Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 831 Dr. P. Christ. Professor an der theologischen Fakultät der Universität Zürich. , Zürich, 7. April. Hochgeehrter Herr! Der fraglichen Erscheinung stehen wir hier zu fern, um uns über ihre Entstehungsweise ein sicheres Urteil bilden zu können. Mir persönlich scheint die Beschuldigung teils die Frucht krassen Aberglaubens, teils fana^i tischen Glaubens- und Neligionshasses zu sein, ohne objektive tatsächliche Grundlage. Hochachtungsvoll P. C h r i st, Professor." Dr. Ludwig Aegidi, Professor an der juridischen Fakultät der Universität Berlin. M I, a): Nein. Ad I, b): Als Jurist befolge ich den Grundsatz »guisguis praesiiinitar bonus». Dazu bekenne ich mich als Christ. So lange mir nicht Beweise vom Gegenteil vorliegen, bleibe ich deshalb überzeugt von der Grundlosigkeit und Beschuldigung meiner israelitischen Nebenmeuschen in betreff des sogenannten Ritualmordes. Ad II, a): Eben daher wie die Beschuldigung der ersten Christen in betreff der geheimen Feier des heiligen Abendmahles. Ad II, b): Das gute Gewissen aller Juden. 10. April 1901. Ludwig Aegidi." Eine Erfindung der „Nowoje Wremja". Petersburg, 2. November. Die heutige Nummer des vor nichts zurückschreckenden „N ow o j e Wremja" enthält die folgende, natürlich nicht gerade glaubwürdige Geschichte. Wie das reaktionäre Panslavistenblatt „aus sehr kompetenter Quelle" erfahren haben will, habe Kaiser Wilhelm „einem sehr angesehenen Russen" gesagt, er g l a u 5 e an solche rituelle Verbrechen wie das Kiewer. Auch in Deutschland habe es einen Fall von solch fanatischem Verbrechen gegeben, aber aus politischen Gründen sei die Sache vertuscht worden! Es macht in der Petersburger Gesellschaft einen sehr peinlichen Eindruck, das; die „Nowoje Wremja" in dieser Weise den deutschen Kaiser für ihre unsauberen Zwecke in Anspruch zu nehmen weiß. Petersburg, 3. November. Eine niederträchtige Fälschung beging heute die Zeitung „Swjet", indem sie die bekannte Zeichnung des Kaisers Wilhelm wegen der gelben Gefahr mit der veränderten Aufschrift wiedergibt: „Hütet Eure heiligsten Güter vor dem jüdischen Joch!" Berlin, 5. November. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" stellt fest, daß die von der „Nowoje Wremja" geineldeten angeblichen Aeußerungen Kaiser Wilhelms über den Ritualmord erfunden sind. Protestoersammlung in Johannesburg. London, 5. November. In Johannesburg wurde am Dienstag eine große Protestversammlung gegen die gegen die Juden vorgebrachte Ritualmordanklage abgehalten. Die Versammlung war die größte in der Geschichte der südafrikanischen jüdischen Gemeinde, und unter denen, die sich daran beteiligten, befanden sich der Bürgermeister von Johannesburg, einige der christlichen Geistlichen und viele hervorragende Bürger. Erzdiakon Seaton brachte eine Resolution ein. welche die tiefe Sympathie mit den Juden anläßlich der Wiederauflebung der grundlosen und grausamen Blutanklage zum Ausdruck brachte. Er als Christ freue sich, an dem Protest gegen eine Anklage teilnehmen zu können, die in so grausamer Weise erhoben sei. Die Resolution wurde einstimmig angenommen, ebenso auch eine andere, in der die südafrikanische Regierung aufgefordert wird, Sir Edward Grey zu ersuchen, bei der russischen Regierung Vorstellungen zu machen, daß Pogroms im Interesse der Menschlichkeit aus jeden Fall verhindert werden mühten. Protestoersammlungen in Breslau. Am.3. November, abends, fand hier eine große Protestversammlung gegen den Kiewer Prozeh im großen Saal des Konzerthauses statt. Der Zudrang war so groß, daß lange vor Beginn mehr als fünftausend Personen den Saal