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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 17)
Language
German
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m inraaroiwr-.T^r.jrMj^MfcFfrrrrv:^ Nr. 44 Dr. Btochs auf dem Boden der öffentlichen Meinung errichtet sind. Das fühlen die Gewalthaber triebhaft, wenn sie es nicht verstandesmäßig begreifen. Und sie zittern, wenn der Grund unter ihren Füßen dumpf schüttert, sich zu öffnen und sie zu verschlingen droht. Literatur und Kunst. Monnmenta Talmudica.1) Merkwürdig sind die Wege der Geschichte! Gerade der Talmud, der ob seiner angeblich menschenfeindlichen Lehren so verlästerte Talmud, den böswillige Feinde als Werkzeug benützen, mit dem sie das Judentum aus den Angeln zu heben hoffen, geradd der Talmud mußte es sein, der Vertreter der drei großen Konfessionen unseres Kulturkreises zu einem gemeinsamen Kulturwerke zusammenführte und — o Ironie der Geschicke! gerade in Wien, in dem Wien. Luegers, von wo aus die antisemitische Welle ihre Kreise über die ganze Monarchie gezogen hat. Es ist, wie wenn eine späte Gerechtigkeit dem Talmud vergelten wollte, was an ihm so lange gesündigt worden ist. Wir meinen, die ,.Nonumenta Talmudica“, ein Werk, an dessen Herausgabe Katholizismus, Protestantismus und Judentum in gleicher Weise beteiligt sind und das den Zweck verfolgt, den Talmud, nach Gegenständen geordnet, in übersichtlicher, leicht lesbarer Form Juden und Christen zugänglich zu machen. Während Band I „Bibel und Babel", der nun abgeschlossen vorliegt, den Leser in die Vorstellungswelt und Denkart des Talmud einführt und schon früher an dieser Stelle gewürdigt wurde, schließt sich in dem von Dr. S. G a n d z begonnenen zweiten Bande das stolze Gebäude des talmudischen Rechtes an. Hier wird zum ersten Male der schwierigste und zugleich wichtigste Gegenstand des Talmud, die Halacha, in die moderne Wissenschaft eingeführt. Zum ersten Male! Die bisherigen Bearbeiter des talnrudischen Rechtes haben sich eigentlich um den Kern der Sache herumgedriM, indem sie einerseits die talmudische Literatur nur teilweise ihren Ausführungen zu Grunde legten, andererseits gar zu häufig das spätere rabbinische Recht der Decisoren und Kodices mit dem eigentlichen talmudischen Rechte vermengten. Woher kam das? Die Schwierigkeit, an der sie scheiterten, lag in der eigentümlichen Form der Halacha, die in einer solchen Weise überliefert ist, daß sie für den modernen Menschen etwas Verwirrendes hat. Die Halacha ist dialektisch und exegetisch: sie tritt in einer nach Gestaltung ringenden, diese Gestaltung jedoch kaum erreichenden Fülle auf, und die Lehrmeinungen stoßen in ihr in einer knappen, vieles voraussetzenden Diskussion auf einander. Wer sich in der Halacha zurechtfinden will, der muß dem Talmud viele Jahre eines Studiums widmen, wie es heute von weiteren Volkskreisen nur noch im Osten betrieben wird. Der Fall, daß ein Forscher wie Dr. Gandz mit solchen Kenntnissen der Ueberlieferung moderne wissenschaftliche Schulung im besten Sinne des Wortes verbindet, wird sich selten wieder so glücklich treffen. Gegenüber den unvollständigen, lückenhaften Bearbeitungen des talmudischen Rechtes, die nicht selten auf sekundären Quellen beruhen, bringt Gandz seine Materie erschöpfend und quellenmäßig zur Darstellung. Er zieht nach Möglichkeit alle Werke der talmudischen Literatur heran und wendet auf den Talmud die historisch-kritische Methode an. Dadurch wird der Talmud in seine Bestandteile zerlegt und auf *) Im Orion-Verlag, Wien, VIII./2, Alserstraße 47, herausgegeben von Professor Dr. Karl Albrecht (Oldenburg), Dr. Salomon Funk (Boskowitz), Professor Dr. Nivard Schlögl (Wien), Band I: Bibel, und Babel, von Dr. S. Funk; Band II., Heft 1: Recht, von Dr. S. Gandz. Wochenschrift. Seite