Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 43 (24.10.1913)
- Date
- 1913-10-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Blochs Wochenschrift Sette 785 Aeutzerungen des Kardinals Antonius Agliardi. früheren päpstlichen Nuntius am Wiener Hofe. Die „N. Fr. Presse!^ vom Sonntag, den 19. Oktober, meldet: „Vorgestern begegnete icli in Albano dem greisen, aber noch wunderbar rüstigen Kardinal Agliardi. Er hatte im „Osservatore Komano“ eben einen längeren Bericht der Agenzia Stefani über den Kiower Prozeß gelesen. Das Schicksal des Angeklagten und seiner Religionsgenossen ging ihm zu Herzen. „Ein ähnlicher Prozeß“, sagte der Kardinal, „wurde während meiner Wiener Nunziatur, etwa um das Jahr 1895, in Galizien verhandelt. Ich erinnere mich nicht mehr, ob er mit der Verurteilung des Angeklagten endete, glaube aber, daß die Verhandlung kein Licht brachte und die Gemüter noch ärger verwirrte. Sollten derartige Verbrechen wirklich stattfinden, so hätten weder die mosaische Religion und ihr Ritus, noch der Talmud Anteil daran. Auf keinen Fall könnte also von Ritualverbrechen die Rede sein. Der Genuß von Blut, in welcher Form immer, ist nach mosaischem ' Gesetze ausdrücklich strenge verboten. Für Irrungen unwissender Fanatiker, von finsterem Aberglauben beherrschter Menschen, das mosaische Gesetz verantwortlich zu machen, wäre ebenso ungerecht, wie wenn man für den Hokuspokus und die Zaubersprüche, mit welchen auf dem Lande oft genug noch heutigentags Haus und Hof gegen böse Geister besprochen werden, das Christentum zur Rechenschaft ‘zöge. Ich habe in Wien und Italien wie auch hier in Albano viele Juden kennen gelernt. Sie hatten ihre Tugenden und Fehler wie wir alle. Im Grunde waren es durchaus friedfertige Menschen. Grausame Gelüste habe ich bei ihnen niemals wahrnehmen können. Die schreckliche Anklage richtete sich in den ersten Jahrhunderten auch gegen die Christen, die zu ihrer Erbauung ebenfalls Kinderblut trinken sollten.“ Soweit der Kardinal. Da mir von einer anderen hohen Persönlichkeit die Meldung zuging, das vatikanische Archiv enthalte über die Stellung der Kirche zu dieser durch die Jahrhunderte von Geschlecht zu Geschlecht sich fortpflanzenden düsteren Legende manche wertvolle Urkunde, die den Menschen wieder ins Gedächtnis geprägt werden sollte, so bat ich einen in archivalischen Forschungen vielbewanderten römischen Prälaten um die Mitteilung, ob er mir einige dieser Urkunden senden könnte. Hier seine Antwort: „Die Kirche hat die Blutlegende, was man auch sage, immer mit Abscheu von sich gewiesen und ohne Vorbehalte bekämpft. Vom heiligen Bernhard kennt alle Welt, was er für die Juden getan, um sie von der Blutlegende loszusprechen. Von den zahlreichen Bullendekreten und Briefen, die untrüglich bezeugen, daß die Päpste stets Ähre -Stimme gegen die Judenverfolgungen erhoben, sind besonders hervorzuheben: eine Bulle Gregore IX. vom Jahre 1235, ein Brief Innozenz IV; vom Jahre 12-17 an die Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands; dann, abgesehen von einem Dekret Ludwigs des Heiligen von Frankreich, die Bullen Gregors X. (1272), Klemens’ VI. (1318), Gregors XI. (1371), Martins V., Colonua (1-122); ferner Bullen des großen Renaissancepapstes Nikolaus V. (1-147), Paul III. (15-10), Sixtus’ V. (1585) und anderer Päpste bis zu Klemens XIV., Ganganelli. Im Jahre 1664 forderte der Dominikanergeneral Pater Johannes Baptist Marini den Provinzial Polens auf, die Blutlegende mit größter Schärfe zu bekämpfen, und er nannte sie eine Verleumdung, eine abscheuliche Lüge und Niedertracht, Klemens XIV. richtete, als er noch Kardinal war, an die Heilige römische Inquisition, deren Vorsitz bekanntlich dem Papste zusteht, in der Sache ein Votum, welches mit den Worten beginnt: „Non solis accusatoribus credendum“ und in dem Wunsche ausklingt: „Ut nan blosphemetur nomen Christi“. So war es in verflossenen Jahrhunderten. In der neuen Zeit war die Legende für den Heiligen Stuhl kein Argument ernster Diskussion, und hoffentlich wird es so bleiben. Die Päpste, das steht fest, haben nie unterlassen, gegen die Verbreitung des Schauermärchens :lie höchste Autorität der Kirche aufzubieten, so zwar, daß der historisch bekannte, intransigente Verfechter des Heiligen Stuhls, Don Margotti, in der Nummer 112 der „Unita Cattolica“ vom Jahre 1872 in einer Polemik gegen liberale Theoretiker die Päpste gegen die Anklage der Unduldsamkeit' verteidigen und rühmend hervorheben durfte, daß gerade den Päpsten das Verdienst gebührt, die Juden von dem infamierenden Verdachte gereinigt zu haben.