füllten und schließlich gleichzeitig noch eine zweite Versammlung abgehalten werden muhte. In beiden Versammlungen sprachen dieselben Redner. Der erste, Rabbiner Dr. Gutschmann, erhob im Flamen der theologischen Wissenschaft beredten Protest gegen das Ritualmordmärchen, das aus Bosheit gegen das Judentum erfunden wurde, um rauben und morden zu können. Reichstagsabgeordneter G o 1 h e i n und Prof. W o h l a u e r verurteilten Insbesondere den Kiewer Prozeß im Namen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Außerdem wurde eine Erklärung des Dekans der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität und eine dem Sinne nach gleichlautende der katholisch-theologischen Fakultät verlesen, in denen die Behauptungen über den Ritualmord als völlig unhaltbar bezeichnet werden. Zum Schluß wurde in beiden Versammlungen eine gleichlautende Protestresolution einstimmig angenommen. Eine Straßendemonstration in London. London, 3. November. (Privatte leg ramm.) Tausende von Londoner Juden nahmen gestern nachmittag an der großen Protestversammlung auf Trafalgar Square teil. In großen Prozessionen zogen sie mit fliegenden Fahnen aus dem Osten heran. Auf drei Rednertribünen wurde in fast allen Sprachen der Welt protestiert gegen die Ritualmordklage und die dadurch erhobene Beleidigung gegen das jüdische Volk. Es wurde schließlich eine Resolution angenommen, in der Rußlands Handlung verurteilt wird. Der Heilige Synod in Bukgarien und das Blutmärchen. Auf Veranlassung des Gemeinderates von Sofia fand in der hiesigen israelitischen Hauptsynagoge ein Trauergottesdienst für die während des Krieges gefallenen Juden statt. Während des Gottesdienstes, welchem der Ministerpräsident Radoslawow, der Vorsitzende des Heiligen Synod Metropolit Wassili, Vertreter des Hofes, der Zivil- und der Militärbehörden beiwohnten, hielt Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis eine ergreifende Rede, worin er das Kiewer Blutmärchen als unbegründet und der christlichen Lehre unwürdig zurückwies und ausführte, daß der bulgarische Synod allen Versuchen einer Verbreitung des Blutmärchens stets entgegengetreten sei. Protestresolutionen in Amerika. Wie nicht anders zu erwarten war, finden anläßlich des Kiewer Ritualmordprozesses in fast allen Städten Amerikas große Protestmeetings statt, an denen nahezu alle Bevölkerungskreise teilnehmen. Entsprechend der amerikanischen Freiheitsliebe, ist die Sprache der Redner und der gefaßten Resolutionen in diesen Versammlungen eine viel schärfere als man sie hierzulande gewöhnt ist. Aus den uns zugekommenen Berichten seien jedoch wegen ihrer Wichtigkeit und ihrer Bedeutung zunächst die Stellungnahme zweier Körperschaften zu dem Beilis- Prozeß verzeichnet. Der große Eemeinderat von Newyork hat in einer seiner letzten Sitzungen nach Erstattung mehrerer Referate über die Schändlichkeit des russischen Barbarismus, der in der Ritualmordbeschuldigung seinen erschreckendsten Ausdruck gefunden hat, den einhelligen Beschluß gefaßt. den Kongreß, das ist das Parlament der amerikanischen Republik, aufzufordern, zu dieser Affäre Stellung zu nehmen und die Regierung zu beauftragen, die russische Regierung wissen zu lassen, daß die öffentliche Meinung von Amerika und die amerikanische Bevölkerung sich durch die Vorgänge in Kiew in ihrer Kulturehre tief verletzt fühlen, weil in dem Kiewer Prozeß nicht ein Mörder, sondern Ritualmörder gesucht werde. Die amerikanische Regierung sei auszufordern, den russischen Behörden nahezulegen, daß es im Interesse ihres guten Rufes gelegen sei, endlich einzugreifen und dafür zu sorgen, daß alle Mittel angewendet werden, damit