Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 43 (24.10.1913)
- Date
- 1913-10-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 792 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 43 „Ich weiß, in wolkendunkler Nacht, Werde ich einst wie ein Stern verlöschen, Und keiner kennt mein Grab. Aber wie ein Krater, wenn seine Flammen erloschen, Wird nach mir noch rauchen mein Zorn. Leben wird er bei euch, so lange noch rollen die Donner, Und im Ozean brandend zerbricht Die Wut der Wogen. Ach, daß ich doch euer Leid Eittsammelnd bergen könnte in den Schoß des Weltalls! Dann tränken draus des Himmels und der Erde Fluren, Und es ginge in Blumen und. Stern ein, In ihnen lebte es und triebe, Verginge und erglänzte neu, verdorrte und erblühte wieder. Und ob gleich namenlos, gestaltlos und urheimatlos, Es wäre da ein Zeuge eures Mordes nach dem letzten Enkel, Und ohne Worte, ohne Stimme Schrie es zur Hölle und zum Himmel Und scheuchte die Erlösung, nahte sie der Welt. Werm dann der Zeiten Ring sich schließt, Und noch die Lügensonne falschen Rechts Ob euren Gräbern gleißend steht, Der Heuchler Fahne, rot gefärbt von eurem Blut, Sich frech zum Himmel bläht Und das gefälschte Siegel Gottes drauf Der Sonn' ins Auge sticht — Und wenn der hohnvoll tolle Tanz auf euren Gräbern Und die Fanfaren, die zum Fest der Lüge schmetternd laden, Erschüttern eure heiligen Gebeine — Dann wird des Himmels Glanz erzittern Durch euer Leid und jählings dunkeln. Die Sonne wandelt sich zum Flecken eures reinen Bluts: Ein Kainszeichen auf der Stirn der Welt Und ein Symbol der Ohnmacht der zerbrochnen Gotteshand. Und Sterne flüstern's bang einander zu: Seht die gewaltige Lüge! Seht das große Leid! Und dann: ins Herz getroffen, steht der Gott der Rache auf, Und brüllend bricht er aus den Wolken vor Und feine Rechte hält sein großes Schlachtenschwert." Das inhaltlich wie schon an Umfang — es hat mehr als hundert Reimpaare — bedeutendste Gedicht: „In der Stadt des Mordens" behandelt den berüchtigten Pogrom in Kischinew. Unsere Naturalisten könnten aus diesem Gedicht lernen, wie realistische Treue sich mit ästhetischen Forderungen vereinigen läßt. wenn ein Dichter den Stoff angreift, und sei dieser noch so heikel. Die paar hundert Verse enthalten keine epische Darstellung des Pogroms, wie er sich in seiner viehischen, widerwärtigen Gräßlichkeit abspielt, sondern eine Vision des Dichterpropheten. Nach dem Pogrom. Bialik hat sozusagen den ganzen Teil lyrisch durchkomponiert. Eine göttliche Stimme treibt den Propheten in die Stadt des Mordens, fuhrt ihn an einzelnen Stätten herum und zeigt ihm Spuren des Geschehenen. Aber auch die Spuren photographiert Bialik nicht, sondern malt Sie, Bild an Bild reihend, in einer Weise, daß selbst der gestrenge Meister Poeticus Lessing seine Freude daran haben würde. Und bleibt dabei immer gleich schön und wahrhaft, auch im Detail. So, wenn er zum Propheten sagt, dessen Fuß über brandgeschwärzte Häusertrümmer. durch aufgerissene Betten, über Scherben, zerrissene Bücher und Pergamentrollen vorwärts zur Straße tastet: „Und die Akazien vor dir sind ausgeschlagen, Und Daunen decken ihre Blüten halb und ihr Geruch Ist wie von Blut. Doch dir zum Trotz bringt auch Ihr Duften in dein Herz des Frühlings Hauch Änd tut dir wohl . . . . . . Denn an einem Tag Hat Gott gesandt den Frühling und das Morden." Nur einiges sei aus dem Inhalt wiedergegeben. In den dunklen Winkeln unter den Dächern zusammengekauert hocken die Geister der Getöteten. Sie können keine Ruhe