. Wir Rabbiner haben die Mitglieder unserer Gemeinden angespornt. Glauben Sie mir sicher, es war das gar nicht notwendig. Die Offiziere die Mannschaft und die Freiwilligen aus den Reihen der Juden haben sich mit gleichem Feuereifer unter die serbische Nationalfahne geschart. Sie kennen wahrscheinlich die Geschichte des heldenmütigen jüdischen Offiziers Popp. Mit seinen und vieler anderer Juden Heldentaten hat sich doch die gesamte Presse beschäftigt. Nach den vollständigen Siegen der Serben hat die Regierung auch auf uns nicht vergessen. Dankbar erinnere ich mich besten, in welch auszeichnender Weise seine Majestät und der Kronprinz mit mir und dem sephardischen Oberrabbiner Dr. Alkaly gesprochen hatten. König Peter verwies unter anderem darauf, daß die Juden die Feuerprobe bestanden und daß jetzt selbst die befangenen Menschen auch sehen können, daß die Juden ein wichtiges Kulturelement und . einen hohen Wert für Serbien darstellen. Es ist nur selbstverständlich, daß der Krieg auch aus den Reiheck der Juden seine Opfer gefordert hat. Sowohl meine Gemeinde, als auch die sephardische haben zahlreiche Mitglieder verloren. Wir haben selbst ein Hospital erhalten, in welchem jüdische Frauen, ja sogar jüdische Kinder mit rührender Bereitwilligkeit Samariterdienste geleistet haben. Als Kronprinz Alexander uns besuchte, da war er zu Tränen gerührt, als er

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