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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-11-07 · 45 (7.11.1913) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 820 Nr. 45 Dr. Vlochs Wochenschrift. religiöse sein. Wo ist aber heute in Rußland die Stimme, die eine solche Rechtfertigung aussprechen könnte? Jedenfalls ist es nicht die Stimme der Kirche. In diesem Falle empfinden wix besonders deutlich die Wehrlosigkeit und Ohnmacht unseres religiösen Gewissens und die Notwendigkeit seiner Wiedergeburt, seiner Erhebung. Der Prozeß hat natürlich nicht jene „universelle" Bedeutung, die „sie" ihm beimessen: für die „Welt" ist die Frage des Ritualmordes längst gelöst. Für Rußland ist aber das, was sich heute in Kiew abspielt, eine Erniedrigung, eine Niederlage vor der ganzen Welt. Man denke sich nur folgenden Fall (wenn auch nur einen möglichen Fall): die wahren Mörder sind Leute vom Verband der echten Russen und sie haben gestanden, daß sie den Mord verübt haben, um die Schuld auf das ganze jüdische Volk zu wälzen; und wenn Rußland dieser Verleumdung Glauben schenkt, nimmt es auch die Mitschuld an diesem Verbrechen auf sich: „Sein Blut kommt über uns und über unsere Kinder!" Apostel Paulus wollte für seine Brüder im Fleische, das heißt die Juden, .„verbannet sein von Christo". Und wir wollen von Christo verbannt sein aus Haß gegen unsere Brüder im Geiste, das heißt die gleichen Juden. Wehe uns, wenn unser Wunsch in Erfüllung geht! Nicht umsonst haben die Juden in unserer revolutionären Bewegung eine solche Rolle gespielt; auch unsere Zukunft wird wohl mit der Zukunft der Juden aufs engste verknüpft sein. Die Lösung beider Fragen — der Judenfrage und der Frage unserer politischen Befreiung — liegt in Rußland in der gleichen religiösen tÄenie. Solange Rußland seine Sünde an den Juden noch nicht abgebüßt, noch nicht gutgemacht hat, wird es keine Verzeihung, keine Freiheit erlangen können. Ein Mensch hat seinen Bruder ermordet und die Leiche im Keller versteckt. Als er aber sah, daß die Leiche sein Haus verpestete, begann er sein Opfer zu hassen. Es scheint ihm immer, daß der Ermordete noch nicht ganz tot sei, daß er sich noch rührt. Es ist aber gar nicht der Ermordete, es ist das Gewissen des Mörders, das sich rührt und das sich nicht gänzlich totmachen läßt. Es ist jetzt nicht geheuer in Rußland, wo die Leiche versteckt ist. Der Haß der Russen gegen die Juden ist der Haß der Henker gegen ihre Opfer; die Furcht der Russen vor den Juden ist die Furcht des Mörders vor der Leiche seines Opfers. „Kain, Kain, wo ist dein Bruder?" Wann werden wir endlich diesen Ruf vernehmen? Vom 3abrmarfct des Lebens. Ein russischer Staatsmann (Graf Witte?) «Her den Veilis-Prozetz. Der Brief eines ehemaligen Regierungsleiters. Herr Joseph Melnik schreibt dem „Beil. Tageblatt": Die bisherigen Gerichtsverhandlungen im Beilisprozeß in Kiew haben unzweideutig ergeben, daß ernsthaft belastende Momente gegen den Angeklagten' nicht vorliegen. Tagelang wurden Zeugen vernommen, ohne daß der Name Beilis auch nur erwähnt werden konnte. Nicht auf Beilis kommt es an, die Hauptsache ist der Ritualmord — dies hat der bisherige Führer der Nationalistenpartei, der Redakteur des antisemitischen „Kiewljanin", offen ausgesprochen, und er hat sich dadurch die Feindschaft seiner bisherigen Parteigenossen zugezogen. Der Beilisprozeß ist und wird als ein p oliti scher Prozeß in der russischen Geschichte fortleben. Man fragt sich deshalb unwillkürlich, welche konkreten Absichten seine Urheber mit ihm verknüpfen — außer den Pogromen, die auch nur Mittel zum Zweck sind. Diese und eine zweite Frage habe ich einem bedeutenden russischen Staatsmann vorgelegt, dessen Name und Lebenswerk für Rußland von historischem Belang sind, der das höchste Amt in seinem Vaterlande bekleidete und im Auslande oft mit Colbert verglichen wird. Er hatte die Liebenswürdigkeit, mir folgende briefliche Antwort zu senden: „Ich zweifle nicht, daß Sie mein Verhältnis zum empörenden Prozeß Juschtschinsli kennen. Sie wollen meine Meinung über zwei Fragen wissen: 1. Welche konkreten Absichten sind mit diesem Prozeß verknüpft und wer sind seine Urheber? Diese Absichten bildeten einen Teil der Politik des Unglückseligen Stolypin: das Volksbewußtsein von der von ihm verletzten Verfassung und dem nicht durchgeführten Manifest vom 17. Oktober abzulenken — mittels eines von Stolypin .erfundenen „Neonationalismus", der allen Söhnen des russischen Reiches nicht orthodoxer Konfession, besonders den Juden, die Menschenrechte raubt. Die Urheber des Prozesses Justschinski sind kleine Leute und frühere Mitarbeiter Stolypins. 