Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 812 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 44 westliche Gouvernements zusammen wie Vieh in eine Hürde, doch ohne Weidegründe. Da es dort für sie weder Arbeit noch Erwerb gab, so verdammte man sie praktisch zum Hungertode. Doch selbst das genügte noch nicht. Anschlägige Köpfe der „schwarzen Hundert" heckten einen schlauen Plan aus, der den Beifall der entschei- Denden Stelle fand. In Kiew wurde ein kleiner Knabe, Juschtschinsky, ermordet. Man klagte die Juden an, in ihr Osterbrot das Blut unschuldiger Christenkinder zu verbacken und den Kiewec Knabenmord zur Gewinnung solchen Blutes begangen zu haben. Man verhaftete einen Juden Beilis und bezichtigte ihn dieses Mordes. Die Vorgänge, die sich um diese Angelegenheit abspielten, sind in der neueren Geschichte ohne Beispiel. Beilis, in seinem Kreise als Freidenker bekannt, wurde zum Glaubensfanatiker gestempelt. Man trieb einen katholischen Geistlichen, Pranaitis, auf, der hebräische Bücher ansuhrte, in denen der Ritualmord ausdrücklich zugegeben sein sollte. Niemand kannte diese Bücher, die Aufforderung, sie vorzulegen, lieh Pranaitis unbeachtet und der Untersuchungsrichter weigerte sich, ihn dazu zu verhalten. Ein pensionierter Professor, Sikorski, gab ein fachmännisch sein sollendes Gutachten ab, das aus dem Leichenbefund auf einen Ritualmord schloß. Die ^ersten gerichtsärztlichen Autoritäten Europas bezeichnten das Machwerk als groteskes Gewäsch, das man nicht wissenschaftlich erörtern könne, und seinen Verfasser als einen unwissenden Schwachkopf oder bewußten Verleumder. Die Behörden weigerten sich jedoch, die Aussagen anderer Gerichtsärzte entgegen zu nehmen. Ein Kiewec russischer Journalist und ein Polizeibeamter unternahmen auf eigene Faust Nachforschungen und stellten die Mörder unwiderleglich in der Person einer Frau Tscheberjak und einiger Helfershelfer aus ihrem Kreise fest. Die Behörde jagte den Polizeibeamten davon und eröffnete gegen ihn und den Journalisten ein Strafverfahren, krümmte aber den Mördern kein Haar. Man hielt den unschuldigen Beilis zwei Jahre lang in Untersuchungshaft. Die Polizei bedrohte und verfolgte die Entlastungszeugen und seine Verteidiger und bläute ihren Kreaturen Lektionen ein. die sie vor dem Untersuchungsrichter gegen Beilis herzusagen halten. Endlich kam es zur Schlußverhandlung. Die Oeffentlichkeit wurde nach Möglichkeit beschränkt, die Berichterstattung durch raffinierte Schikanen erschwert, die Verteidigung eingeschüchtert und gehemmt. Der Staatsanwalt weigerte sich hartnäckig, die zur Wahrheit führenden Spuren zu verfolgen, der Leiter der Verhandlungen verhinderte alle von der Verteidigung angeborenen Schuldlosigkeitsbeweise. Die Geschwornenbank wurde mit unwissenden Bauern besetzt, armen, halbwilden, die unfähig waren, dem Gang der Verhandlung Zu folgen. Alle Anordnungen gingen unmittelbar von den zuständigen Ministern in Petersburg aus. Alle Machtmittel eines 160-Millionen-Reiches wurden aufgeboten, um durch Unterschlagung der Wahrheit, ausgestellte falsche Zeugen und Parteilichkeit der Richter einen Unschuldigen zu zermalmen. Einen Mann, und selbst Tausende von Leuten, zu ermorden ist in Rußland ein leichtes. Das wollte man aber diesmal nicht. Die Gewalttat sollte in den Formen eines regelrechten Gerichtsverfahrens verübt werden. Man wollte mit zynischem Mißbrauch der Gesetze und Verordnungen nach einer schamlosen Parodie der Untersuchung und der Verhandlungen ein scheinbar rechtmäßiges Urteil erlangen, das die Juden grundsätzlich und allgemein' des Ritualmordes schuldig erklärt. Dieses Urteil brauchte nicht Beilis zu treffen, es traf die sechs Millionen russischer Juden, ein wenig auch die anderen sechs Millionen, die das Glück haben, außerhalb Rußlands zu wohnen. Mit diesem Urteil bewaffnet, konnte man sämtliche russische Juden als überführte und in