Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-24 · 43 (24.10.1913) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
43 (24.10.1913)
Date
1913-10-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022079--22580-3047733
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 782 Dr. Blochs Wochenschrift «r. 43 Helden ihre Feder weiter an der dümmsten Lüge des Jahrhunderts, und aus dem ganzen Lager der Deutschen hört man nicht eine Stimme des Widerspruchs gegen die offenkundige, schmachvollste Menschenhetze von Kiew. Man konnte nach früheren Erfahrungen nichts anderes erwarten. Die Deutschen haben zwar immer den Mund voll mit der Phrase, datz die anderen Nationen minderwertig sind und nur sie, die Deutschen, für Freiheit, Fortschritt und höhere Kultur kämpfen und arbeiten. 2n Wahrheit jedoch sind sie die ärgsten Reaktionäre und spielen im geistigen und politischen Leben Oesterreichs die Rolle der Kleinbürger, welche Montesquieu so Hatzte und von denen er sagte, datz sie die besten Ideen in einen Sumpf herabziehen. Erst in den letzten Tagen waren wir Zeugen davon, wie willige Schleppträger der Christlich-Sozialen die Deutschen sind, trotz deren Korruption und Klerikalismus. Sie haben sich aber auch schon früher in einem historischen Moment der inneren Politik deklariert. Als der Christlich--Soziale Sturm, von welchem die „Arbeiter-Zeitung" jetzt so erbauliche Sachen zu berichten weitz, einen berüchtigten Antrag auf Einschreitung des Mittelschulstudiums für Juden einbrachte, da haben die Tschechen wie ein Mann dagegen gestimmt, von den Deutschen aber sehr viele dafür. Die Deutschen sind überhaupt immer mit Ver-- gnügen bereit, den Fortschritt zu knebeln und zu schädigen, die angeblich minderwertigen Tschechen, welche Bildung haben, verleugnen diese nie und sind aufrechte und aufrichtige Feinde jeder Reaktion. Die Folgen dieser Erscheinung werden sich schon zeigen. Es hat schon manche vernünftige Stimmen aus dem deutschen Lager gegeben, welche den schnellen Rückgang der nationalen Sache in den Sudetenländern auf die schnöde und abstoßende Behandlung der Juden zurückfuhren. Die Mahner haben nur kein Gehör gefunden. Die vollständige Mitzhandlung der Juden seitens der Deutschen dauert noch weiter fort, die vielen deutschen Blätter machen weiter in Ritualmord, und niemand protestiert gegen diese Schmach. Bei den Wahlen und der sogenannten nationalen Schutzarbeit müssen sich die Juden daran erinnern und sich durch keine Phrasen und leere Versprechungen mehr betören lasten. _ vom Aabrmarln des Lebens. Zum Beilis-Prozetz. Die grötzte Verlegenheit bietet den russischen Machthabern jetzt die Haltung der antisemitischen Zeitung „Kiewljanin". Man ist von dieser antisemitischen Zeitung bisher immer gewöhnt gewesen, datz sie aufgeregte Zeiten immer ausnützt, um dem russischen Volke „gute Ratschläge" und Verhaltungsmatzregeln zu erteilen. Besonders berüchtigt sind diese guten Ratschläge seit dem Jahre 1905, als gerade der „Kiewljanin" den grötzten moralischen Anteil an dem Kiewer Pogrom hatte. Desto niederschmetternder wirkte es, als die Konfiskation des „Kiewljanin" und die Gründe dieser Konfiskation bekannt wurden. Es mutz dem Präsidenten der Kiewer Zensurkommission, Professor Florinsky, der selbst zu den bekanntesten Mitarbeitern dieses Antisemitenblattes gehört, ein ganz sonderbares Gefühl erfatzt haben, als er den Artikel gegen den Ritualmord in seinem Leibblatte las und sich gezwungen sah, die Konfiskation seines Lieblingsorganes zu beantragen. Die Haltung des „Kiewljanin" hat einen mächtigen Eindruck hervorgerufen, so sehr, datz man selbst in reaktionären Kreisen mit Sicherheit annahm, datz der Staatsanwalt nunmehr die Klage fallen lasten werde. Auf diese Stimmung ist auch, wie uns aus Petersburg geschrieben wird, das in einige europäische Blätter