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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 806 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 44 liches nicht mehr Vorkommen. Einen Widerruf könne er allein nicht veranlassen, sondern müsse hiezu erst den Beschluß des Landesausschusses einholen. Da jedoch die meisten Mitglieder des Landesausschusses von Graz abwesend seien und daher die Einberufung einer Sitzung unmöglich sei. so empfehle er den Herren, in den Tagesblättern selbst mitzuteilen., daß sie gegen diese Unkorrektheit Protest erhoben hätten und daß dem Proteste auch Rechnung getragen wurde. Mit Recht gaben sich die Vertreter der Grazer Kultusgemeinde mit diesem Bescheide nicht zufrieden und forderten zumindest, daß dieselbe Kundmachung, natürlich mit Hinweglassung der inkriminierten Bemerkung, nochmals ex offo in denselben Tagesblättern erscheine. Hiemit gab sich auch Landeshauptmann Graf Attems einverstanden und die Kundmachung ist auch inzwischen in einwandfreier Form wieder erschienen. j ' 5 '' ' * r"'j Nun kommt aber das Köstlichste und Merkwürdigste an der ganzen Geschichte. Auf die Frage der Herren Präsidenten der Grazer Kultusgemeinde, was denn diesen subalternen Beamten veranlagt haben mochte, diese die Judenschaft verletzende Bemerkung in die Kundmachung einzuschallen, erwiderte Graf Attems. daß dieser Beamte sich eigentlich strikte an einen Beschlutz des Landtages ^om Jahre 1905, wonach Juden aus den öffentlichen Lieferunaen für das Land ausgeschlossen werden, gehalten habe. Allerdings wurde dieser Beschlutz bisherniemals ausgeführt. Nun erklärten die beiden Herren, auch gegen einen solchen Beschlutz, der bisher unbekannt blieb, protestieren zu müssen, worauf Graf Attems erwiderte, datz dies keinen Zweck habe. der Beschluß von einem bereits aufgelösten Landtage gefaßt und auch nie aehandhabt wurde. In Oesterreich gibt es, wie man sieht, noch immer Dinge, die anderswo unmöglich sind. Narcisse Leven. Am 15. d. M. konnte Herr Narcisse Leven, der jetziae Präsident der Alliance Jsraelite Universelle in Vafts. ft'"»" 80. Geburtstag feiern. Geboren am 15. Okftbe" 1833 m Uerdingen am Rhem, genoß er seine Mittelschulbildung am-Lncee Henry IV. in Baris und widmete sich dann dem Studium der Rechtswissenschaften. Schon ftüh führte ihn das Schicksal mit Adolphe Cramieur zusammen, dessen Sekretär er fünf Jahre hindurch war und an dessen Seite er an den politischen Kämvfen in Frankreich um die Mifte des Jahrhunderts teilnabm. Aber Cremieur war nicht allein der hervorragende Fülfter der Ovvosition. und 1848 srmar Mitglied der nrövisoris^en Regierung, sondern, als Präsident des Zentralkansistoriums auch anerkanntes Haupt des Judentums. dem es in seiner glühenden, hinreißenden Beredsamkeit gelungen war, den Juden in ihrem Kamvke um Ane-kennung und Glei^berechtiaunq unschätzbare Dienste zu leisten. Aus solcher Schule bervoraeaangen. ist es kein Wunder, daß schon ftüh in Narcisse Lenen der Entschluß reifte, sem ganzes Leben der mdischen Sache zu widmen. Und so kam er im Jahre 1860. als noch nicht 37jäbriaer, dazu, in Gemeinschaft mit 16 Gleichgesinnten eine GeHstschgft ins Leben zu rufen, deren Aufgabe darin bestehen sollte, ..