Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 43 (24.10.1913)
- Date
- 1913-10-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Bkxhs Wochenschrift. Teile 787 Korrespondenzen. Die Predigt in den Wiener Synagogen. Sehr geehrter Herr Redakteur! Als Abonnent Ihres geschätzten Blattes möchte ich mir einige Bemerkungen gestatten zu dem jüngsthin erschienenen Artikel in Nr. 41: „Die Predigt in den Wiener Synagogen", und rechne darauf, daß Sie die Unparteilichkeit haben werden, auch diese meine Bemerkungen vom Standpunkt eines Synagogenbesuchers unverändert abzudrucken. Der erwähnte Artikel zerfiel, so weit ich denselben verstanden habe, in zwei Teile. Im ersten Teil beschäftigt sich der geehrte Herr Einsender mit der Einweihungsfeierlichkeit des Tempels in der Patzmanitengasse, und der zweite Teil bespricht die Stellung der Predigt im Gottesdienste überhaupt. Richtig ist, datz den ehrwürdigen Vereinsrabbiner A b e l e s senior bei seiner gehaltenen Weihepredigt — die als Punkt 7 und nicht als Punkt 11 angesetzt war — viel weniger Aufmerksamkeit geschenkt, wurde, als der Inhalt es gewitz verdient hätte. Ich setze das voraus, weil Herr Vereinsrabbiner Abel es senior ein gelehrter Herr ist, allein von dem, was er vorgetragen hat, weiß ich nichts: denn obwohl ich in der zweiten Sitzreihe sah, vernahm ich nur einzelne Bruchteile der Rede, die. weil sie nur Bruchstücke waren, mir nicht vollständig verständlich geworden sind. Die Predigt wird nicht gehalten, um gottesdienstlichen Zweck zu erfüllen, sondern der Belehrung wegen, und wenn der Redner nicht gehört und von den Zuhörern nicht verstanden wird, so verliert sie den Zweck und bildet förmlich eine Störung des Gottesdienstes. Das grotze Publikum verliert die Aufmerksamkeit, die Andacht, es beginnt eine Unruhe, die auf jeden Besucher peinlich einwirken mutzj. Wenn ein Prediger vor seine Gemeinde tritt und mit Recht Aufmerksamkeit erwartet, so mutz er in erster Linie trachten, sich verständlich zu machen. Die Anklage gegen die Zuhörer oder gegen die Tempelverwaltung ist nicht am Platze. Denn das steht fest: Wer in den Tempel geht, hört auch gerne eine Predigt, nur mutz dieselbe deutlich und vernehmbar gebracht werden. Dann ist noch eines zu berücksichtigen: Es gibt Feierlichkeiten, bei welcher der Prediger sich der möglichsten Kürze befleitzigen mutz, speziell bei solchen Anlässen, wo Andersgläubige und Vertreter der Behörden und kommunalen Verwaltungen als geladene Gäste anwesend sind. Man mutz die Zeit berechnen und die anderen Programmpunkte berücksichtigen. Wer gerecht sein will, mutz zugeben, datz nach Lage der Dinge die Predigt des Herrn Rabbiners nicht früher angesetzt werden konnte, und es hätte ihm an Aufmerksamkeit gewitz nicht gefehlt, wenn er auf kurze Ausführungen sich beschränkt und vor allem dem Zuhörerkreise sich verständlich gemacht hätte. Was den Zweiten Teil des Artikels anlangt, so möchte ich mir ebenfalls einige kritische Bemerkungen gestatten. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Abel es beklagt sich, datz in Wiener Synagogen viel zu wenig gepredigt wird und dem Rabbiner nicht jener grötzere Wirkungskreis beim Gottesdienst eingeräumt ist, wie es in Deutschland üblich ist. Es will mir scheinen, datz wir keine Ursache haben, die Zustände in Deutschland nachzuahmen, wo z. V. im Reformtempel am Jom- Kippur der Gottesdienst gewöhnlich nur bis zu Mittag dauert. Richtig ist, wie der Herr Verfasser betont, datz speziell in Wien der liturgische Gesang den Hauptteil im Gottesdienste einnimmt und der Rabbiner nur als Nebenfunktion betrachtet wird. Ich weitz nicht, ob man das bedauern soll. Tatsache ist. wenn der