Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 808 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 44 kann, einen solchen wahnwitzigen Verdacht zu erheben gegen ein Volk, das drei Jahrtausende menschheitlicher Hochtullur durchlM und die Menschheit Nächstenliebe und Humanität gelehrt hat. Im Namen der Solidarität der gesitteten Menschheit fordert die Versammlung die ganze Kulturwelt auf, gemeinsam mit dem jüdischen Volke den Kampf gegen die finstere Barbarei zu führen und ihm zu helfen, die geschändete Menschenwürde und verletzte Volksehre zu verteidigen und zu schützen." Lord-Oberrichter Sir Rufus Jsaacs als Jude. Der vorige Woche ernannte Oberlichter Sir Rufus Jsaacs in London hat seinen Amtseid mit dem Alten Testamente in der Hand abgelegt. Sir Rufus ist aber nicht nur dem Namen nach Jude, er hat, so oft es ihm seine, in des Wortes buchstäblichem Sinne, teure Zeit gestattete/ sich den jüdischen sozialen Arbeiten der 'Londoner Judenschaft mit Freuden gewidmet. Er hat wiederholt bei den großen Veranstaltungen der Maccabeans präsidiert und auch die Festrede gehalten. Ebenso arbeitete er an der Hebung der jüdischen Schulen mit, und wie sehr er sich als Jude fühlte, geht aus einer Rede hervor, die er einmal bei der Preisverteilung in den Schülerkursen der Hampscead-Synagoge an die Schüler hielt, indem er ihnen zurief, daß sie stets stolz sein müßten, einer der ältesten und edelsten unter den heute bestehenden Rassen anzugehören. Auch das jüdische Waisenhaus und das jüdische Spital erfreuen sich seit jeher seiner aktiven Förderung. Ebenso hat er an dem Entstehen und der Entwicklung der heute in so hohem Ansehen stehenden „Jews Ladbridge" mitgearbeitet. Bezeichnend für sein jüdisches Selbstbewußtsein ist es, daß er gerade am letzten Jom-Kippur noch als Generalanwalt an dem Leichenbegängnisse eines hohen richterlichen Funktionärs hätte teilnehmen sollen. Er entschuldigte jedoch in einem Schreiben an die Familie sein Fernbleiben damit, daß er wegen des Versöhnungstages nicht an dem Leichenbegängnisse teilnehmen könne. Colonel Picard. Vor einigen Tagen starb in Paris Colonel. Ernest A. Picard im Alter von 51 Jahren. Oberst Picard stand noch eine glänzende militärische Karriere bevor, und es war in militärischen Kreisen bekannt, daß er in verhältnismäßig kurzer Zeit für ein Avancement zum General in Aussicht genommen war. Picard, der aus dem Elsaß stammte, hat sich nicht nur als Soldat, sondern' auch als militärischer Schriftsteller einen bedeutenden Namen erworben. Seine großen Kenntnisse kamen ihm insbesondere aus dem wichtigen Posten.zustatten, den er als Chef der historischen Sektion des Generalstabes bekleidete. Colonel Picard war der Verfasser einer Anzahl wertvoller Arbeiten über den deutsch-französischen Krieg, und sein jüngstes Werk über die Schlacht von Sedan brachte ihm gerade im Juni dieses Jahres den Preis der Akademie. Bis vor kurzem trug er mehrere Jahre hindurch an der Sorbonne Militärgeschichte vor. Bei seinem Leichenbegängnisse/ an welchem die Spitzen der französischen Gesellschaft und insbesondere eine große Anzahl hoher Militärs teilnahmen, wurde seinen letztwilligen Verfügungen entsprechend, von jeder militärischen Parade abgesehen. Er wurde in der jüdischen Abteilung des Pöre-Lachaise- Friedhofes bestattet. Religiöse Gleichberechtigung in Peru. In Peru werden von nun ab sämtliche Kulte die volle Gleichberechtigung genießen. Bisher hatten im Sinne der Verfassung bloß die römischen Katholiken das Recht, ihre Religion auszuüben. Jede andere religiöse Hebung war verboten. Nun hat. die Deputiertenkammer