Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 43 (24.10.1913)
- Date
- 1913-10-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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©ctu784 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 43 Ein französischer Prälat Mer den Ritualmord. Der bekannte französische Prälat Msgr. Duchesne, Mitglied der Academie Francaise und der Academie des Jnscriptions et Bettes Lettres, Leiter der Ecole Francaise in Rom, hat an einen Freund folgendes Schreiben, datiert vom 12. ds., gerichtet: „Sie verlangen von mir, daß ich anläßlich des Prozesses in Kiew meine Meinung über die gegen die Juden gerichtete Ritualmordbeschuldigung äußere. Wie ich darüber denke, ist Ihnen bereits bekannt, da ich es bereits wiederholt gesagt habe und der Abbe Vacandard in seinem ausgezeichneten Buche über diese Frage es seinen Lesern wiederholt hat. Gleich den Päpsten und Bischöfen, die Gelegenheit hatten, den Gegenstand zu behandeln, bin ich der Meinung, daß es sich da um eine absurde Fabel handelt, die analog ist gewissen Verleumdungen, die einst über die christlichem Versammlungen zirkulierten und ebenso jeder Grundlage entbehrten. So absurd derartige Verleumdungen sein mögen, so ist es doch nicht immer geraten, mit einem einfachen Ausdruck der Verachtung darüber hinwegzugehen. Bis ans Ende der Zetten werden sich noch beschränkte Leute fimbeoite«) finden, die glauben, daß die Kirche in einem Konzil dekretiert hätte, daß die Frauen keine Seele haben. Diese Tölpelei hat jedoch keine großen Konsequenzen gehabt. Sie hat die Beziehungen der Frauen zur Kirche nicht verschlechtert, aber die Ritualmordlegende ist eine ganz andere Sache: man kann durch sie den Tod finden. Diese Geschichten von Kindern, denen man Blut abgezapst hätte, haben zu wirklichen Menschenopfern geführt und können noch solche verursachen. Und wir dürfen uns nicht schmeicheln, daß solche Legenden leicht aus der Welt zu schaffen sind. Mit religiösen Fanatikern kann man nicht diskutieren, und die menschliche Dummheit, die eine so große Rolle in derartigen Angelegenheiten spielt, ist absolut unüberwindlich. Aber ganz gleich! Protestieren muß man doch! Rufen wir unsererseits die Wahrheit hinaus, vielleicht wird von ihr doch etwas haften bleiben. Mit herzlichen Grüßen D u ch e s n e." Entschiedene Aeußerung des Fürstprimas von Angarn, Dr. Johann Csernoch. Fürstprimas Johann Csernoch hat an die Redaktion des Blattes „Egyenlöseg" die .folgende Zuschrift gerichtet: , i J „Auf meiner Firmungsreise habe ich den Brief der geehrten Redaktion erhalten, in welchem sie mich im Zusammenhang mit dem Kiew er Ritualmordprozeß um meine Meinung über den Ritualmord befragt. Infolge lleberhäufung mit Geschäften habe ich nicht sofort geantwortet. Inzwischenhabe ich auf die telegraphische Aufforderung der „Neuen Freien Presse" meine Anschauung dargelegt. Ich habe mit aller Bestimmtheit erklärt, daß die Wissenschaft den Ritualmord als eine Institution der jüdischen Religion nicht kennt und daß es in den Heiligen Schriften des Alten Testaments keine Stelle gibt, welche die Grundlage der Entwicklung einer solchen Institution bilden könnte. Damit habe ich meinen Standpunkt klar gekennzeichnet, wonach ich es für eine Fabel halte, daß das Judentum zu rituellen Zwecken Christenblut braucht Um meine Antwort auch auf die Frage auszudehnen, was wir von jenen konkreten Fällen zu hallen haben, in welchen einzelne Juden beschuldigt werden, einen Ritualmord vollbracht zu haben,' so habe ich erklärt, daß man auch in einem solchen Falle nicht in der jüdischen Religion das Motiv der Tat des Beschuldigten suchen und nicht die ganze Judenschaft dafür