Rabbiner einen grötzeren Teil des Gottesdienstes für sich zur Funktion in Anspruch nehmen würde, ständen die Wiener Tempel ohne Ausnahme leer. Denn im Vorbeten, im gesanglichen Vortrag liegt die eigentliche Andacht, die Predigt dient zur Belehrung. Gibt es etwas Schöneres, als unseren herrlichen jüdischen Sülze r'schen Gesängen zu lauschen? Gibt es etwas Feierlicheres, als einen gutgeschulten (und wir haben gottlob gutgeschulte!) Chor zu hören? Darüber herrscht gar kein Zweifel, datz vor allem der Kantor mit seinem Chor die Anziehung für den Tempelbesuch bildet. Ich beeile mich, noch gleichzeitig zu betonen, datz auch die Predigt, wenn dieselbe, was mir wieder als Hauptsache erscheint, verständlich für die ganze Gemeinde ist, von besonderer Wichtigkeit ist. Denn die Predigt wirkt erziehend auf die Gemeinde, bietet Belehrung und Aufklärung über das Judentum. Man hört wieder mancherlei, was man seit dem Verlassen der Religionsschule vergessen hat, das ist gewitz von Wichtigkeit. Allein die eigentliche Anziehungskraft des Gottesdienstes für den heutigen Juden bildet denn doch der gesangliche Teil. Noch eines liegt mir am Herzen, und zwar beklagt sich der Herr Rabbiner, datz unsere Gottesdienste zu lange dauern, obwohl sveziell in den fortschrittlichen Gotteshäusern derselbe viel zu kurz erscheint, wenn man in Betracht zieht, datz es auch Gemeindemitglieder gibt, welche nicht sehr geläufig beten können und durch öfteres Beten die Geläufigkeit erst erlangen wollen und können. So viel ick weitz, und ich hatte schon sehr oft Gelegenheit. alle Wiener Prediger zu hören, allen ohne Ausnahme wird eine besondere Aufmerksamkeit entgeqengebrackt, und nicht selten kommt es vor. datz im Gottesbause unmittelbar nach der Predigt das Tbema noch lanae besprochen wird. Es ist aber eine Tatsache, die in der menschlichen Natur begründet ist, datz für gesangliche Leistungen eine gröbere Aufnahmsfähigkeil beim Zuhörer vorhanden ist, als für den belehrenden Vortrag. Ucberdies hat der Rabbiner noch andere Gelegenheiten, eine segensreiche Wirksamkeit auszuüben: er ist Seelsorger und die Seelsorge bringt ihm ebenfalls wichtige heilige Aufgaben. Vor allem sollten die Herren Rabbinen versuchen, die Iugend an sich zu ziehen, um sie durch Vorträae aus der Tbora an Wochentagen zu belehren Auf dieses Geb'et rabbiniscker Tätigkeit hat Herr Kultusvorstebe'- Dr. Markus Spitzer in seiner letzten Vroovgmmrede sehr richtig hingewiesen, und ich möchte seinen Ausführungen nur von Herzen zustimmen. Ilnsern Nachwuchs über das Judentum durch Vorträge aufzuklären, sollte die wichtigste Tätigkeit der Herr Rabbinen bilden. Michael Grünwald. Die Nredigt in den Wiener Synagogen. Werter Herr. Redakteur! Gestatten Sie mir freundlichst, zu den Ausführungen des geehrten Herrn Einsenders*) das Wort zu ergreifen und verzeihen Sie, da, ich im Namen vieler Gleichgesinnter spreche, wenn ich Ihre Geduld etwas länger in Anspruch nehmen muh. Die Anregung bezüglich der Kürzung des Gottesdienstes wird sicherlich aufs Freudigste begrüht werden, denn auch unter den besonders religiösen Menschen gibt es nur wenige, die stundenlang andächtig sein können. Die Folgen der langen Dauer des Gottesdienstes sind Zerstreutheit, Unaufmerksamkeit und - je nach Veranlagung — in der Synagoge ein Plauder- oder Schlummerstündchen; das letztere ist noch vorzuziehen, weil es auf die Andern nicht so störend wirkt. Wie und wo gekürzt werden soll, mag Berufeneren überlassen bleiben. Hingegen müssen wir uns auf das Entschiedenste dagegen aussprechen, als ob es mit der Intelligenz oder Religiosität nicht vereinbar wäre, einem *) Siehe „Oesterreichische Wochenschrift", Nr. 41, S. 750 s.