Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Bkochs Wochmschrift. Seite 811 In Rußland gibt es einen obersten Willen, der im Guten und Bösen das ganze Leben des Ungeheuern Staates bestimmt. Mit elender sklavischer Liebedienerei umtriechen, umwedeln, umdrängen die hochgestellten Streber diesen ausschlaggebenden Brennpunkt. An diesem Gipfelpunkt des .Reiches hat man während des wüsten Aufruhrs von 1905 gezittert. Es war nämlich wirklich nur ein Aufruhr, obschon die todesmutigen russischen Freiheitskämpfer ihn beharrlich „die Revolution" nennen. Ungeordnete krampfhafte Heftigkeiten von jungen Leuten, die unbegrenzte, begeisterte Opferwilligkeit, doch wenig Verstand haben, die ohne einen gemeinsamen Gedanken, ohne Gliederung, ohne Führung, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Methode drauflosrasen und zerstören, die prachtvoll zu sterben, doch weder Zucht zu wahren, noch entschlossen zu gehorchen wissen, haben keinen Anspruch auf die Bezeichnung Revolution. Immerhin: die Bewegung, man gebe ihr nun diesen oder jenen Namen, wurde an der höchsten Stelle falsch eingeschätzf. Man glaubte dort, das Ende aller Dinge sei gekommen. Man hatte grauenhafte Nachtgesichte von heulend heranstürmenden Volkshaufen, von auffliegenden Palästen, von abgeschnittenen Köpfen, die auf Piken umhergetragen, von heilig geglaubten Leibern, die von Fingernägeln wütender Weiber aufgerissen worden. Der Schrecken dauerte nur einige Wochen, aber seine Nachwirkungen sind nicht zu überwinden. Er hat Hirne und Nervensysteme unheilbar zerrüttet. Und er hat dort, wo er keine derartig verhängnisvollen Folgen für die Gesundheit des Geistes und Leibes gezeitigt hat, einen wie vom Höllenfeuer genährten, unlöschbaren, dämonischen Rachedurst erzeugt. Seit 1905 feiert der Henker nicht. Der Preis der Galgenstricke würde unerschwinglich sein, wenn Rußland nicht den ausgedehntesten Hanfbau der Welt betriebe. Man wütete mit Folter und Tod in allen Volksstämmen, die in den Tagen des Taumels die Faust gegen die Bedrückung erhoben hatten. Man befahl gegen Kuren. Esthen und Leiten ein allgemeines Vauernschlachten, bis an der Südküste des Baltischen Meeres und tief in das Land hinein dem kurzen Tumult Kirchhofstille folgte. Man brach die Selbständigkeit Finnlands und strich kaltblütig mit einem Federzug die Rechte dieses Großfürstentums aus. Man schnitt Polen ein Stück lebenden, zuckenden Fleisches, das Gouvernement Chelm, aus dem Leibe und stellte seine Bewohner unter eine Zuchthausordnung. Am härtesten und erbarmungslosesten aber wurde die eherne Zuchtrute über die Juden geschwungen. .! M Einer Erklärung bedarf diese Vorzugsbehandlung kaum. Die sechs Millionen Juden Rußlands siedeln nirgendwo in dichter, zusammenhängender Masse. Sie sind ziemlich gleichmäßig über das ganze Gebiet verteilt, wo ihnen der Aufenthalt gestattet ist, und . bilden überall eine leicht einzukreisende und von den übrigen Bevölkerung abzusondernde Minderheit. Verzweifelte Ausbrüche und vollends einen organisierten Widerstand hat man von ihnen nicht wie von der sässigen Bauernschaft und den Städten anderer Nationalitäten des Reiches zu fürchten. Durch ihre Mißhandlung schmeichelt man den bestialischen Instinkten des Pöbels und sichert sich eine Beliebtheit, die durch wohltätige Verbesserungen zu gewinnen man weder die Absicht, noch die Fähigkeit hat. Den unerbittlichen Haß, der sie verfolgt, haben die Juden aber durch die Teilnahme einiger von ihnen an den Gewalttaten von 1905 auf sich geladen. Jüdische Jünglinge, Hochschüler und sozialistische Proletarier haben damals, ihrem erregbaren, heftigen und in allen Dingen zur Maßlosigkeit hinneigenden Temperament entsprechend, sich am stärksten an Freiheitsreden berauscht. Sie schwelgten besinnungslos in