verantwortlich machen dürfe, sondern daß man einzig und allein bei dem Beschuldigten selbst nach den Triebfedern seiner Tat forschen müsse. Aus welchen Motiven der jüdische Täter, der einen Christen umbringt, handelt, das kann man nicht im allgemeinen sagen, sondern es ist sogar im konkreten Falle schwer festzustellen, gewöhnlich treiben den Menschen der Religion fernliegende Motive zum Mo/d an. Wenn er jedoch die Tat aus religiösem Haß vollbracht haben sollte, so ist dafür nur der Mörder verantwortlich. Dazu hat ihn nicht die Religion angeleitet. Wenn ich vom Ritualmord spreche, verstehe ich darunter einen aus religiösem Fanatismus verübten Mord. Daß aber ein solcher Vorkommen kann, läßt sich nicht leugnen. Er kann bei jeder Konfession Vorkommen. Der Ritualmord im engeren Sinne oder die Entnahme von Blut und dessen Benützung zu religiösen Zwecken verweise ich in das Reich der Fabel, wie ich es oben bereits erklärt habe. Dies ist der Sinn meiner in der „Neuen Freien Presse" veröffentlichten Erklärung. Ich verstehe nicht, wie einzelne Vertreter der ungarischen Presse meine Worte so mißverstehen und wie sie mir imputieren konnten, daß ich in bezug auf den Ritualmord eine zweideutige Haltung einnehme. Da mich die ernsten Blätter sämtlich verstanden haben, halte ich die Mißdeutung meiner Worte nur für einen tendenziösen Angriff. Um weiteren Mißdeutungen vorzubeugen, habe ich mich ausführlich zu äußern gewünscht. Gran, 16. Oktober 1913. Johann Csernoch. Fürstprimas und Erzbischof von Gran." Der Redatteur des „Egyenlöseg", Mar Szabolcsi, hat auf. die in der Frage des Blutmärchens an das Blatt gerichtete Zuschrift des Fürstprimas Dr. Johann Csernoch folgendes Telegramm an den Kirchenfürsten gerichtet : „Empfangen Ew. Erzellenz meinen ehrfurchtsvollen Dank für Ihre beruhigende Weife Friedenskundgebung und gestatten Sie mir, zu bemerken, datz ein Jude, der einen Christen tötet, weil jener dem jüdischen, der andere aber dem christlichen Glauben angehört, einfach wahnsinnig ist. Seine Tat hat jedoch weder mit unserer Religion etwas zu schaffen, noch mit unserer Literatur, in der es keinen einzigen Buchstaben gibt, der auf den Ritualmord bezogen werden könnte. Das ist heute ein ebensolcher Unsinn und eine ebensolche Niederträchtigkeit, wie die zur Zeit des Tertullianus, Eusebius und des Märtyrers Justin von den römischen Heiden gegen die Christen erhobene Anklage des Ritualmordes. Würde unter der Judenschaft, die ich gründlich kenne, ein solcher geheimer abscheulicher Brauch herrschen, so wäre ich der Erste, der sich davon wie von einem Geschwür abwenden würde. Doch unser Glaube ist rein von solchen Niederträchtigkeiten. So wahr mir und meiner Familie Gott helfen möge. Mit ehrfurchtsvoller Achtung Mar Szabolcsi."; Fürstprimas Johann Csernoch antwortete auf das Telegramm wie folgt: „Herrn Redakteur Mar Szabolcsi, Budapest. Ich danke Ihnen für das an mich gerichtete Telegramm. Ihre Auffassung in dieser Sache teile ich vollkommen. Johann Csernoch." Geheimer Rat Julius Wlassics über den Ritualmord. Der ehemalige Minister und nunmehrige Präsident des Verwaltungsgerichtshofes, Geheimer Rat Julius Wlassics, hat sich über die Ritualmordbehauptung in einem an die Zettschrist „Egyenlöseg" gerichteten Schreiben folgendermaßen geäußert: „Sehr ^geehrter Herr Redakteur! Ich erkläre bereitwilligst, was ich zur Zeit der Verhandlung des Tisza- Eszlarer Prozesses offen verkündet habe, daß es eine böswillige Annahme ist, als ob die Juden zu rituellen Zwecken christliches Blut brauchen würden. Es ist dies die elendeste Verirrung der menschlichen Vorurteile und Ungerechtigkeiten, Aeo wentio fiat. B ud-ap est, 18. Oktober 1913. Julius Wlassics."