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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr 44 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 805 Datz wir Rabbiner nicht die Kraft und Fähigkeit besitzen, die Synagogen zu füllen, diesen Vorwurf können wir uns ruhig gefallen lassen. Das Füllen der Gotteshäuser war niemals die Aufgabe des Rabbiners gewesen und bildet auch heute nicht den Gegenstand unseres Ehrgeizes, schon deshalb nicht, weil wir wissen, daß der Schwerpunkt des Judentums nicht in der Synagoge, sondern im jüdischen Haus gelegen ist. Von Elia, dem Eaon von Wilna, erzählen seine Biographen, datz er nur in den seltensten Fällen die großen Synagogen seiner Vaterstadt besucht hatte, gleichwohl scheuten sich seine Zeitgenossen nicht, ihm den höchsten und ehrenvollen Titel „Eaon" zu verleihen. Hingegen wird von Dr. Lueger erzählt, datz er sich oft gerühmt hatte, die Kirchen gefüllt zu Habens „Ob er aber dadurch zur Erweckung wahrhafter Religiosität beigetragen, möchte ich dahingestellt sein lassen. Datz der kantorale Gesang einen integrierenden Bestandteil unseres Gottesdienstes bildet und zur Verschönerung desselben wesentlich beiträgt, wird von keinem vernünftigen Menschen bestritten und wurde auch von mir mit besonderem Nachdruck hervorgehoben. Das hindert mich aber nicht, der Feststellung, wonach „die eigent- Anziehungskraft des Gottesdienstes für den heutigen Juden der gesangliche Teil bildet", entgegenzuhalten: Anziehungspunkt ist der Rabbiner allerdings nicht und will es auch nicht sein. Nicht anzuziehen, — z u erziehen sind wir da. Dieses Erziehungswerk beginnen wir Rabbiner bei uns selbst. Ein solches, wenn auch nur in bescheidenem Matze, zu vollbringen glaubte ich durch die Veröffentlichung meines Artikels, indem ich mich dabei von einem Worte Paul Heyses — mit kleiner Variation — leiten ließ : Willst du zum Menschen dich erziehen, Habe den Mut deiner Antipathien. Wien, Ende Oktober 1913. Rabbiner Dr. Arninp Abeles. IKorrespondenzen. Bestellung eines Rabbiners Kr den Leopoldstädter Tempel. In der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom Mittwoch, den 29. Oktober 1913, wurde Herr Dr. Mar G r u n w a l d, bisher Rabbiner in Fünfhaus, zum Rabbiner und Prediger für den Leopoldstädter Tempel bestellt. Dr. Mar Gr unwald, auf den die Wahl des Vorstandes gefallen Ist, steht dem Herausgeber dieses Blattes verwandtschaftlich so nah, datz wir uns eine ausführliche Würdigung der Persönlichkeit des neuen Leopoldstädler Rabbiners versagen müssen. Allein der Genugtuung dürfen wir Ausdruck geben, datz hiermit eine jahrelange unermüdliche Hingabe an die geistige und kulturelle Hebung des jüdischen Lebens in Wien und ein vollständiges Aufgehen in den Dienst der jüdischen Wissenschaft ihre gerechte Anerkennung gefunden haben. Em jüdisches Waisenmadchen im Hause Tisza. Aus Budapest, 24. ds., wird telegraphiert: Von einem Beweis seltener Herzensgute berichtet heute „Vilag": Die vermögenslose Waise Rosa Schlacker aus Grotzwardein war im vergangenen Jahre unentgeltlich in das Budapester Elisabeth-Mädchenerziehungsinstitut aufgenommen worden, erhielt aber zu Anfang dieses Schuljahres die Mitteilung, datz für sie kein Freiplatz mehr zur Verfügung stehe, weshalb sie nicht ausgenommen werden könne. In ihrer Not wandte sich das Mädchen an den Vizepräsidenten der Nationalen Arbeitspartei, Josef Telegdi; sie erhielt bald darauf einen Brief, in welchem es hietz: „Wir sind gerade jetzt in die Burg gezogen, wo es ohnehin viele unbewohnte Räume gibt: kommen.Sie zu uns, wir werden Sie mit allem versehen, und Sie werden die Schule besuchen können, und zwar nicht allein, denn wir haben bereits einen Schützling in Ihrem Alter, der dieselbe Schule besucht. Kommen Sie nur, wir sehen Sie gerne. — Gräfin 'Tisza." — Das überraschte Mädchen antwortete, es hoffe bei Freunden Unterkunft zu finden und bemerkte hiebei. Ihre EXZellenz wisse wohl nicht, datz die Bittstellerin eine Jüdin sei. Diesmal traf ein eigenhändiges Schreiben des Grafen Stephan Tisza ein. in welchem es heitzt: Ich kenne Ihre Angelegenheit. Sie sollen nicht ohne Hilfe bleiben. Auch ich bitte Sie, das Angebot meiner Frau anzunehmen. Sie müssen