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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 603 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 44 Die „Frechheit -er Juden". Das russische Pogromblatt „Der zweiköpfige Adler", das einen großen Anteil an der Konstruktion des Kiewer Ritualmordprozesses hat, leistete sich dieser Tage das Höchste, was niedriger Zynismus zu bieten vermag. In einem längeren Artikel klagt es über „die Frechheit der Juden", die sich erdreisten, Fasten zu proklamieren und alles, was russisch ist, zu boykottieren. Seit Beginn des Beilis-Prozeffes seien alle Biewer Theater und Kinematographen leer, und auch die christlichen Restaurateure, Tee- und Weinstubenbesitzer klagen darüber, daß die Juden sie jetzt meiden, wodurch sich alle diese Etablissements in einem kritischen Zustande befinden. Der „Zweiköpfige Adler" meint nun, daß man sich diese russenfeindliche Haltung der Juden für die Zukunft merken müsse. EZme Aufsehen erregende Broschüre gegen die Blutlüge. Der Warschauer „Haint" meldet: 15 geistliche Mitglieder der Reichsduma haben eine Broschüre veröffentlicht, die den Titel „Juden- und Ehristenblut" führt und in welcher die Verfasser auf Grund historischer Daten sowohl gegen den Kiewer Ritualmordprozeß, wie überhaupt gegen die Blutlüge in scharfer Weise protestieren. Verhaftungen wegen Verrichtung des konfiszierten Gebetes. Aus Berditschew wird geschrieben: Am zweiten Tage des Neujahrsfestes wurde hier der Kantor der großen Synagoge beim Verlassen des Gotteshauses verhaftet, weil er das von uns veröffentlichte Gebet, das bekanntlich konfisziert wurde, in der Synagoge vorgetragen hatte. Mit ihm zugleich wurden auch mehrere Teilnehmer an dem Gottesdienste und Mitglieder des Vorstandes in Haft genommen. In der Nacht wurden in den Wohnungen der Verhafteten strenge Hausdurchsuchungen vorgenommen, bei denen selbstverständlich nichts vorgefunden wurde. Erst am dritten Tage wurden der Kantor, sowie die übrigen drei Verhafteten in Freiheit gesetzt, jedoch in Strafuntersuchung gezogen. Eine Depesche Leouid Andrejews an den Verteidiger des Beilis. Leonid A n d r e j e w hat, wie die „Kiewskaja Myßl" meldet, an den Verteidiger des Beilis Rechtsanwalt Maklakow nachstehende Depesche gerichtet: „Sie und Ihre geschätzten Kollegen verteidigen nicht nur den Menschen Beilis. sondern die Wahrheit selbst und auch die Ehre Rußlands. Ich begrüße Sie innigst und flehe den großen Geist des Lebens an, er möge Euere Kräfte stärken." Eine Protestversammlung in London. In der Memorial Hall in London fand am 29. d. M. eine Protestversammlung gegen den Ritualmordprozeß in Kiew statt, die von dem englischen Zionistenbund einberufen wurde und an der auch die Spitzen der englischen Gelehrten und Geistlichen tcilnahmen. Den Vorsitz führte Sir Francis Abraham Montefiore. Eine große Zahl von Sympathiebriefen, darunter von Lord R o s e b e r y, dem Primat von England, den Bischöfen von London, Oxford, Carliste, Winchester und Manchester, dem Herzog Norfolk. Lord Rothschild, Viscount Milne r, Josef und Austen Chamberlain. Bonar Law, Sir Conan Doyle und andere, wurden verlesen. Als Sir Montefiore eine Ansprache halten wollte, gab es die bei derartigen Versammlungen übliche Suffcagettenunterbrechung, die jedoch bei den Anwesenden wenig Sympathie fand. Die Ruhestörerinnen wurden vor die Tür gesetzt. Der Vorsitzende führte aus, daß er nicht die Absicht habe, ein Vorurteil gegen irgendeine europäische Nation wachzurufen oder die englische Regierung in ihrem Verhältnis zu ftemden Mächten in Verlegenheit zu bringen. Der Zweck der Versammlung sei, schärfsten