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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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S-itt 804 Dr. Bkochs die jüngst in der biederen „Reichspost" publizierte unverhüllte Drohung: Wie wir erfahren, ist der ehemalige Leiter der Schissahrtssektion im Handelsministerium, Freiherr zu Weichs-Glon, in der Lage, über die Vorgeschichte der Konzesfionierung der „Canadian Pacific Railway Co." Mitteilungen von größter Wichtigkeit und Bedeutung zu machen. Diese Mitteilungen kann er korrekterweise natürlich nur dann erteilen, wenn er vom Handelsministerium von der Pflicht der Amtsverschwiegenheit enthoben wird. Es ist unerläßlich und sollte von allen Parteien gefordert werden, daß Baron Weichs von dieser Amtsverschwiegenheit sofort enthoben werde, um volle Klarheit in diese bedenkliche Angelegenheit zu 'bringen. Es darf im Interesse des Rufes unserer Staatsverwaltung da keine Geheimnisse mehr geben. Die Verweigerung der Entbindung vom Amtsgeheimnisse müßte die schlimmsten Schlüsse über die Vorgänge im Handelsministerium zulassen." In dem Subkomilee des Abgeordnetenhauses kamen nutt interessante Aufklärungen zutage, die jedenfalls weitere Verhandlungen und Enthüllungen in Aussicht stellen. Der ehemalige Minister W e i s k i r ch n e r rückt von seinem Schützling ab, und das läßt tief blicken. Die Juden Md die Kartelle. Angesichts der feindseligen Angriffe, denen das Judentum infolge der Kartellgründungen ausgesetzt ist. und der zwei Interpellationen, die vorige Woche von nicht sehr judenfreundlichen Parteien int österreichischen Parlamente gegen das Sohlenlederkartell eingebracht wurden, mutz man auch jüdischerseits gegen schädliche Auswüchse der Kartelle Stellung nehmen. Bekannt ist es, daß fast die gesamte jüdische Bevölkerung unseres Reiches ihren Lebenserwerb nur im kleinen Zwischenhandel und im Gewerbe findet. Die größten Fabriken, soweit sie nicht als Aktien-Gesellschaften den Großbanken gehören, sind meistens Eigentum von Ariern. In der Lederindustrie sind es die Herren Gerhardus, Gerkach rc., in der Textilindustrie Ben. Schrolls Söhne, Franz Schmitt, Ignaz Klinge r, Ginzkey, Christian Geipels Söhne und so fort, in jeder Branche. Der Ackerbau in einem Agrarstaat, wie unsere Monarchie einer ist, gewiß eine wichtige Quelle, der wirtschaftlichen Wohlfahrt, bildet ausschließlich eine nichtjüdische Domäne. Bei den Staats- und Kommunalamtern sind es wahrlich nicht die Juden, die dort die Stellungen innehaben. Aus dem Gesagten ist sehr deutlich zu ersehen, wie wenig materiellen Vorteil das Gesamtjudentum von den Kartellen hat und zu erwarten berechtigt ist. Wenn aber trotzdem die antisemitische Presse und alle judenfeindlichen Faktoren für die Kartellgründungen ausschließlich das Judentum auf die Anklagebank zerren, so glauben wir nur darin den Grund zu finden, weil leider gerade Juden es sind, die aus eigennützigen Motiven bei solchen Gründungen sich an die Spitze derselben stellen und zu Handlangern sich ausnützen lassen. Von Sommerfrischlern und Reisenden sind uns Nachrichten zugekommen, daß in vielen Städten der Alpengegend bei den Schuhmachern und Schuhhändlern antisemitische Schmähgedichte und Karrikaturen affichiert sind, und das alles nur deshalb, weil ein jüdischer Hof-- und Gerichtsadvokat der Gründer und die Seele des neuen Sohlenlederkartells ist. Es ist nicht ganz unberechtigt die Empörung, die in einzelnen Kreisen gegen diesen Mann herrscht, ist er es ja, der viele fleißige und redliche Familien in ihrer Existenz bedroht: verwahren müssen wir uns jedoch sehr energisch dagegen, wenn man das Gesamtjudentum mit dem zu stark ausgeprägten Geschäftssinn eines einzelnen jüdischen Advokaten in Verbindung bringt. Die jüdischen Abgeordneten aber sollten den KaMpf gegen das Sohlenleder-Kartell nicht den Antisemiten überlassen, sondern öffentlich mani- Wochenschrist. Nr. 44 festieren, daß wir alle jede Ausschreitung der Gewinnsucht verdammen. Unter- und Obernehmer von der Sorte haben seit je dem Judentum den schwersten Schaden gebracht. Dir Predigt in den Wiener Synagogen. Schon die Tatsache, daß meine in Nr. 41 der „Oesterreichischen Wochenschrift" unter obenstehendem Titel zum Abdruck gelangten Ausführungen Widerhall gefunden und zu Gegenäußerungen haben Anlaß geboten, ist geeignet, mich und jeden, dem es nicht bloß um die äußerliche Hebung, sondern vielmehr noch um eine innere Vertiefung und Veredlung unseres Gottesdienstes zu tun ist, mit freudiger Genugtuung zu erfüllen. Wenn schon nichts