allen Formen Rechtens verurteilte Mörder behandeln, und wenn man ihnen alle Menschenrechte raubte, sie schlimmer, als Tiere behandelte, sie Pogromen und systematischen Polizeimißhandlungen auslieferte, so war dies nicht länger eine Verfolgung Unschuldiger, sondern eine gebotene Bestrafung von Verbrechern. Dieser Plan wurde vor den entsetzten Augen der anständigen Russen und der Welt Punkt für Punkt ausgeführt. Ueber die noch, so heftigen Einsprüche einzelner Gelehrter, Vereine, Versammlungen, Körperschaften lachte man in Petersburg oder äußerte geringschätzig : „Das jüdische Geld arbeitet!" Die fremden Regierungen, die alle vor Rußland zittern und es umschmeicheln, weigerten sich entsetzt, irgend etwas zu tun, um die Schmach von der Gesittung abzuwenden, die man kaltblütig in Petersburg und Kiew vorbereitete. Man hatte gegen zornbebende Vorstellung die händige heuchlerische Antwort: „Wie darf man sich in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates einmischen! Wie darf man sich unterfangen, in den Lauf eines regelrechten Gerichtsverfahrens störend eingreifen zu wollen!" Da erhob sich eine Donnerstimme und rief furchtbar: „Elende, zurück!" Und die Elenden wurden totenblaß und wichen knieschlotternd zurück. Die Stimme,- von der dieser gewaltige Ruf ausging, war die der Presse beider Welten. Die Großmacht trat für die geschändete Gesittung des zwanzigsten Jahrhunderts ein, die eine Großmacht, die allein wagte, wozu die sechs andern nicht den Mut fanden oder nicht den Gewissensdrang halten. Es gibt auch Organe der „schwarzen Hundert" m Rußland und außerhalb Rußlands. Sie strengen sich vergebens an, die Petersburger Regisseure des Kiewer Dramas zu verteidigen. Ihr Lügengestämmel geht ungehört in dem einstimmigen Chor der anständigen Blätter unter, dessen Dröhnen von Pol zu Pol hallt und alle Höhen und Tiefen der Menschheit aufwühlt. Der Anschlag der Petersburger Machthaber ist vereitelt. Sie werden nicht wagen, bis ans Ende ihres Planes zu gehen. Sie wissen, daß sie der Großmacht nicht trotzen können, der einen, die vor ihnen nicht auf dem Bauche liegt. Wie viel Böses sagt man nicht gelegentlich dt Presse nach! Man schilt sie oberflächlich und unzuständig. Man wirst ihr vor, daß sie die Völker verhetzt und Kriegsgefahr heraufbeschwört, daß sie albernen Moden Vorschub leistet, den Snobismus großzieht, zur Sittenverderbnis beiträgt, unlauteren Einflüssen zugänglich ist, Cliquenwesen begünstigt. An alledem mag etwas sein. Es gibt überall eine gelbe Presse, käufliche Blätter, leichtfertige Tagesschriftsteller ohne Verantwortlichkeitsgefühl. Aber die räudigen Schafe sind die verschwindende Ausnahme in der Herde. Im ganzen ist die Presse doch das Gewissen der Menschheit und das Weltgericht für die Lebenden und Toten. Die amtliche Weisheit müht sich seit langer Zeit, ein Tribunal zu schaffen, wo Einzelne und Gesamtheiten gegen Regierungen ihr Recht suchen können und die Gerechtigkeit die organisierte Gewalt von Staaten vor ihre Schranken fordern darf. So kam denn auch das Haager Schiedsgericht zustande, das jedoch immer kläglich versagt, wenn ein Staat sich hochmütig weigert, vor ihm zu erscheinen. Was nun die amtliche Weisheit zu schaffen unfähig war, das haben Verstand und Gewissen der 'in der Presse vertretenen und zusammengefaßten Hunderte Millionen von Menschen aller Rassen und Sprachen fertiggebracht: die Aufrichtung eines Tribunals. dessen Vorladung kein Staat sich auf die Dauer entziehen kann und dessen Urteile die Sanktion haben, die man für das Haager Schiedsgericht vergebens sucht. Die Sanktion ist der Verdammungsspruch de.'öffentlichen Meinung. Keine Zensur, kein Belagerungszustand, kein Standgericht kann diese unterdrücken. Es ist unmöglich, sich über sie hinwegzusetzen. Sie ist der Ausdruck der Grundkräste, die die Gesellschaft und den Staat erhallen. Alle Machtmittel der Regierungen sind Oberbaulen, die