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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 798 Nr. 44 1: i? Ir i;' I f ifi , gy.t Dr. Blochs Wochenfchcrft. raste, und die Immunität nichtchristlicher Volksgruppen speziell gegen derartige Ausstreuungen mutz eine psychologische Begründung haben. Es ist eine erweisliche Tatsache, datz die niedere christliche Bevölkerung in ihrer Naivität niemals Anstand nahm, auch dem vermeintlichen Feinde des Christentums eine christlich dogmatische Auffassung zu supponieren, ohne zu bedenken, datz derjenige, welcher außerhalb der Kirche steht, einer solchen Auffassung vollständig unzugänglich ist. Wir wissen z. B., wie oft blutige Judenverfolgungen ihren äußeren Anlatz und Vorwand in einer Anklage hatten, datz Juden eine Hostie mißhandelt, verhöhnt, ja sogar, um ihren Lhristushaß zu befriedigen, mit Nadeln durchstochen hätten. Wer ein solches Verbrechen begeht, aus Christenhah die Hostie mißhandelt, steht unbedingt auf dem Boden jener dogmatischen Auffassung, welche die Kirche von dem Wesen und von der Bedeutung einer durch den Priester geweihten Hostie lehrt. Welchen Sinn hätte es aber für einen Juden, der natürlich dieser spezifisch kirchlichen Auffassung der Hostie negativ gegenübersteht, meist sie gar nicht kennt, ein Verbrechen der geschilderten Art zu begehen? In diesem Fälle tritt es ersichtlich zutage, datz man den Juden auf dem Boden spezifisch kirchlicher Auffassungen und Lehren sich gedacht hat, um ihn sodann eines Verbrechens gegen das Christentum zu zeihen. - Ein ähnlicher, ganz verwandter Denkprozeß vollzieht sich auf dem Hintergründe des Blutmärchens, welches nur in einem Gedankenkreise ausreifen konnte, in welchem der Glaube und die Vorstellung heimisch war, datz die ob der Sünden der Menschen erzürnte .Gottheit sich durch ein Blutopser versöhnen lasse. Das Lehrgebäude der Kirche hat zu seinem Fundament das Dogma vom Opfertod Jesu. Infolge des Sündenfalles war die Menschheit verworfen, und es bedurfte eines Opfertodes der edelsten Kreatur, um Gott mit der Menschheit wieder auszusöhnen. Das trübe Bewußtsein des Gefallenseins, der Verschuldung, der Entfernung von Gott, sowie der Notwendigkeit des Opfers und der Versöhnung ist eine elementare Voraussetzung des kirchlichen Dogmas. Die hebräischen Propheten haben mit der ganzen hinreißenden Gewalt ihrer flammenden Beredsamkeit gegen die Idee des Blutopfers gekämpft, um sie aus dem Herzen des Volkes zu tilgen. Die Kirche hingegen hat die Idee an sich unangetastet gelassen und gerade auf dem Boden dieses Gedankens die Lehre von dem freiwilligen Opfertod des Gottessohnes, gleichsam einer einmaligen Schuldentilgung zur Versöhnung Gottes mit den Menschen, ausgerichtet. Dem Juden freilich ist das Wort des uralten Propheten Micha tief ins Herz geschrieben: „Hat der Herr Wohlgefallen an Opfern oder soll gar meinen Erstgeborenen ich für meine Sünden geben, meines Leibes Frucht für meiner Seele Schuld? Verkündet ist Dir, o Mensch, was gut ist und was der Herr von Dir fordert, das ist: recht tun, Liebe üben und demütig wandeln vor Deinem Gotte." (Kap. 6, Vers 7 und 8.) Innerhalb des kirchlichen Gedankenkreises konnte indes die, sagen wir, phantastische Idee Raum gewinnen, datz der Jude, da ihm die Gnadenmittel der Kirche, vor allem die aus dem Blute des Gottessohnes strömende Sühnekraft versagt bleiben, durch andere Blutopser, etwa durch Abschlachtung eines Christenkindes, Gott zu versöhnen sucht. Vom kirchlichen Abendmahl ausgeschlossen, genießen die Juden nicht den Leib, trinken sie nicht das Blut Christi; vermutlich behelfen sie sich damit, datz sie Christenblut den Ostermazzen beimengen. So begreifen wir es, datz die Türken, die spanischen Araber, die Perser und die Berber niemals gegen irgendwen den Verdacht eines Ritualmordes hegten und selbst bei den zeitweiligen Ausbrüchen ihres Judenhasses solcher oder ähnlicher Vorwände sich niemals bedienten, während christliche Länder die ausschließliche Heimat des Blutmärchens bilden, und je bunter, absurder und phantastischer es ausgeschmückt war, umso glaubwürdiger, wahrscheinlicher erschien es, auf umso größeren Erfolg dursten die interessierten Urheber und Verbreiter rechnen. Mit der Lichtgestalt Abrahams tritt Israel in die Geschichte ein. Im hohen Alter wird ihm ein Sohn geboren. Er soll ihn auf einem Gipfel des Berges Moria opfern. Allein Jsakwird gerettet. Was hat diese Rettung herbeigeführt? War es etwa die Vaterliebe zu dem Kinde seines Alters, welche den Sieg im Herzen Abrahams davontrug? War es Mitleid, Teilnahme an dem Geschick «eines jungen Menschenlebens? Von alledem erzählt die heilige Schrift nichts. Es war vielmehr die Stimme des Herrn, die Abrahams Geist vernommen hat: „sl iischfach jodecho el