Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-24 · 43 (24.10.1913) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
43 (24.10.1913)
Date
1913-10-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022079--22586-3047739
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 788 Dr. Blvchs Wochenschrift. Nr. 43 musikalisch vornehm gehaltenen Gottesdienst mit Andacht zu lauschen und möchten wir den erhebenden, wenn auch gekürzten Synagogengesang um keinen Preis mehr missen. Hat doch auch der Vorstand in weiser Erkenntnis dessen, daß man die Jugend nicht durch rückschrittliche Tendenzen zum Besuch der Synagoge heranziehen könne, es für gut befunden, einen musikalisch künstlerisch erhebenden Gottesdienst zu schaffen. Der Erfolg blieb nicht aus: die Jugend, die, solange die „musikalisch-gesangliche Attraktion" fehlte, dem Gotteshause fernblieb, so datz die Rabbiner oft vor leeren Bänken sprachen, findet sich nun Freitag abend zahlreich ein, was mit ein Grund gewesen sein dürfte, die Predigt auf Freitagabend zu verlegen. Was nun diese Predigt selbst und den Rabbiner anbelangt, möchte ich erwähnen, datz ich mehr als 40 Jahre an Freitagabenden regelmätzig und, soweit es meine Berufspflichten gestatten, auch an Samstagen zur Einsegnung des Neumondes und an hohen Feiertagen selbstverständlich den Tempel besuche. 'Ich hörte Jellinek und unsern allseits hochverehrten Oberrabbiner Dr. Güdemann, dessen Predigten wohl kurz, dessen ungeachtet aber gediegen genug sind, um uns zu belehren. Selbst auf die Gefahr hin, von dem geschätzten Herrn Einsender als Oesterreicher im Vergleich mit den deutschen Elaubensbrüdern für minderwertig an Intelligenz angesehen zu werden, gestehen wir offen, datz wir das Gotteshaus hauptsächlich um zu beten und uns über den Alltag erheben zu lassen, aussuchen. Religion ist nicht immer Sache des Verstandes, sondern zumeist Gefühl, und zu diesem Gefühl spricht der ehrwürdige Priester, auch wenn er nicht im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht. Er ist da, wir fühlen seine Persönlichkeit, und nie könnte der Gedanke auftauchen — das Wort will mir kaum aus der Feder —, datz unsere ehrwürdigen ,Rabbiner zu Statisten herabsinken könnten. Für uns sind sie die Hohepriester, die unser Gemüt erheben, die bei freudigen und traurigen Anlässen zu unseren Herzen sprechen. Wir wollen also unseren Wiener Gottesdienst, wie er namentlich an den beiden Hauptsynagogen (Stadt und Leopoldstadt) geübt wird, mit unseren musikalisch gebildeten Vorbetern mit ihrem musterhaft geschulten Thor beibehalten und seine Wirkung namentlich auf das Gemüt der Jugend nicht entbehren. Datz wir uns auch gerne über das Judentum, seine Grütze, seine Geschichte, Literatur und Kunst belehren lassen, davon kann sich jedermann an einem beliebigen Donnerstag abend in der Eschenbachgasse überzeugen, wo der Saal stets überfüllt ist, gleichviel welcher Redner zum Vortrag gemeldet ist. Auch für diese Einrichtung können wir dem löblichen Vorstand der Kultusgemeinde nicht genug Dank sagen. Was jedoch das „alttestamentarische Lernen" betrifft, so gibt es in Wien genug andere Stätten dafür, die ausschließlich zu diesem Zwecke bestimmt sind. Also bitte, lassen Sie unserem musikalisch-gesanglich interessierten Publikum seinen Gottesdienst, machen Sie uns aus dieser jüdischen Veranlagung keinen Vorwurf; nennen wir doch noch heute den Psalmisten David mit Stolz unseren königlichen Sänger. Die angeführten Funktionen des Rabbiners in Deutschland werden auch bei uns, wenigstens von Oberrabbiner Dr. Güdemann im Seitenstettentempel, verrichtet; ebenso belehrt er uns in seinen Predigten stets über die Bedeutung - des jeweiligen Festes, wenn er auch, wie besonders der eben angeführte Oberrabbiner, Tagesfragen vom jüdischen Gesichtspunkte bespricht. (Kischenew, Plewe, Kiew, am 1. Tag Sukoth die Gedenffeier der Schlacht bei Leipzig.) Er erschüttert unser Herz, hebt unser Gottvertrauen, stärkt unseren Mut und unser Selbstbewutztsein. Bevor ich schließe, gestatten Sie mir noch, ein sprechendes Beispiel aus meiner Jugendzeit dafür zu bringen, datz man nicht bloß in der Gegenwart mit geistreichen Predigten allein keinen Tempel füllen kann. Nahezu vor