bis seine originäre Form zurückgeführt. Andererseits gestaltete sich seine Arbeit zu einer Neu-Untersuchung über die einzelnen Rechtsbestimmungen und zu einer Ueberprüfung des Tatbestandes, wodurch eine neue Grundlage geschaffen wurde, auf welcher die Rechtshistociker und Rechtssystematiker ihre Verallgemeinerungen. Systeme und rechtsvergleichenden Hypothesen werden aufbauen können. Aber noch eine Seite der Gandzschen Arbeit muß hervorgehoben werden. Er begnügte sich nicht damit, den rechtswissenschaftlichen Inhalt des Talmud in der ursprünglichen Form und im eigentümlichen Gewände der hebräisch-aramäischen Sprache vorzuführen, sondern er verwendete auch große Sorgfalt auf den philologisch-grammatischen Teil seiner Aufgabe. X ie Texte werden durchwegs punktiert Wiedergegeben und mit einer llebersetzung. sachlichen Erklärungen und Erläuterungen. sowie Einleitungen versehen, die dem ungeschulten Leser alle Voraussetzungen für das Verständnis der Stellen bieten. Durch die Punktation ist auch dem Philologen ein großer Dienst erwiesen. Es wird ihm gezeigt, wie die Texte gelesen werden sollen. Da es bisher lein festes System der Aussprache gegeben hat, so wird hier gerade dadurch, daß die Punktation nach exakten Grundsätzen, wie sie dem heutigen Stande der Wissenschaft entsprechen, durchgeführt ist, die Grundlage gelegt - für eine Massora des Talmud. Niemand war für diese Arbeit so sehr berufen, wie Gandz, der in seinem Werke „Die Mu'allaqa des Jmrulqais" (in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften 1913) auf verwandtem Gebiete ein Muster solch philologisch-exegetischer Untersuchung geliefert hatte. Wir können in der Tat unser Urteil über seine Bearbeitung des talmudischen Rechtes dahin zusammenfassen, daß. er alle Anforderungen, die an die Herausgabe eines solchen Werkes gestellt werden, vollkommen erfüllt hat. Trotz aller Wissenschaftlichkeit sind die -Moimmenta Taludiea" in einer Form gehalten, die es jedem, der sich über den Gegenstand informieren will, ermöglicht, das Werk mit Vorteil zu benützen. Das Zusammenarbeiten von Vertretern der drei Konfesiionen verbürgt dem Leser, daß er es hier mit einem Werke von interkonfessionellem Charakter zu tun hat, daß er demnach die Wahrheit über den Talmud erfahren wird. Wir Juden hätten nun das größte Interesse daran, daß diese Wahrheit Gemeingut der weitesten Kreise werde. Unsere erste Pfticht ist aber, daß wir selbst die Wahrheit über den Talmud kennen. Jetzt wird niemand mehr die Ausrede gebrauchen können, der Talmud erfordere ein jahrelanges Studium, und da es nicht jedermanns Sache sei, dem Studium eines Werkes Jahre zu widmen, wäre man der Verpflichtung, den Talmud zu kennen, enthoben. Von dem konservativen Juden ist es selbstverständlich, daß er mit dem Inhalte des talmudischen Gesetzes vollkommen vertraut sein muß. Aber auch jene, welche mit dem Talmud gebrochen haben und einem rein nationalen Judentume das Wort reden, dürfen nicht an dem wichtigsten Kulturdenkmale ihres Volkes vorübergehen, ohne es tief innerlich geprüft und dazu Stellung genommen zu haben, wenn sie nicht jeden Zusammenhang mit der Vergangenheit lösen und sich nicht den Vorwurf gefallen lasten wollen, nur ein Scheinjudentum zu vertreten. Ueberhaupt hätten alle jüdischen Institutionen, Gemeinden, Bibliotheken und Vereine die Pfticht. die ,.Monumenta“, die doch ohne die Mitwirkung jüdischer Gelehrter nicht hätten zu Stande kommen können, tatkräftigst zu unterstützen. Mir ist bekannt, daß Katholiken und Protestanten dieses Werk, an dessen Herausgabe die Vertreter ihrer Konfestion interessiert sind, eifrig fördern, um es deutlicher zu sagen, es kaufen. Ich weiß nicht, ob es auch von den Juden gilt, daß sie lieber geborgte.

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