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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-24 · 43 (24.10.1913) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
43 (24.10.1913)
Date
1913-10-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Rr. 43 Dr. Blochs Wochenschrift Sette 793 schrieb, daß es nicht Flennen und Heulen sei, sondern eine der ernsthaftesten Angelegenheiten der Menschen. Aber sein Weinen löst nicht. Er sagt es selbst in dem Gedicht „Nachtgedanten". „Ich weiß, mein Weinen ist der Eule Weinen im Gemäuer. Zu Menschen dringt es nicht, die Herzen bricht es nicht .... . . . Es starb den alten Tränen, die man tausend Jahre weint, Die Kraft, zu schmelzen Herzen, die versteint." Heine nannte einmal das Judentum eine Krankheit, und er litt daran. Bialiks Herz ist mit dem tausendjährigen Leid seines Volkes so organisch verwachsen, daß es dabei kerngesund sein und von Grund auf lachen kann. Dies zeigen seine rein persönlichen Stimmungs¬ und Naturlieder, die den nationalen nicht nachstehen. Hier läßt sich seine Art nicht deutlicher zeichnen, als durch den Gegensatz zu Heine. So krank, zerrissen, kompliziert, kapriziös und verliebt die Muse Heines oft ist, so gesund, konzentriert einfach und klar ist die Bialiks. Verliebtheit und — Liebe fehlen diesem Lyriker fast ganz. Vialik kennt nur die heiße Leidenschaft der Sinne, die eher mit einem Haß, als mit der Liebe der Geschlechter einhergeht, die den Ernüchterten bereuen läßt: „Ach, welchen Preis gab ich um deinen Leib!" Und die keusche Neigung der Seelen! Sein innigstes „Liebes"lied liest sich fast wie ein Gebet. Sei mir Mutier, sei mir Schwester! bittet er die Geliebte, und er ftagt sie: „Sie sagen, Liebe gibt es auf der Welt, Sag mir, was ist das: Liebe?" Die Verschmelzung des gattungsmäßigen Sinnentriebs mit der individuellen seelischen Innigkeit zu jener Einheit, welche die Liebe ist, scheint ihm das Leben versagt zu haben. Und darum hat er sie nicht besungen. Bialiks lyrische Bedeutung liegt in seinen Naturliedern. Seine Freude an der Natur kann er sogar in den „Liedern vom Ingrimm" nicht verstecken. (Ein Beispiel ist bereits erwähnt.) Läßt er dort ein Gewitter niedergehen, so rundet er mit Behagen das Bildchen: . . . „Die Wetterwolken ziehen auf. Noch schläft in ihrem Schoß der Donner, doch vor ihnen her auf hohen Felsenzacken tanzt der Blitz." Wie hier gibt er in seinen Naturliedern jedem Ding in der Natur Leben und Seele, ja sogar etwas wie eine persönliche Geste. Da ist ein Gedicht von mehreren hundert Versen, „Der Waldsee". Tief versteckt im Waldesfrieden liegt der See und träumt „ein umgekehrtes Bild der Welt". Wald und See erscheinen in diesem Idyll wie eine männliche und weibliche Seele von fast persönlicher Bestimmtheit. Ihren verschiedenen Regungen und dem Spiel ihrer Mienen geht der Dichter nach. Bemerkenswert ist dabei, wie er den geschlossenen Grundcharakter der beiden im Wechsel der Erscheinungen beharren bleiben läßt. Am sonnenhellen Morgen, wenn der Wald im Goldnetz der Sonne willig gefangen liegt wie Samson in Dalilas Armen. In stiller Mondnacht, wenn über dem Wald ein Geheimnis steht. Von einer in alten Zeilen verzauberten Königstochter. Der alte Wald ist zum Hüter ihrer unschuldigen Iugend bestellt und wacht Mer jeden ihrer Atemzüge, bis einst der Prinz kommen und sie erlösen wird. Und der See träumt, daß der Prinz umsonst die Welt durchstreift, durch Wälder irrt, in Wüsten und auf des Meeres Grund die verlorene Königstochter sucht, die er — der See — in seinem stillen Herzen heimlich birgt. Und dann im Sturm. Mit welcher apathischen Ergebenheit der Wald sich anschickt, ihn zu empfangen, „zu jeder Strafe auf der Welt bereit". Und wie dann der See (das hebräische