Protest zu erheben gegen die fürchterlichste und gleichzeitig lächerlichste Anklage und Gerechtigkeit zu verlangen für das Opfer dieser abscheulichen Verleumdungen. Der bekannte Rechtsgelehrte der Universität Oxford, Professor A. V. D i c e y legje eine Resolution vor, die gegen das Wiedererwachen der gänzlich grundlosen und bösartigen Ritualmordklage, die gegen das jüdische Volk oder irgendeinen Teil desselben im Verlauf des Prozesses Beilis erhoben wurde, protestierte und die moralische Unterstützung der zivilisierten Welt für die russische Regierung forderte, sollte diese irgendwelche Maßregeln treffen, um die jüdischen Untertanen des Zaren vor fernerer Beschimpfung und Schaden zu bewahren. Der englische Oberrabbiner Dr. H. Hertz sprach im Namen der Juden seinen Dank aus und erklärte, der Kiewer Prozeß sei nicht eine Frage der Menschlichkeit, der Zivilisation und des Christentums. Die Resolution wurde unter großem Beifall angenommen. Der serbische Staat für die Juden der neuen serbischen Gebiete. Wie uns aus Belgrad berichtet wird, hat das serbische Kultusministerium bei Ausarbeitung des Budgets für das kommende Jahr auch eine Jahressubvention an die jüdischen Gemeinden der Städte Bittole (Monastir) und Skopje (Uesküp) festgesetzt. Der Ministerrat hat diese Posten im Prinzipe bereits genehmigt, und es ist gar kein Zweifel, daß auch die Skuptschina bei Beratung des Budgets keine Einwendungen gegen diese Subventionen erheben wird. Anläßlich der Jahreswende des Sieges von Kumanovo hebt die serbische Presse abermals die Tapferkeit und militärische Tüchtigkeit der jüdischen Soldaten hervor, die sich besonders bei diesem Treffen ausgezeichnet haben. Für und gegen die Juden in Saloniki. Aus Saloniki wird uns geschrieben: Die Bemühungen der griechischen Regierung, die Juden in Saloniki vor Angriffen zu schützen, scheinen von geringem Erfolge zu sein. Nach wie por hetzt die einflußreiche griechische Presse in Saloniki gegen die Juden, und die griechische Bevölkerung wird dadurch in ihrem Judenhasse gestärkt. In jüngster Zeit Machen die griechischen Blätter den Juden den Vorwurf, daß sie keine Miene machen, sich den Griechen zu assimilieren und dadurch zu zeigen, daß sie die ernste Absicht haben, loyale griechische Untertanen zu sein. Diese Angriffe scheinen gefährlicher Natur zu sein, denn der Finanzdirektor von Mazedonien, Cofinas, der, so lange er in Saloniki war, kalmierend eingewirkt' hat, sah sich, da er merkwürdigerweise von seinem Posten abberufen wurde, veranlaßt, in Athen, wo ein Teil der grieAschen Presse gleichfalls in das antisemitische Horn bläst, öffentlich die Juden in Schutz zu nehmen und die gegen sie erhobenen Angriffe als Verleumdungen zu erklären. Cofinas weist darauf hin, daß die Assimilation naturgemäß nicht in so kurzer Zeit vollzogen sein könne, daß er aber die lleberzeugung gewonnen habe, daß die Juden von Saloniki sowie die Juden der übrigen von Griechenland eroberten Gebiete sich dem. neuen Regime gegenüber als loyale und verläßliche Elemente bewährt haben.! Bei diesem Anlasse sei auch erwähnt, daß die griechische Regierung soeben einen Erlaß betreffend die Kompetenzen der jüdischen Gemeinden herausgegeben hat. Hiernach können die gegenwärtig bestehenden Gemeinden mit Zweidrittel-Majorität ihrer Mitglieder, die das 21. Lebensjahr erreicht haben müssen, endgültige Beschlüsse fassen. Diese Beschlüsse unterliegen der Bestätigung des zuständigen administrativen Kommissärs. Gegen allfällige Entscheidungen dieses Kommissärs steht den Gemeinden innerhalb 8 Tagen eine Rekursfrist an den Di-

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