überall an der Emanzipation und dem moralischen Fortschritt der Juden zu arbeiten, und denen, die in ihrer Eigenschaft — als Juden leiden, wirksamen Beistand zu leisten." Das ist die Alliance Jftaffite Universelle, die mit dem Namen Levens aufs innigste verknüpft ist und für alle Zeiten unzertrennlich bleiben wird. Als Schüler und Freund Eremieux' war er lange Zeit an dessen Seite auch in allen allgemeinen Kämpfen zu finden. Während des französisch-deutschen Krieges war er unter Crömieur Eeneraffekretär im Justizministerium. Als aber Cremieur sein Mimsterportefeuille niederlegte, gab auch Leven seinen Posten auf, und nahm ferner bei der Regierung keine Anstellung. Seitdem galt seine Tätigkeit ganz däm sozialen Leben. Eine kurze. Zeit, von 1880 bis 1887, war er kommunalpolitisch tätig als Mitglied des Pariser Gemeinderates, dessen Vizepräsident er zuletzt wurde. Aber in der Hauptsache kannte er hinfort doch nur eine einzige Beschäftigung: die Förderung und Ausgestaltung der Alliance, in der er nacheinander als Sekretär, Vizepräsident und zuletzt als Präsident gewirkt hat. . In Anerkennung und Würdigung seiner großen Verdienste haben jüdische Institutionen Narcisse Leven durch Verleihung vieler Ehrenämter auszuzeichnen gesucht. So war er 36 Jahre lang Mitglied und nach dem Tode Michel Erlangers auch Vizepräsident des jüdischen Konsistoriums von Paris. Außerdem gehört er dem Kuratorium des Räbbinerseminars und der Ecole de travail an. Und die größte jüdische Organisation, die Jca, hat ihn zu ihrem Präsidenten ernannt. Er selbst freilich ist in erster Linie „Alliancist". Mit der Alliance, die er milschaffen half, an deren Wiege er stand und die er groß werden sah, fühlt er sich geradezu organisch verwachsen. Er darf in gewissem Sinne auch als der Historiograph der Alliance bezeichnet werden. So hat er erst vor zwei Jahren, ans Anlaß des 50jährigen Jubiläums, der Alliance, den ersten Band eines grotzangelegten Werkes ..Oinguaute ans d’liistoire“ veröffentlicht, das in umfassender und gründlicher Weise die Geschichte der Juden während der letzten fünfzig Jahre behandelt. Tempelweihe. Unter Vermeidung jedweden äußeren Pompes, einfach und bescheiden, hat die israelitische Kultusgemeinde in Resicza die Weihe ihres neuerbauten Gotteshauses vorgenommen. Die Teilnahme an dieser Feier war eine sehr große, auch die Bekenner der anderen Konfessionen fanden sich so zahlreich ein. daß der geräumige Tempel sich für die Erschienenen als zu klein erwies. Dem Weiheakte voran ging eine Fest-Versammlung, der die erschienenen Gemeindemitglieder in gehobener Stimmung anwohnten. Der langjährige und verdienstvolle Gemeindevorstand, Herr Jakob Frankl, rekapitulierte in seiner Festrede die Geschichte der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde, wobei er auf 62 Jahre zurückdenken konnte, denn vor 62 Jahren kam er als erster Jude hierher. In kurzen, aber markanten Zügen schilderte er den Werdegang der Gemeinde, der er feit 4 Dezennien vorsteht. Nachdem der Vertreter der Behörde, Oberstuhlrichter Herr Bela v. Birn, von einer Deputation der Vorstebung abgeholt, am Schauvlatz der Feierlichkeit erschien, plazierte sich Herr Vorstand Frankl auf die Stufe zum Eingang des Tempels und hielt von dort mit weithin tönender Stimme folgende Anrede: Hochgeehrter Herr Oberstuhlrichter! Sehr geehrte Anwesende! Es sei mir gestattet, als Präses und Gründer dieser Kultusgemeinde meinen Gefühlen mit einigen Worten Ausdruck zu verleihen. indem ich in diesem Moment dem Allmächtigen tiefergriffenen Herzens Dank sage, datz es mir in so hohem Alter vergönnt ist, dieser erhebenden Feierlichkeit, der Einweihung des neuerbauten Gotteshauses, mit Ihnen vereint, beiwohnen zu können! Den hochverehrten Gästen anderen Glaubens danke ich sowohl in meinem, als auch im Namen meiner Gemeinde für ihre gütige Anteilnahme an diesem Feste! Sie haben speziell mich doppelt erfreut und die zweiundsechzigjährigen Erfahrungen meines Hierseins b e st ä t i g t, datz die Einwohner Resiczas ohne Unterschied der Konfession immer eine Familie bildeten in Freud' und Leid! — Warum auch nicht? Sind wir Menschen doch Alle Kinder eines Vaters! Ein Gott hü uns erschaffen! Und so wollen wir auch als Brüder in Eintracht weiter leben und wirren!

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