Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 807 Daß dies so sei, benütze ich den Segensspruch: Gott segne und beschütze unseren geliebten König! Gott segne und beschütze unser teures Vaterland! Gott segne und beschütze unser Resiczabanya! Und nun, sehr geehrter Herr Oberstuhlrichter, bitte ich, den Schlüssel unseres neuerbauten Tempels in Empfang zu nehmen und denselben zu öffnen! Nach den lebhaften Beifallskundgebungen, die dieser Enunziation des greisen Vorstehers folgten, erwiderte Bezirkschef Oberstuhlrichter Herr Bola v. Birü diese Ansprache. Er gab seiner lebhaften Freude Ausdruck, daß die schöne Mission, den neuen Tempel zu öffnen, ihm zuteil wurde. Mit treffenden Worten bewies er die Notwendigkeit der Religion als die Inkarnation der Moral und Gesittung, als die Basis der Nächstenliebe und Humanität. Dann betonte er die hohe Opferfreudigkeit der Anhänger der israelitischen Konfession, die allein es möglich machte, daß dieses schöne Gotteshaus errichtet werden konnte. Mit den besten Wünschen für die Zukunft erklärte er den Tempel für erschlossen. Don den lebhaften Eljenrufen der Anwesenden begleitet, nahm er den auf einem hübschen Polster ruhenden, von einem weihgekleideten Mädchen ihm gereichten vergoldeten Schlüssel entgegen und öffnete die Pforte, worauf sich das Publikum in den Tempel verfügte. Hier wurden die kommenden von den weihevollen Akkorden eines jüdischen Freudengesanges überrascht. Der hiesige Gesangsverein nämlich, d. h. dessen Chormeister Herr Büla H e n n, hat in lobenswerter Weise der Bitte der Kultusgemeinde in bereitwilligster Weise entsprochen und den musikalischgesanglichen Teil der Feier auf sich genommen. So kam es, daß mehrere liebenswürdige Mitglieder des Vereines, die auch über die besten Stimmen verfügen, verstärft von einigen außerhalb des Vereines stehenden, gesanglich Gebildeten, durch den herrlichen Vortrag der programmäßigen Lieder die' weihevolle Stimmung der Anwesenden noch erhöhten. Ein Solo, das der Präses des Vereines, Herr Arpad v. Birü, vortrug, welches er trotz des erschwerenden Umstandes, daß der Tert in jüdischer Sprache war, prächtig zu Gehör brachte, hat alle Zuhörer tief ergriffen. Nach dem Umzuge mit der Thora hielt der Lugoser Oberrabbiner, Se. Ehrwürden Herr Dr. Manü Lenke, die Festpredigt. Seine Rede war ein Meisterwerk: seine zündenden Worte führten Herz und Seele in höhere Regionen und zwangen alles, was hienieden ist, von einer höheren Warte zu beurteilen. Der Eindruck, den seine, auch in der Form vollendete Rede hervorrief, wird gewiß jedermann unvergeßlich bleiben. Mit dieser Predigt hatte auch die Feier den Höhepunkt überschritten, und nachdem der Eemeindevorstand, Herr Jakob Frankl, in dem neuen Gotteshause das „ewige Licht" entzündete, oben am Chore der Gesangsverein den andächtig und stehend angehörten „Hymnus" harmonisch und tadellos zum Vortrage brachte, fand die einfache, aber würdevoll verlaufene Feier, um deren Gelingen der Vizevorstand der Gemeinde, Herr Hermann Schwarz, das Hauptverdienst hatte, ihr Ende. Sechs Mische Protestoersammlungen m Berlin gegen den Kiewer Ritualnwrdprozeß. Der Reichsverein deutscher Juden hafte für den 20. Oktober zwei Protestversammlungen in den Saal des Tiergartenhofes und in die Soph'snsäle einberufen. Beide Säle waren lange vor der angesetzten Zeit überfüllt, so daß im letzten Moment noch weitere vier Versammlungen in einem zweiten Saal der Sophiensäle, in dem Motivhaus, der Brauerei Königstadt und dem Restaurant Hütte, in der Bachstraße abgehalten wurden, die alle von zusammen über 6002 Personen besucht waren. In den Versammlungen sprachen insgesamt zwölf Redner, die alle gespannte