hanaar*, „Strecke nicht die .'Hand aus nach dem Knaben!" Es war die Erleuchtung des Geistes, die laütgewordene Stimme der G o t t e s erkenntnis, welche die Menschheit von einem ftnsteren Wahn erlösen wollte und erlöst hat.., Die Erlösung der Menschheit von den Greueln der Menschenopfer hat Israel mit seinem Eintritt in die Geschichte vollbracht. Allerdings mutzten noch Jahrtausende vergehen, ehe die Schallwellen jener an Abraham gerichteten Gottesstimme auf dem Gipfel des Moria auch das Ohr arischer Völker erreicht haben. Unter allen Angriffen auf das Judentum dürste darum kaum einer die Angegriffenen tiefer und fchmerzlicher verletzen, als die Blutlüge. Die Erziehung der Völker zu einer veredelten höheren Gottesauffassung ist vornehmlich das Verdienst des jüdischen Polksstammes. Es ist ein treffendes Wort von Professor Cornill: „Durch seinen Prophetismus ist Israel der Prophet der gesamten Menschheit geworden." Zum Dank dafür wurden seine Söhne zu Tausenden geschlachtet, gerädert, zum Scheiterhaufen geschleift unter dem Vorwand, daß sie angeblich ihren Religionsvorschriften zufolge kannibalische Riten üben. Getaufte Juden, die innerhalb der Kirche zu hohem Range ausgestiegen sind, z. B. der spanische Bischof Paulus von Burgos, warnten eindringlich davor, solchen Märchen Glauben beizumessen. Dadurch wird, so sagt dieser Bischof, bei den Juden die Ueberzeugung erweckt, „daß wir Christen mit Lügen umgehen, was auch die von der Taufe abschreckt, welche sonst der Annahme des Christentums geneigt wären." Der berüchtigte Johannes Pfefferkorn, der im Vereine mit Kölner Mönchen beim Papst und beim Kaiser um Verbrennung des Talmuds petitionierte und prozessierte, warnt nicht minder eindringlich vor dem „nichtigen Gerede", welches nur das Christentum in den Augen der Juden herabsetzt und „uns Christen nicht wenig zur Verachtung gereicht". Ja, Eisenmenger, der große Lügenschmied, von dieser Lüge will selbst er nichts wissen." Das „Deutsche Volksblatt" vom 29. Oktober wiederum bemerkt: „Die Frage des Rituakmordes ist nicht eine Frage, die durch die päpstliche Autorität gelöst werden kann, sondern in das Gebiet kulturhistorischer Forschung fällt." i Nun haben aber bereits sämtliche wissenschaftliche Autoritäten aller Kulturvölker die Blutbeschuldigung für eine von „diabolischer Bosheit ersonnene und von der blöden Unwissenheit geglaubte Fabel" gebrandmarkt. Auf dem Internationalen Orient«listen-Kongretz zu Leyden und dann auf dem gleichen Kongrest zu Rom haben die dort vereinigten Männer der Wissenschaft einstimmig die Resolution beschlossen: „Die zum 12. Internationalen Kongresse in Rom versammelten Orientalisten erachten es angesichts der neuesten Vorgänge als ihre Pflicht, auszusprechen, die Beschuldigung, dast jemals durch irgend welche für Anhänger der jüdischen Religion geltende Vorschriften die Benützung von Christenblut für rituelle 'Zwecke gefordert oder auch nur angedeutet worden wäre, ist schlechthin unsinnig und des zu Ende gehenden neunzehnten Jahrhunderts u nw ü r d i g." Die Universitäten von Amsterdam, von Kopenhagen, Leyden, Utrecht, Upsala, die theologischen Fakultäten von Christiania und Leipzig, Hunderte und Hunderte Repräsentanten der Theologie und Geschichte haben ihr Urteil über die Vlutlüge in fast gleichen Worten abgegeben, mit welchen Geheimrat Prof. Dr. Karl Siegfried in Jena, in einem Briefe an den Schreiber dieser Zeilen als seine Ueberzeugung zusammengefastt hat: »Daß aber die Beschuldigung: »die Juden gebrauchten Christenblut«, nichts anderes als eine Erfindung der Bosheit ist, "welche von der Dummheit geglaubt wird« das kann ein Jeder, der nur Lust hat, die Bibel aufzuschlagen, erkennen, denn nichts ist den Juden in den fünf Büchern Mose schärfer untersagt, als der Genuß von Blut (1 Mose 9, 4; 3 Mose.7, 26, 27; 5 Mose 12, 16 u. a.). So oft daher auch von demReligionsundRassenhaß diese Anklage vorgebracht worden ist, in keinem einzigen Falle hat sie erwiesen werden können; ja diegrimmigstenPolemiker gegen das Judentum haben, sobald sie eben einigermaßen Kenner jüdischer Gebräuche waren, diese Anklage fallen lassen, oder wie Wagenseil ausdrücklich ihre Unhaltbarkeit anerkannt. Wo also dergleichen aufgebracht wird, ist es ein Zeichen von Verworfenheit und Dummheit zugleich und eine Schmach für christliche Völker, wenn sie ein solches Tr. iben bei sich aufkommen lassen, und für christliche Zeitungen, wenn sie dem wohlgefällig zuschauen oder. hinter frömmelnden Phrasen ihren Kainsgeist . verbergen.« Wenn trotz alledem der Judenhaß aller Länder keine besseren Waffen gegen das Judentum zur Verfügung hat als diese Nichtswürdigkeit,, so ist .das inr Grunde — das schönste Ehrenzeugnis für das Judentum...

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