2. Glauben Sie, daß Kokowzow diesen Prozeß hätte abwenden können, daß es ihm aber an Mut und Entschlossenheit mangelte? Ich glaube, daß er sich in eine solche Lage gebracht hat, .daß er nichts abwenden kann er. kann aber jederzeit g e h e n, wenn er will." So denkt über den Beilisprozeß ein russischer Staatsmann von geschichtlichem Format. Der Leibarzt des Zaren über den Prozetz. Wie aus Petersburg gemeldet wird, hat sich der Leibarzt des Zaren, Dr. Pawlow, der soeben von Kiew, wo er als Sachverständiger einvernommen wurde, eingetroffen ist, entschieden gegen die Ritualmordanklage ausgesprochen. Die Ki einer Anklage entbehre medizinisch und menschlich jeder Grundlage, der Prozetz werde unter gewaltsamen Bedingungen geführt: so seien zu den Protokollen über die Auffindung der Knabenleiche nur Vertreter der Polizei und der Gerichte, aber keine Aerzte hinzugezogen worden. Urteile -er Wissenschaft. Der Herausgeber der Zeitungskorrespondenz „Der Interviewer", Wilhelm Eckfeld in Wien, sah sich veranlatzt, an hervorragende Gelehrte folgende Rundfrage zu richten: 1. a) Gibt es nach Ihrer Ansicht Juden, die zu rituellen, religiösen Zwecken Christenblut verwenden und darum den Ritualmord begehen? — b) Und womit begründen Sie Ihre Ansicht? , 2. Wenn Sie von der Grundlosigkeit dieser Beschuldigung überzeugt sind — a) wodurch erklären Sie deren Entstehung? — b) und was halten Sie für das geeignetste Mittel zu ihrer Bekämpfung? Die Antworten hat Herr Eckfeld in der „Neuen Freien Presse" vom 12. April 1901 abgedruckt: Professor Theo-or Mommseir, Berlin/ „C h a r l o tt e n b u r g, 12. April 1901. Wozu die Mohrenwäsche? Die Volksbetrüger werden nicht alle und die Betrogenen auch nicht. M o m m s e n." Geheimer Me-izinalrat Dr. Ernst Schwemnger, Professor an der medizinischen Fakultät der Universität Berlin. „E r o ß - L i ch t e rf e l d e, 11. April 1901. Sehr geehrter Herr! Ich habe mich mit der Frage des Ritualmordes nur oberflächlich beschäftigt und maße mir kein Urteil, am wenigsten ein entscheidendes, an. Die Höflichkeit gebietet mir aber, Ihnen die Antwort auf das gefällige Schreiben nicht schuldig zu bleiben, und so sei Ihnen meine ganz bescheidene private und unmaßgebliche Meinung über die Frage kurz mitgeteilt. Ich halte die Annahme eines Ritualmordes seitens der Juden für einen Unsinn, der nur in dummen und gemeinen Gehirnen ausgeheckt, weiter gepflegt und zu bestimmten Zwecken ausgebeutet wird. Schwer ist das ja nicht, da ja die Dummen immer noch die Mehreren sind. Warum sollten die Juden, die doch früher als die Christen waren,- nun auf einmal mit dem Erscheinen der Letzteren Christenblut zu rituellen Zwecken nehmen und bedürfen, das sie früher doch nicht brauchten und auch nicht haben konnten? Es war doch früher auch gar keine Rede davon und am wenigsten von Morden an unschuldigen Kindern für rituelle Judenzwecke. Etwas Widersinnigeres kann es nicht geben, aber der Unsinn wiederholt sich immer wieder. Kommt der Mord von Christen seitens Juden vor, was für mich auch nichts anders als ändere Morde anzunehmen ist, so würde ich ihn nicht auf rituelle Gepflogenheiten beziehen, sondern ähnlich deuten wie die Urchristenmorde von Seiten der Römer pder die Morde an christlichen Missionären seitens der Chinesen usw. Indem ich es also absolut in Abrede stelle, daß Juden zu rituellen Zwecken je Christenblut brauchen und verwenden und deshalb den Ritualmord begehen, habe ich das Letztere ebenso wenig zu begründen wie etwa die. Lehre vom Lebendigbegrabenwerden. Ich kann mir für die Erklärung der Entstehung der Idee vom Ritualmorde, da ich nichts Positives anzuführen weiß, nur den Rassenhaß ' vorstellen, und als wirksamstes Mittel zur Bekämpfung der durch nichts als - durch wild gemachte Phantasie erklärlichen Fabel vom Ritualmorde gilt mir neben Aufklärung und Bekämpfung des unwürdigen Antisemitismus vor allem die Forderung der allgemein menschlich e n, nicht bloß chri st lichenToleranz. Hochachtungsvollergebenst Professor Dr. Schweninge r."

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