anderes, so geht daraus zum mindesten hervor, daß das von mir angeschnittene Thema von aktuellem Interesse ist, was ürbigens auch die zahlreichen Zustimmungskundgebungen beweisen, die mir besonders aus den gebildeten Kreisen der Wiener jüdischen Bevölkerung zugekommen sind. Zu bedauern ist nur, daß in den beiden, in Nr. 43 der „Österreichischen Wochenschrift" veröffentlichten Gegenbemerkungen, namentlich in der ersten, die behandelte Frage in das Gebiet des Persönlichen geleitet wurde, wohin ich aber dem geehrten Kritiker zu folgen nicht gewillt bin. Wenn ich bei Besprechung mancherlei in den Wiener Synagogen herrschenden Uebelstände der Einweihungsfeierlichkeit im Pazmanitengasse-Tempel gedachte, so geschah das keineswegs in der Absicht, gewisse Personen oder gar verdienstvolle Verwaltungen zu tadeln, sondern vielmehr ausschließlich, um an einem drastischen und dazu noch der Veröffentlichung meines Artikels zeitlich am nächsten stehenden Beispiel die Richtigkeit des von mir geschilderten Tatbestandes zu erweisen. Umsomehr freut es mich, konstatieren zu können, daß das Essentielle in meinen Ausführungen von beiden Rezensenten mit lobenswertem Freimut anerkannt wird. „Richtig ist," sagt Herr Grünwald wörtlich, „wie der Herr Verfasser betont, daß speziell in Wien der liturgische Gesang den Hauptteil im Gottesdienst einnimmt und der Rabbiner nur als Nebenfunktion (sie!) betrachtet wird." Darüber wären wir nun wohl erfreulicherweise eines Sinnes; auseinandergehen unsere Ansichten nur an einem Punkte. Während ich den übermäßig langen, oft in Wiederholungen sich ergehenden kantoralen Gesang, der den ganzen Gottesdienst ausfüllt, für einen Mißstand erachte, den ich zugunsten der Herstellung eines Gleichgewichtes zwischen Predigt und Gesang und der besseren Plazierung der ersteren beseitigt wissen möchte, will weder Herr Grünwald noch auch Frau Welifch von einer Neuerung in dieser Richtung etwas wissen. Ja, Herr Grünwald geht so weit, zu behaupten: „Ich weiß nicht, ob man das bedauern soll. Tatsache ist, wenn der Rabbiner einen größeren Teil des Gottesdienstes für sich zur Funktion in Anspruch nehmen würde, ständen bie- Wiener Tempel ohne Ausnahme leer." Sind aber solche Aeußerungen nicht der schlagendste Beweis für die Richtigkeit dessen, was ich von der minderen Wertung der rabbinischen Funktionen im Rahmen der gottesdienstlichen Ordnung in den Wiener Synagogen gesagt habe? Oder ist es nicht eine Folge davon, daß die Predigt, wie ich mich ausdrückte, zu einem Anhängsel des Gottesdienstes herabgedrückt wird, wenn Herr Grünwald behauptete: „Es gibt Feierlichkeiten: bei welchen der Prediger der möglichsten Kürze sich befleißigen muß, speziell bei solchen Anlässen, wo Andersgläubige und Vertreter der Behörden und kommunalen Verwaltungen als geladene Gäste anwesend sind." Also weil der Statthalter und andere Behörden da sind, soll der Prediger sich der möglichsten Kürze befleißigen! Ich möchte aber wissen, warum das? Herr Grünwald möge sich doch die Wiche nicht verdrießen lassen und die Berichte über die im letztvergangenen Sommer stattgehabte Einweihungsfeier der Synagoge Fasanenstraße in Berlin Nachlesen. Er wird sehen, daß bei dieser Feier nicht ein,- sondern außer dem Synagogenvorsteher drei Prediger gesprochen haben — in Anwesenheit des Vertreters des deutschen Kaisers und der höchsten Spitzen der zivilen und militärischen Behörden. Und mit vollberechtigtem Grunde und in zielbewußter Absicht ist das so geschehen und geschieht überall in deutschen Landen. Denn gerade die Anwesenheit der andersgläubigen Behörden läßt es geboten erscheinen, die hebräischen Gesänge und Melodien, für welche diese Herren nicht das geringste Verständnis besitzen, auf ein Minimum zu beschränken, dafür aber umso ausgiebiger das Wort Gottes in der Landessprache ertönen zu lassen. Wo anders, als gerade bei solchen Anlässen, soll dem Prediger mehr Gelegenheit geboten werden, durch Belehrung und Aufklärung Vorurteile zu zerstreuen und Kiddusch-Haschem zu üben?! Bei uns in Wien aber soll der Prediger in solchen Fällen sich „der möglichsten Kürze befleißigen", damit „die anderen Programmpunkte berücksichtigt", d. h. der Herr Statthalter und die übrigen andersgläubigen Herren mit endlosen Gesängen traktiert werden, deren Tert und Melodien ihnen vollkommen fremd und unverständlich klingen. Heißt das nicht, um mich eines von Rudolf Eucken geprägten Wortes zu bedienen: Nebensachen zu Hauptsachen machen und Hauptsachen als Nebensachen behandeln?!

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