“ Kardiiml-Fürsterzdischsf Dr. Bauer gegen die Ritrra!- mordbeschuldigung. Kardinal-Fürsterzbischos Dr. Bauer, der sich zur Firmung in Protznitz aufhält, empfing eine Abordnung der dortigen Kultusgemeinde und erwiderte auf eine an ihn gerichtete längere Ansprache des Rabbiners Dr. L. Goldschmied, die in der Bitte ausklang, der Verbreitung des Ritualmordwahnes entgegenzutreten, folgendes : „Ich danke Ihnen für die freundliche Begrüßung und muß es bedauern, daß derzeit sowohl meine als auch Ihre Stimme zu schwach ist, um dieser häßlichen Lüge, wie ich es gerne möchte, ein Ende zu bereiten.“ Zur Lage der Juden in Rumänien. Trotz aller möglichen Meldungen über eine bevorstehende Besserung der politischen Lage der Juden in Rumänien wollen die aus Rumänien selbst stammenden Mitteilungen über die anhaltend schlechte Situation nicht verstummen. Zudem sei bemerkt, datz die im Lemberger Tagblatt und im Warschauer „Haint" gleichzeitig veröffentlichte Unterredung des Berliner Korrespondenten dieser Blätter mit dem Londoner Chacham Dr. Gaster, über dessen Audienz beim König von Rumänien von Dr. Gaster selbst in einem Briefe an den „Iewish Chronicle", welche von dieser Unterredung gleichfalls Notiz genommen hat, im allgemeinen als unzutreffend bezeichnet wird. Eine Detaillierung der Unrichtigkeiten in diesem Interview, das so sensationell gewirkt hat. behielt sich Dr. Gaster noch vor. Von Bukarest selbst wird uns gemeldet, datz dort jetzt ein förmlicher politischer Kampf zwischen den Juden und den progressiven Rumänen einerseits und den Antisemiten und Nationalisten ausgefochten wird. Es ist vielleicht das letzte grotze Ringen um die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien. Die Antisemiten planen eine Monsterversammlung, die ihrem Umfange und ihrer Bedeutung nach einer Landesversammlung der rumänischen Antisemiten aller Schattierungen gleichkommen soll. Demgegenüber steht den Juden blotz das alte, bisher allerdings nur wenig bewährte Mittel von Petitionen zu Gebote, und der Verband der rumänischen Juden ist jetzt an der Arbeit, um für eine Resolution, die in einer demnächst abzuhaltenden großen Versammlung angenommen werden soll, möglichst viele, auch gualitativ gewichtige. Unterschriften zu sammeln. Es wird versichert, datz bis jetzt diese Petition, die die Emanzivation aller rumänischen Juden verlangt, bereits 10.000 Unterschriften trage. Man glaubt es auf 100.000 Unterschriften zu bringen. Die Antisemiten setzen in ihrer Presse den Kampf gegen den „Juden Luzzatti" fort. Sie sprechen ihm die Berechtigung ab, sich in die internen Angelegenheiten Rumäniens hineinzumischen, und Hetzen die Regierung auf. indem sie sagen, datz die rumänische Regierung, wie es scheint, vor dem Juden Luzzatti einen Kotau machen will und ihm die Rumänen einem Juden zuftebe Zu opfern geneigt sei. Unter solchen Umständen, so wird wird uns versichert, ist heute noch niemand in der Lcme, zu sagen, ob und in welchem Ausmatze die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien zum Gesetze erhoben werden wird. Jüdische Mitglieder der französischen Akademie. Aus Paris wird uns geschrieben: Die Kandidatur des jüdischen Pbilosovhen Berqson als Mitglied der Akademie ftancaise steht ohne Präzedenzfall da. Bergson ist der erste Jude, der für eine Mitgliedschaft der französischen Akademie kandidierte. Und das ist merkwürdig genug. Denn in den übrigen vier Mademien, welche mit der Akademie ftancaise zusammen das „Institute de Trance" bilden, gibt es eine ganze Anzahl jüdischer Mitglieder. Bekanntlich waren die verstorbenen Gelehrten Loewy, Derenbourg und Ovpeft Mitglieder des Institutes. Gegenwärtig zählt die Akademie des sciences die Gelehrten Lippmann, Morris. Leon und Hadamard, die Akademie des inscriptions die Herren