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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dr. 44 Qp, Bloch’s m Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. -n~~::~n- Wien, 31. Oktober 1913 : Lrscbetnt jeden FreLtsg. i Brief-Adresse: Wien, ll/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wie«. oo - - —=00 p Vrrugspr-i» für Drflrrrrirh: Q Halbjährig 8 ftronen: Einzelexemplare 56 Heller. Für'» Ausvind: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die nal gespaltene Pelilzeile 4« Heller. G nO.—■ ■■ — "-jQo «r. 810.976. Redaktion und Administration. Vien ll/i, Praterstraße 9 Telefon 14847 M. It. PsflsparNslsrnamt Inhalt: Leitartikel: Die Tragödie in Kiew. — Ein Briefwechsel zwischen Lord Rothschild und Kardinal-Staatssekretär Merty de Val. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der Jom-Kippur in Petersburg. Eine Szene im Gerichtssaal. Die „Frechheit der Juden". Eine Aufsehen erregende Broschüre gegen die Blutlüge. Verhaftungen wegen Verrichtung des konfiszierten Gebetes. Der serbische Staat für die Juden der neuen serbischen Gebiete. Eine Depesche Leonid Andrejews an den Verteidiger des Beilis. Eine Protestversammlung in London. Für und gegen die Juden in Saloniki. Ein Brief König Carols an Moses Montefiore. Die rumänischen Juden. Aus dem Sumpf der Korruption. Die Juden und die Kartelle. Die Predigt in den Wiener Synagogen. — Korrespondenzen: Bestellung eines Rabbiners für den Leopoldstädter Tempel. Ein jüdisches Waisenmädchen im Hause Tisza. Ein unglaublicher Landtagsbeschluß. Narcisse Leven. Tempelweihe. Sechs jüdische Protestversammlungen in Berlin gegen den Kiewer Ritualmordprozeß. Allgemeine jüdische Kolonisations-Organisation. Lord-Oberrichter Sir Rusus Jsaacs als Jude. Colonel Picard. Religiöse Gleichberechtigung in Peru. Philadelphia. Rotschild in Brasilien. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Großmacht. — Literatur und Kunst. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Die Tragödie i« Kiew. Unter täglich steigender Verwunderung der kulturellen Welt über die Möglichkeit eines solchen Gerichtsverfahrens schreitet der Prozeß Beilis seinem Ende zu, und nichts kann die Urheber dieses Attentates schärfer brandmarken als der Inhalt der Fragen, die der Gerichtshof an die sogenannten Sachverständigen stellt. Eine dieser Fragen lautet: „Beweisen die Verletzungen die Absicht, Iuschtschinsky zu quälen, um sein Blut zu erlangen?" Aber auch eine Reihe weiterer Fragen enthält nichts anderes als jene Kriterien, mit denen das absurde Blutmärchen lebendig .gemacht werden soll. Im Beweisverfahren ist nicht ein einziger Anhaltspunkt dafür gewonnen worden, daß Beilis mit dem Mord überhaupt zu schaffen hatte, daß er also die Tat begangen hat, um deren Qualifizierung sich das Gericht in so detaillierter Weise bemüht. Es besteht somit der Vorsatz, wenn schon Beilis von der Taf selbst freigesprochen werden muß, wenigstens dem Blutmärchen überhaupt eine Art gerichtsordnungsmäßiger Stütze zu geben, um so die gewünschten Waffen gegen Rußlands Juden zu schmieden. Aus dieser Erkenntnis heraus entstand der Briefwechsel zwischen Lord Rothschild und dem Kardinal- Staatssekretär Merry del Val. Lord Rothschild hat mit diesem ,Schritt den Dank der Judenheit aller Länder sich erworben, und die Wiener israelitische Kultusgemeinde und die Wiener Israelitische Allianz haben sich mit allem Fug zum Dolmetsch dieser jüdischen Empfindungen gemacht. Wenn aber das Wiener offizielle Organ für die Ritualmordlüge, die „Reichspost", in der Abendausgabe vom 28. Oktober 1913 den Briefwechsel dahin kommentiert: „In Wahrheit aber ist der Versuch Rothschilds, eine vatikanische Aeußerung über den Kiewer Prozeß zu erschleichen, ebenso kläglich mißglückt", so müssen wir daÄ, da die Redakteure dieses Blattes! sich der Beziehungen zu den höchsten Stellen der katholischen Kirche in Wien rühmen, geziemend zur Kenntnis nehmen, und find der bescheidenen Meinung, daß diese Bemerkung in Rom anders beurteilt werden dürfte, als in Wien. In der Morgenausgabe vom 29. Oktober unternimmt das Blatt. „Die Idee des Ritualmordes" wissenschaftlich zu begründen. Da heißt es wörtlich: „Der bekannte Schriftsteller R o s a n o w verweist darauf, daß die Bücher M o f e s direkt vom Ritualmord sprechen. Im Erodus, Kap. 34, Vers 17 bis 19, sei vom Menschenopfer die Rede, auch das „Absiechen" des Isaak durch Abraham, der auf Iehovas Geheiß ein Lamm an Stelle seines Sohnes opferte, spreche davon, daß im konservativen Iudenvolke der Gedanke des Ritualmordes lebendig sei. Das Lamm sei nur Ersatz für die Menschenopfer, wie auch das Plutritual der .Beschneidung, Erodus 4, 26 spricht." Eist entsetzlich, "wie wenig der Sinn und Gehalt der Bibel in rakholischen Kreisen bekannt ist, es ist entsetzlich, daß selbst Schriftsteller, die sich mit kirchlichen Dingen vorzüglich befassen, eine solche Unwissenheit in der Bibel bekunden. Wo der Ursprung dieses Aberglaubens zu suchen ist, erfahren die Herren aus einem Vortrag „Zur . Psychologie und Geschichte des Blutritualwahnes", den Dr. Mar Grunwald am 26. März im „Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in Berlin W. gehalten hat. Dort heißt es in bezug auf die Entstehungsgeschichte des Blütaberglaubens: „Unternimmt man es aber, den dunklen Entstehungsgründen der Fabel nachzuspüren, so verdient eine Tatsache vor allem eingehende Würdigung. In den Ländern außerhalb, des Christentums, in dem persischen Reiche, unter der Herrschaft der Khalisen und Osmanen, selbst im Machtbereich der grausamen Berberstämme, brauchten sich die Juden niemals gegen diese oder ähnliche Anschuldigungen zu verteidigen. Ein schweres Geschick hatten sie auch dort zu ertragen, sie wurden oft von grausamen Verfolgungen heim-, gesucht. Allein das Märchen des Ritualmordes war diesen Ländern durchaus unbekannt. Diese Tatsache, daß dje Blutbeschuldigung gegen die Juden noch nie in einem nichtchristlichen Lande aufgetaucht ist und immer nur innerhalb einer christlichen Bevölkerung Verbreitung und Gläubige gefunden hat, ist von hoher völkerpsychologischer Bedeutung. Die Empfänglichkeit der unteren Volksschichten christlicher Länder für die giftige Aussaat der Blutlüge, welche oft wie eine geistige Seuche verheerend über die jüdischen Gemeinden dahin-

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