einem halben Jahrhundert wirkte in Nagy-Kanisza, einer großen, fortschrittlichen Judengemeinde, kein Geringerer als Hirsch B. Fatzl, berühmter Kanzelredner, ausgezeichnet durch hohe Gelehrsamkeit. Trotzdem blieb der große Tempel fast leer. Das änderte sich mit einem Schlage: ein junger, musikalisch hervorragend gebildeter Kantor, ein gelehriger Schüler des unvergeßlichen Sulzer, der noch heute tätige Oberkantor Professor Kartschmaroff, trat sein Amt an. Er verstärkte den Thor, übte unermüdlich mit ihm, bis ein kunstgerechter, stimmungsvoller Gottesdienst möglich wurde. Er selbst sang sich mit seiner gottbegnadeten Stimme in die Herzen der Jugend, und der Freitag abend war für alle nicht nur. heilig durch die Einweihung des Sabbat, sondern bildete auch einen hohen Genuß für jung und alt, ohne datz dadurch die Frömmigkeit oder die schuldige Ehrfurcht für den Rabbiner Abbruch erlitten hätten. Ich komme zum letzten Punkt, betreffend die Einweihung des neuen Tempels im 2. Wiener Eemeindebezirk; es steht mir darüber wohl kein Urteil zu, da ich bei derselben nicht zugegen war; sicherlich aber hatte der Vorstand seine triftigen Gründe, dies? Feier in Anwesenheit der christlichen Vertreter der obersten Behörden weniger belehrend, als weihevoll zu gestalten. Kürzungen, auch der Synagogengesänge, und sonstigen Neuerungen sind die fortschrittlichen Wiener Juden — wie schon eingangs erwähnt — gewiß nicht abhold; doch einer Neuerung, die eigentlich ein Rückschritt ist, werden sich auch die Konservativsten mit Recht widersetzen. Mit bestem Dank für den mir gütigst gewährten Raum, zeichnet mit besonderer Hochschätzung Ludmilla Welisch. Eine Protestversammlnng in Budapest. Unter beispielloser Beteiligung der hauptstädtischen Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession fand Samstag abends im alten Abgeordnetenhause eine Protestversammlung gegen die Kiewer Blutbeschuldigung statt. Schon lange vor Beginn der Versammlung hatte das Publikum den geräumigen Sitzungssaal gefüllt, und der Eingang mutzte vor den unaufhörlich zuströmenden Menschenmassen von der Polizei gesperrt werden. Im Foyer und vor dem Tore versammelte sich eine vielköpfige Menge, die ungestüm Einlatz begehrte und sich erst zerstreute, als der Präsident des Makkabäer-Vereines, Dr. Joseph Schönfeld, eine Rede an sie hielt und sie zum Auseinandergehen aufforderte. Im Saale hatte indetz Dr. Nison Kahan die Versammlung eröffnet und betont, datz die Blutbeschuldigung keiner Widerlegung bedürfe, datz die Protestversammlung blotz daher den Zweck habe, auf jene dunkeln Mächte hinzudeuten, die im Hintergründe dieses allerabscheulichsten Prozesses unserer Zeit am Werke seien. Es handle sich im Falle Beilis nicht um einen rituellen, sondern um einen politischen Prozetz, denn derselbe ist nicht blotz als ein Attentat gegen das Judentum, sondern auch als ruchloser Anschlag gegen alles Progressive und Freisinnige geplant, das sich jetzt in Rußland zu regen beginnt. Unter tosendem, nicht endenwollendem Applaussturm ergriff hierauf der Ofner reformierte Seelsorger Benjamin Haypal das Wort. In einer poetischen, auf hohem Niveau stehenden Rede protestierte er gegen die Blutbeschuldigung, welche die göttliche Wahrheit und die Schönheit in den Kot zerrt, er protestierte, weil er die Millionen seines Volkes hinter sich wisse, allein er würde auch protestieren, wenn dies nicht der Fall wäre, und nicht wanken, denn was er sage, entspringe der reinen Menschenliebe und Menschenfreundlichkeit. Es gibt heute keinen nur halbwegs Gebildeten, der von der Ungeheuerlichkeit der gegen die Iudenschaft erhobenen Anklage nicht überzeugt wäre; allein es gibt viele, die es gern sehen würden, wenn andere der Blutbeschuldigung Glauben schenken würden. Die Geschichte zeugt von rituellen Morden, ja. doch! diese rituellen Morde waren Werke der Inquisition, die Greuel, die Johann Hutz und die Märtyrer der Bartholomäus-Nacht erleiden muhten. Man mutz die konfessionellen Scheidewände niederreitzen. Wenn es gilt, den Kampf für Liebe und Menschenfreundlichkeit auszunehmen, mutz man auf die Kultur des Alten Testaments zurückgehen, um die Herrschaft der Liebe zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.