den Orgien des Anarchismus. Sie drängten sich überall mit rührender und törichter Heldenbrunst in die Vorderreihe der Barrikadenkämpfer. Vielfach fand man sie als die Leiter der Bewegung. Ueberall waren sie der Sauerteig, der die dumpfe und träge Maste der Nationalrussen in Gärung versetzte. Die ungeheure Mehrheit der Juden mißbilligte diese Haltung einiger junger Brauseköpfe auf das schärfste. Die ruhigen und durch die beständige Verfolgung zaghaft gemachten Familienhäupter sahen entsetzt voraus, daß bei dem blinden Toben nichts herauskommen würde und daß sie die Kosten der Tollheiten würden bezahlen müssen. Aber sie konnten ihre Jugend nicht im Zaum halten. Die Väter hatten keinen Einftuß auf die Söhne, zumal bei den rusiischen Juden, wo das junge Geschlecht seinen Aufstieg mit dem höhnischen Abfall von den Familienüberlieferungen beginnt. Der maßgebenden Stelle aber wurde von Schranzen die Ueberzeugung beigebracht, die Empörung von 1905 sei überhaupt eine rein jüdische Missetat gewesen, deren die ganze Judenschast sich schuldig gemacht habe; die rechtgläubigen Russen, die man neben den jüdischen Hetzern angetroffen habe, seien bloße verführte Mitläufer gewesen; diese einfältigen Opfer jüdischer Arglist hätten, wieder zur Besinnung gekommen, ihre augenblickliche Verirrung aufrichtig bereut; die Juden dagegen seien unverbesserlich : sie träumten Rache an dem christlichen Staate, der sie in Schranken zu Haltens wisse, und sie würden sich mit weniger als der vollständigen Vernichtung des russischen Reiches nie zuftieden geben. Die Ohren, in die derartige Reden unablässig gepurrt wurden, lauschten ihnen gierig. Man glaubte dieser Darstellung ohne jeden Vorbehalt und züchtete in sich aus übrigens immer vorhanden gewesenen Keimen einen Judenhaß groß, den das Beiwort neronisch noch nicht genügend kennzeichnet. Die Juden sollten furchtbar büßen, was sie — gleichgültig, ob einige oder sämtlich — 1905 gesündigt hatten. Die Vergeltung sollte alle sechs Millionen Juden treffen, die der Staatsgewalt innerhalb der Grenzen des Reiches ausgeliefert waren, und die Kinder im Mutterleib nicht schonen. Die Schuldigen oder Beschuldigten, deren man habhaft werden konnte, überlieferte man sofort dem Kerker, einer scheußlichen Modergrust für Lebende, der Marter oder dem Galgen. Gegen die anderen, denen man auch nicht den Schein einer persönlichen Verfehlung Nachweisen konnte, ließ man amtliche Pogroms veranstalten, die von den Behörden mit großer Umsicht und Gründlichkeit unter Mitwirkung der Truppen, der uniformierten und der geheimen Polizei und der von dieser ausgemusterten, unter ihrer dauernden Aufsicht stehenden Gewohnheitsverbrecher ausgeführt wurden. Ihnen fielen einige tausend Juden zum Opfer, aber an der maßgebenden Stelle war man nicht ganz befriedigt. Das Ergebnis stand in keinem rechten Verhältnis zum Kraftaufwand. Die Ermordung von einigen tausend Juden verminderte die sechs Millionen nicht merklich, und sie erfolgte unter einem Getöse, das unangenehm die Aufmerksamkeit der Außenwelt weckte. Es schadete dem Ansehen Rußlands, wenn darin Unordnungen nicht verhütet und Leben und Eigentum nicht geschützt wurden. Diese jüdische Satansbrut stellte das teure russische Vaterland auch dann noch bloß, wenn sie von den echt russischen Männern geplündert, geschändet und abgeschlachtet wurde. Man mußte andere Methoden anwenden, weniger rasche, doch wirksamere. Man warf die erwachsenen Juden aus allen höheren Berufen hinaus und suchte sie sogar aus dem Handel zu verdrängen. Man verschloß den jungen alle öffentlichen Schulen, um sie auf den Stand der vertierten Muschiks hinabzudrücken. Man jagte sie, Gesetze vorschützend oder mit brutaler Willkür, die Ausreden verachtet. aus ihren Wohnorten und trieb sie in einige