wissen, liebes Fräulein, datz wir unser Leben lang nie Rassen- oder konfessionelle Unterschiede gekannt haben. Wir haben immer nur den Menschen gesehen und hoffen, datz.auch Sie uns ein liebwerter Gast sein werden." Jetzt folgte Rosa Schlacker der Einladung und ist seither ein Hausgenosse im Palais des Ministerpräsidenten. Em unglaublicher Landtagsbeschlutz. Aus Graz wird uns berichtet: Am 21. d. M erschienen der Präsident der Grazer Kultusgemeinde. Herr Simon Rendi, und der. Vizepräsident. Herr Armin Birman, beim Landeshauptmanne Grafen Allems und trugen daselbst folgenden Protest vor: „Wir "•es tat teil uns heute hier vorzuspreehen. am hei Euer Exzellenz im Namen der Grazer israelitischen Kultusgemeinde und im Namen der gesamten Judensehaft Stmermarks Beschwerde zu führen gegen eine schwere Beleidigung. die uns der Steiermärkische Lamlesausschuß in einer öffentlichen Kundmachungzugefügt hat. In einer öffentlichen Kundmachung über die Sicherstellung der Bedürfnisse für die Landesirrenanstalt Friedhof schreibt der Landesausschuß: „Anbote außersteirischer lirmeii oder israelitischer Geschäftsleute werden nicht berücksichtigt.“ In dieser Bemerkung, daß Anbote israelitischer Geschäftsleute überhaupt, d. h. wenn sie auch in Steiermark seßhaft sind, nicht berücksichtigt werden, sehen wir eine Verletzung des Staatsgrundgesetzes, wir erblicken darin ein Attentat auf die Gleichberechtigung der jüdischen Gesehältswelt Steiermarks, eine Aufreizung zum Boykott, gegen die jüdische Kaufmannschaft, wogegen wir energisch Stellung zu nehmen gezwungen sind. Die Bedürfnisse, für die der Landesausschuß zu sorgen ha,t, werden von den Steuergeldern des Landes gedeckt, zu denen die Juden zumindest im gleichen Verhältnis beitragen, wie alle anderen Bewohner des Landes. Die in Steiermark ansässigen Juden haben viel zur Hebung des Handels, des Gewerbes und der Industrie beigetragen. Die Judenschaff. unterstützt stets mit Freude alle Bestrebungen des Fortschrittes und der Kultur, der Kunst und der Wissenschaft. Wir üben Treue im bürgerlichen und im staatlichen Leben, Liebe zum Kaiser und zum Vaterland, l'nd was die Ausübung der Wohltätigkeit anlangt, so wurde dieselbe vor nicht langer Zeit von unserem gütigen Monarchen in huldvollsten "Worten besonders hervorgehoben. Nicht Mißachtung oder Geringschätzung, sondern Anerkennung und Achtung gebührt uns. Es ist schon tief betrübend genug für die Juden Steiermarks, wenn der Landesausschuß oft gegen die Interessen der Finanzen des Landes das Prinzip handhabt, Offerte jüdischer Kaufleute, wenn dieselben noch so günstig sind, nicht zu berücksichtigen. Dagegen können wir leider nichts tun, insolange solche Offerte ohne Angabe von Gründen abgelehnt werden. Aber die in einer öffentlichen Kundmachung erfolgte Ausschließung jüdischer Kaufleute ist eine Verletzung des Staatsgrundgesetzes, sie ist eine Beleidigung aller in Steiermark ansässigen Juden, und dagegen müssen wir energisch Protest erheben. Diese Zurückstellung steiermärkischer Juden zu Staatsbürgern niederen Ranges erscheint uns wie ein finsteres Gespenst aus dem dunkeln Mittelalter und wir können nicht umhin. Euer Exzellenz die Erbitterung und tiefe Entrüstung, die deswegen in allen jüdischen Kreisen Steiermarks herrschen, zur freundlichen Kenntnis zu bringen. Wir fordern Remedur, und zwar 1. daß die bezügliche, die jüdische Geschäftswelt ausschließende Bemerkung in den Tageshlüttern widerrufen werde, und 2. daß in Zukunft eine solche Ausschließung jüdischer Kaufleute unterbleibe. Euer Exzellenz sind ja auch Landeshauptmann der jüdischen Einwohnerschaft Steiermarks. Als solcher und im Vertrauen auf die allbekannte Gerechtigkeitsliebe Euer Exzellenz, bitten wir, auch uns Gerechtigkeit widerfahren zu hassen, und unseren Forderungen zu entsprechen.“ Auf diese energische Sprache drückte der Landeshauptmann sein Bedauern über den Vorfall aus und erklärte, datz nur ein subalterner Beamter die Schuld an dieser Einschaltung trage. Allerdings fühle er sich selbst insoferne auch schuld, als er die Kundmachung wegen Ueberbürdung während der Tagung des Landtages nicht durchgelesen habe. In Zukunft werde jedoch ähn-

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