übergegangene Gerücht von der bereits erfolgten Zurückziehung der Anklage zurückzuführen. „Kiewljanin" ist nach der Konfiskation in noch schärferem Tone gegen den Ritualmord aufgetreten und bleibt standhaft in seiner'Haltung. Die Erleuchtung ist dem „Kiewljanin" allerdings nicht über Nacht gekommen, und der gegenwärtige Redakteur des Blattes, Schulgin, folgt hierbei vielleicht nicht so sehr seinem eigenen Gefühle, als vielmehr dem Vermächtnis des Gründers und einflutzreichen Publizisten, des vor einigen Monaten verstorbenen Redakteurs Pichno. Dieser hatte noch bei Lebzeiten gegen die ganze Ritualmordhetze, und insbesondere gegen den Beilis- Prozetz, in heftiger Weise Stellung genommen. Pichno erklärte, 'datz der Glaube, die Juden verwendeten Christenblut, ein absurder Aberglaube sei, und es sei ein sehr bedenkliches Zeichen der Schwäche eines Staates, wenn er behufs Bekämpfung der Juden zu einem Ritualmordprozetz greife. Pichno, der moralische Urheber der Pogrome von Kiew, prophezeite in seinem Blatte, datz Rutzland an dem Beilis-Prozetz zugrunde gehen werde. Er sammelte sehr wichtige Daten gegen die Urheber des Beilis-Prozesses und war bereit, wie er sagte, im Interesse der rustischen Selbstherrschast als Verteidiger gegen die Ritualmordlüge in der Schlutzverhandlung aufzutreten. Vor einigen Monaten starb Pichno. Es ist nicht bekannt, was aus dem von ihm gesammelten Materiale geworden ist. Sein Blatt aber, der „Kiewljanin", hält sich strenge an das Vermächtnis seines verstorbenen Chefs. Bezeichnend für die Stimmung im Volke ist die Tatsache, datz einerseits die verschiedensten Arbeiterkategorien, darunter auch die Tramwaykondukteure von Kiew, beschlossen haben, zum Zeichen ihres Protestes einen Teil ihres Taglohnes am Tage der Eröffnung der Verhandlung der Familie Beilis zu widmen, andere wieder durch einen eintägigen Streik ihrem Proteste Ausdruck gaben. Sehr grotzen Eindruck hat es auch hervorgerufen, datz der bekannte russische Multimillionär Schachow der Redaktion des „Kiewljanin" die Mitteilung machte, datz er bereit sei, ein namhaftes Stipendium auf den Namen des Verfassers jenes „historischen" Artikels im „Kiewljanin" zu stiften. Aus allen Teilen Rutzland kommen Beschweredn darüber, datz durch die Telegraphenämter telegraphische Protestkundgebungen oder Begrützungs- und Aufmunterungstelgramme an die Verteidiger inhibiert -werden. Jede Kritik des Prozesses, besonders auf dem flachen Lande, wird unterdrückt. Diese Matzregeln werden in demselben Verhältnisse verstärkt, als die Vorgänge im Verhandlungssaale in Kiew immer deutlicher die Haltlosigkeit der Anklage erweisen und die Machenschaften aufdecken, mit welchen der ganze Prozeß und auch die Anklagen konstruiert wurden. Noch bevor diese strengen Matzregeln in Anwendung gebracht wurden, hat der Vorstand der Petersburger jüdischen Gemeinde die Verteidiger des Beilis telegraphisch begrüßt und der Hoffnung Ausdruck gegeben, datz es ihnen gelingen werde, ihre schwere Aufgabe im Dienste der Wahrheit mit Erfolg zu erfüllen. * * * Der Spezialkorrespondent der ,;Times" in Kiew telegraphiert : Ls wird täglich mehr und mehr klar, daß unter den Formen des Gesetzes ein hochernster politischer Kampf ausgekämpft wird. Dies ist nicht der Fall Beilis1, es ist möglicherweise der Endkampf um die Existenz der ureigentlichen reaktionären Mächte — den eine unnachgiebige Partei die gegenwärtig beinahe gänzlich isolierte extreme Hechte — mit sämtlichen Reformelementen Rußlands auskämpft. Die täglichen Disputationen der Vertreter beider Seiten über irrelevante Punkte wird immer verbitterter und deutet auf den nahenden Sturm. Tadelnd bemerkte unlängst der. Präsident: „Ich habe niemals eine Verhandlung in dieser Weise führen gesehen.“ Diese Worte bedeuten einen Warnruf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.