Wort ist weiblich) noch tiefer seine Fischlein versteckt und ängstlich wird wie ein Kind, die Augen schließt und bei jedem Blitz mit den Lidern zuckt! Und endlich am Morgen nach dem Gewitter. Wie die milchfarbenen Nebel aufsteigen und sanfte Winde komtnen. „Und wie Kindlein, mit kleinen, süßen Zungen der Mutter Wange küssen, Lücken die Winde und streicheln sacht Dem Walde fort den Zorn der Nacht . . ." Von allen Iahreszeiten die liebste ist dem Dichter der Winter. Da freut ec sich morgens beim Erwachen wie ein Kind Mer die Eisblumen, die ihm die Morgengeisterlein (in der Sprache der Kabbalisten Zaftirim genannt — so heißt auch dieses taufrische Gedicht) ins Fenster gestellt, und an dem glitzernden Wintersonnenschein. .Und bei rechtem klingendem Frost, wenn die Sonne klar und kalt ist, „als wäre ihr Licht durch einen Filter gegossen und die Erde stahlhart, als wäre ihr altes Gefüge zu locker gewesen und Gott hätte sie über Nacht auf den Amboß gelegt und sie wieder fest zusammengehämmert", dann ist er froh wie ein Eisbär und ruft zum Frost: „Heissa, Frost! komm, packe mich! Prickle, senge, brenne, stich!" Menschen mit solchem gesundheitsstrotzenden Empfinden sind auch in unserem Klima nicht selten. Nur pflegen sie nicht lyrische Dichter zu sein. Zum Schluß noch einige Angaben über des Dichters Persönlichkeit. Chaim Nachman Bialik ist ein hochgewachsener, breitschulteriger Mann von robustem Aussehen. Geboren ist er vor 38 Iahren in dem von Wäldern umgebenen Dorfe Radi in Wolhynien. Sein Vater war dort Wald- und Mühlenaufseher, später betrieb er eine Bauernschenke. In seinen Mußestunden saß er vor dem Talmudfolianten und „lernte". In Chaim Nachmans siebentem Lebensjahr zogen die Eltern nach einer auch am Wald gelegenen Vorstadt von Zitomir. Ein Jahr darauf starb der Vater. Wie dann die Mutter sich kümmerlich als Marktfrau plagte, um ihre fünf Waisen zu ernähren, hat Bialik in dem Gedicht „Mein Lied" in rührender Weise geschildert. Der Knabe zeichnete sich damals durch Wildheit und Kletterkünste aus, die ihm viel Ansehen bei seinen Kameraden und Prügel bei seinem Erzieher eintrugen. Das war sein strenger, dabei ihm von Herzen zugetaner Großvater, dem als Erziehungsideal derfromme Talmudgelehrte vorschwebte. Zum Zwecke dieser Laufbahn kam Bialik auf die berühmte Talmudschule (Ieschibah) zu Wolosyn, wo er durch Fleiß und Begabung auffiel. Dort schrieb er 1890 sein erstes Gedicht „An das Vöglein". Drang nach Freiheit und allgemeiner Bildung trieben ihn, wie so viele andere, aus der Ieschibah, der er in manchem innigen Gedicht ein wehmütig-liebevolles Andenken gewidmet hat. Im Alter von achtzehn Iahren wurde er nach der Sitte der ftommen russischen Juden verheiratet. Der Dichter ward jetzt Holzhändler und kam so, wenn auch nicht als Freund, oft in seinen geliebten Wald. Nachdem er anfangs Hunger pnd Not gelitten, gelang es ihm, sich in Odessa eine Existenz zu gründen, wo er jetzt als Lehrer und Verlagsbuchhändler ein leidliches Auskommen hat. Nicht nur vom Ertrag eigener Werke. Es soll in Rußland und in Palästina mehr Juden geben, die Gedichte von Vialik auswendig wissen, als die sie besitzen. Sintemalen dort Interesse für hebräische Sprache und Literatur hauptsächlich das Privileg der kleinen Leute ist, wie bei den Juden in Westeuropa das Interesse am Judentum Merhaupt. Kilrratnr. Eine Theaterasfiare in Budapest. Aus Budapest wird uns gemeldet: Die Direktion des hiesigen Lustspieltheaters hat als Nüvität für diese Spielsaison das französische Lustspiel »L‘- hai-teme* von Noziere und Savoir erworben. Die Inszenierung war bereits besorgt, die Rollen verteilt, und dieser Tage hat auch.die erste große Leseprobe statt-

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