finden, und in ihren Augen steht die bange Frage, auf die keiner die Antwort weiß: Warum? Wenn sie morgen an die Himmelstür der göttlichen Gerechtigkeit pochen und ihren Märtyrerlohn heischen werden, dann wird Gott heraustreten und sprechen: „Ich will euch austun. Kommt! seht selbst: Ich bin bankrott geworden! . . . . . . Auch ich weiß nicht, warum ihr starbt. — . . . Sinnlos und schal ist euer Tod, Wie euer Leben war." Von.Rache spricht der Dichter diesmal nicht. Aus einem anderen Gedicht wissen wir warum: „. . . . Und Fluch ihm, wer von Rache spricht! Für ein zerschmettert Loäenköpfchen, das noch säugt, D i e Furie hat noch Satan nicht gezeugt." Auch keine Träne des Mitleids und kein Wort der Tröstung für sein Volk hat der Dichter. Nur Zorn und Scham brennen in ihm darüber, daß Enkel der Makkabäer sich vor dem Tode verkrochen und nicht rühmlich zu sterben gewußt haben. Und nachdem auch sein Gott „bankrott" geworden ist, läßt er die Stimme zum Propheten sprechen: „Was hält dich hier noch, Erdensohn? Flieh in die Wüste! Den Leidensbecher sollst du mit dir nehmen Und deine große Träne auf dem nächsten Fels verströmen. In sieben Stücke sollst du deine Seele reißen Und laß der Ohnmacht Grimm mit scharfem Zahn dein Herz zerbeißen, Aufschreie dann dein Wehgeschrei, das herbe, Daß es im Sturmgebraus der Wüste sterbe!" Dem Kreis der „Lieder vom Ingrimm" stehen nach Zeit und Inhalt drei Gedichte nahe, in'denen er sich an sein Volk wendet: „Das ist die größte Eottesgeißel, daß ihr euer Herz verleugnet» Änd sät auf jedes Wässerlein die Träne eurer Hoffnung Und hänget sie an jedes feine, falsche Sonnensädchen. . . . Änd während euer Leib noch blutend zuckt von eurer Feinde Bissen, Kredenzt ihr ihnen auch die Seele . . ." Bei solchen Gedanken packen ihn wohl einmal Unmut und Verzweiflung. Dann heißt er den Propheten seinen Altar umstoßen und ruft ihm zu: „Und -deinen Hammer zerbrich, den eisernen Hammer! Der geborsten vom Schlagen auf taube, steinerne Herzen. Brich ihn in Stücke und schmiede d'raus eine Hacke Und dann grab' uns ein Grab! . . ." Und ein andermal ringt sich der ganze Jammer seines Volkes in dem kaum übersetzbaren biblisch-elementaren Dreiklang los, der sich durch das dritte Gedicht zieht: - ' „Rust die Schlangen, daß sie eueren Grimm hineintragen bis ans Ende der Welt! . . . Die Adler rust, euere Klage zu heben, bis an das Herz des Himmels! ... Rufet die Wolken! Sie sollen tragen euer Leid über das weite Meer." Eins ist hier zu betonen: Die Donnerstimme des Propheten verschlingt: nie die feinen Molltöne des lyrischen Dichters. Wenn der Prophet (in dem Gedicht „Das ist die größte Gottesgeißel") die Sklavenseele seines Volkes peitscht und ihm sein Hinsiechen und sein inneres Verarmen kündet, dann vergißt der Dichter bei der Schilderung des verödeten Hauses vor dem zerfallenen Herd das Kätzchen nicht, das in der kalten Asche leise weint. Die Verschmelzung stahlharter Kraft, Herbheit, ja Grausamkeit mit zartester Innigkeit scheint mir das Bedeutsamste der dichterischen Eigenart Bialiks. Diese Synthese hat sich: erst in den Pogrom-Jahren vollzogen. Im Anfang war er nur der zarte, verträumte Lyriker. Erst das Erlebnis der Pogrome hat den Propheten in ihm geweckt. (Beiläufig bemerkt, es gibt wohl kaum noch einen Baum im lyrischen Dichterwald, den man so stetig wachsen sehen kann. Bei Biakik läßt die Qualität eines Gedichtes fast stets das Alter erkennen.) In den älteren nationalen Liedern hört man noch weinen. Freilich jenes Weinen, von dem Friedrich Daab dieser Tage