ein Amendement zu Artikel 4 der Verfassung im Sinne der Gleichberechtigung aller Religionen angenommen. Dieser Beschluß wurde nunmehr auch vom Senat approbiert. Diese religiöse Gleichberechtigung wird zunächst den Protestanten zugute kommen, die in Peru in größerer Zahl leben. Juden gibt es verhältnismäßig nur wenige in Peru, die aber gleichfalls keinen öffentlichen Gottesdienst abhalten dursten. Es ist sehr wahrscheinlich, daß auf Grund dieser Aenderung der Verfassung nunmehr auch in Peru jüdische Gemeinden entstehen werden. Philadelphia. Freitag, am 19. September, hat hier ein Prozeß sein Ende gefunden, der für weitere Kreise von Interesse ist. Am 11. Dezember 1912 wurde gegen Rabbi Löwenthal und Rabbi Großmann bei Gericht die Klage überreicht, weil sie ein öffentliches Zirkular publiziert haben, in welchem fie die rechtgläubigen Juden von Piladelphia vor den Fleifchwaren des Fleischhauers Max Rubin warnten, der nicht unter Aufsicht des Rabbinates steht. Das Zirkular erklärt die Waren dieses Fleischhauers als rituell unbrauchbar. Der Beschuldigte klagte auf Verleumdung und gab an, daß eine Konspiration bestünde, sein Geschäft zu ruinieren. Bei ähnlichen Vorkommnissen in früheren Jahren war man bestrebt, die Angelegenheit außergerichtlich zu erledigen. Diesmal wurde beschlossen, ein für allemal den Prozeß durchzuführen und der bekannte Advokat Joseph Groß wurde beauftragt, die Verteidigung der geklagten Rabbinen zu übernehmen und er entledigte sich seiner Aufgabe mit glänzendem Erfolg. Der Verteidiger machte geltend, daß es nicht nur das Recht des Rabbiners ist, sondern auch seine Pflicht ist, öffentlich bekannt zu machen, welches Fleisch nicht koscher ist — geradeso wie es die Pflicht des von der Regierung eingesetzten Inspektors ist, öffentlich jene Firmen bekannt zugeben, welche faule Eier oder unreine Speisen verschleißen. Das Ritualgesetz des Talmud ist ein Schutz für Reinlichkeit und Hygiene und diejenigen, .welche nur Koscherfleisch kaufen, wollen damit auch eine Garantie für ihre Gesundheit haben. Wer Nicht-Koscherfleisch verkauft als Koscherware, handelt geradeso, wie wenn einer falsche Diamanten verkauft für echte. Die Advokaten der Gegenseite bemühten sich vergebens mit vieler Beredsamkeit diese Argumente zu erschüttern. Der Richter hat sich.den Ausführungen des Advokaten Joseph Groß angeschlossen und die geklagten Rabbinen Löwenthal und Großmann freigesprochen. Rothschild in Brasilien. Die Herren Evelyn und Anthony Rothschild, vom Londoner Bankhaus Rothschild, (bekannt durch seine alten guten Beziehungen zu Brasilien), weilten 14 Tage in Rio de Janeiro. Unter anderen den zwei jungen Herren dargebrachten Ehrungen verdient das Fest erwähnt zu werden, welches der Präsident des Senats und einflußreichste Politiker Brasiliens, General Pinheiro M a ch a d o, ihnen zu Ehren, am 2. Oktober daselbst veranstaltete. Anwesend waren bei diesem Feste im Palais des General Pinheiro Machado alle Minister, die Botschafter von England, Rußland, Frankreich, Italien, Spanien, Chile, Argentinien und Portugal. Ferner der Präsident der Deputiectenkammer, der Polizeipräfekt, der Bürgermeister, die Braut des auf einige Tage von Rio abwesenden Präsidenten der Republik, Marschall Hermes la Fonscca und die Creme der besten Gesellschaft Rios. Nach einem großen Konzerte folgte Ball, welcher sich bis früh Morgens verlängerte. Unter allen Anwesenden wurden Zeichen mit dem Bildnis der Brüder Rothschild verteilt. Die Brüder Rothschild werden nun einige Tage im Cafe Staat Sao Paulo verbringen und von da aus sich nach Argentinien begeben.