Aufmerksamkeit und lauten Widerhall bei den Zuhörern fanden. Es war eine mächtige Demonstration der Iudenschast Berlins, die ihre Solidarität mit dem Gesamtjudentum in feierlicher Weise bekundete. In der Hauptversammlung im Tiergartenhof sprach zuerst Herr Dr. Franz Oppenheimer: „Unser Protest wird in Rußland keinen Eindruck machen, denn die leitenden Kreise dort haben jedes Verantwortungsgefühl verloren. Aber vielleicht können wir das Gewissen Europas erschüttern, wenn wir darauf Hinweisen, daß Europa für die russischen Geschehnisse mit die Verantwortung trägt." Es folgte Herr Dr. Gustav Witkowsky, der die Vorgeschichte des Prozesses und den Charakter der Anklage darlegte und ausrief: „Wenn jeder einzelne von uns die Schmach seines Volkes empfindet und das Gelübde ablegt, nicht zu ruhen und zu rasten, bis der Geist der Solidarität alle Juden erfüllt, dann wird auch dieser furchtbare Prozeß für uns zum Guten gewendet sein." — Herr Dr. Heinrich Loewe führte aus, die leitenden Kreise in Rußland seien gewohnt, die Flammen der Rache für ihr ungeheures Unrecht in jüdischem Blute zu ersticken. „Man wird Beilis morden, wie man so viele Tausende Juden gemordet hat. wir aber heben unsere Hände hoch, sie sind rein von diesem Blute." — Herr Hermann Struck wies auf das ausführliche Gutachten des Kardinals Ganganelli, des späteren Papstes Clemens XIV., hin, der die Ritualmordanklage auf das Nachdrücklichste verurteilt hat. Es gäbe nur einen Weg, die russischen Jubeln zu retten, nämlich, sie aus dem eisernen Schmelzofest Rußlands hinaus in die Freiheit ihres eigenen Landes, nach Palästina. zu führen. Herr Dr. Schmarja Lev in. Mitglied des engeren Aktions-Komitees der zionistischen Organisation und aewesener Abgeordneter der ersten russischen Duma, führte aus: „Dieser Prozeß ist nur ein Ring in de- Kette der Verfolgungen, denen die russischen Juden ausaesetzt sind. Furchtbarer noch als alle Verfolgungen ist der Ausschluß von den höheren Schulen und damit von der Kultur und der fteien Menschenwürde. Die Möglichkeit solcher Behandlung beruht auf der Lage des jüdischen Volkes. Ein Volk, das keine Vertretung hat. ist der Willkür der Umgebung preisgegeben. Wir müssen uns für eine Vertretung vordersten, und da gibt es ein Mittel: ..Bereiten wir unsere Jugend vor, zeigen wir ihr, daß wir d^e De aftwortung für jeden einzelnen Juden übernehmen, der jetzt lebt, sowie für die ganze lange Vergangenheit des Judentums. Wir übernehmen die Verantwortung für die Vergangenheit — aber auch die Verantwortung für die Zukunft werden wir keinem Fremden überlassen." — Der letzte Redner, Herr Dr. Alfred Klee, setzte auseinander: „Wenn die Juden der ganzen Welt sich als eine geschlossene Einheit fühlten, die um ihre Volksehre ringt, dann wäre es tausendmal besser um uns bestellt. Aber wir erleben es. daß man in jüdischen Gemeinden Deutschlands die Frage ernstffch aufwirft, ob man den ausländischen Juden die Gleichberechtigung in der Synagooengemeinde geben soll. Wir lösen die Judenfrage nur durch Liebe zu unseren Brüdern. Sehen wir, daß in Liebe und Treue an der Wiedererweckung des großen Gedankens der Einheit gearbeitet werde, wo nur immer sich die Bande lockern. Ein Gott, ein Volk!" Am Schlüsse der Versammlung schlug der Vorstände. Herr Direftor Lichtenstein, nachstehende Resolution vor. die einstimmig angenommen wurde: ..Die vom Reichsverein deutscher Juden einberufene iüdiiche Volksversammlung erbebt aus Anlaß des Kiewer Beilisvrozesses feierlich Protest gegen die ungeheuerliche Beschuldigung. daß es Juden gäbe, die zu Religionszwecken Menschenblut verwendeten. Sie brandmarkt es als einen Schandfteck unserer Zeft, daß man es wagen