Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 43 (24.10.1913)
- Date
- 1913-10-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Er43 Qr> Bloch’s m Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Zudentums« -cEzrrrrn- Wien, 24. Oktober 1913 : Erscheint jeden Lreitag. i Brief-Adresse: Wie», llji, Praterstraße 9 Telegramm-Adreffe: Bkoch's Wochenschrift, Wien. OO .—.O O p Br^ugsprri» für Vesterrrikh: C Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für » Auslnnd: Halbjährig 10 Kronerr. Sanzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die malgespal» 2 tene Petitzeile 48 Heller. G nP '-00 Tk. fi. Postsparkassrnmnt Lleartng-Verkebr tflr. 810.976. Redaktion und Administration. c Wien Il/i, Praterstraße 9 Telefon 14847 Inhalt: «ctiarttfei: Deutscher und tichechlscher Fcersinn. — Vom Jahrmarkt deS Lebens: Zum Beilis-Prozeß. Die Lügen über Rabbiner Dr. I. Z">gler. Die Broschüre des Bezirksrichters Martinow. Gras Witte gegen die Rmialmordlüge. Erzbischof Sergei gegen den Rltualmord. Protest eines Kieler Professors gegen das Sachverständigen-Gutachten. Ein französischer Prätat über den Ritualmord. Entschiedene Aeuherung des Fürstprimas von Ungarn Dr. Johann Csernoch. Der Fürstpcimas über das Blutmärchen. Geheimer Rat Julius Wlassics über den Ritualmord. Aeuherungen des Kardinals Antonius Agliardi. Zur Lage der Juden in in Rumänien. Jüdische Mitglieder der französischen Akademie. Ein jüdischer Contre-Admiral. Ein jüdischer Unterstaatssekretär in der Tü-kei. Der germanische Held. Sir Rusus Jsaacs als Lord-Over-Rlchter. Georg Brandes wird das Betreten des russischen Bodens verboten. Znar kein Talent, dafür aber ein Charakter. — Korrespondenzen: Die Predigt in den Wiener Synagogen. Eine Protestversammlung in Budapest. Der Delegierte zweier Staaten. Wledereinbringung der Dillingham-Btll. Jüdische Kandidaten für den türkischen Staatsrat. Eine interessante Verlobung. Nikolsburger israelitisches Versorgungshaus. — Vermischtes. — Feuilleton: Chaim Nachman Bialik. — Literatur — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Deutscher und tschechischer Freisinn Der tragische Prozeß in Kiew geht unbekümmert um den Kalender seinen Weg weiter. Man sieht immer wieder die Jahreszahl an, weil die Tatsachen an der Grenze des Traumes stehen, eines nebelhaften Bewußtseins, daß wir noch immer vor der Entdeckung Amerikas stehen, und ernste, gelehrte Richter, von Vertretern einer lügenhaften, verleumderischen Wissenschaft unterstützt, einen Zauberer oder eine Here auf den Scheiterhaufen bringen wollen. Auch nicht der Schatten eines Beweises taucht auf, daß Veilis den mindesten Grund gehabt hätte, sich an dem Knaben zu vergehen. Halbasiatische Plumpheit einer Rechtssprechung, die das zwanzigste Jahrhundert verhöhnt, wirst sich nun auf den Ritualmord als Motiv, und weist jeden Versuch von sich, logische Beweggründe und die wahren Mörder zu finden. Man arbeitet nach ausprobierten Methoden. Nach den Erfahrungen im Falle Hilsner hafte man sich gewundert, wenn nicht auch in Kiew die unbekannten, geheimnisvollen beiden Freunde aufgetreten wären, welche zur kritischen Zeit bei dem angeblichen Täter erschienen und dann sofort in einer Versenkung verschwanden. Waren es nicht etwa dieselben zwei Männer, welche in Polna bei Hilsner erschienen und offenbar im Namen einer geheimen Organisation alljährlich die Ritualmorde arrangieren, zu deren Gebrauch es zu gehören scheint, daß man die Leichen der Opfer an vielbesuchte Stellen legt? Auch ein anderer Bekannter aus Polna ist erschienen, der schwarze, große Bart, den einer der Täter getragen haben soll und der dazu bestimmt ist, auf die Phantasie und den Abscheu des Volkes möglichst stark einzuwirken. Wie gesagt, es ist alles so arrangiert, wie in ftüheren, aus der Kulturgeschichte der arischen Völkerschaften bekannten Fällen. Nur die Zeugen haben offenbar noch keine Kenntnis von der Rolle, welche sie nach der Meinung des Staatsanwaltes zu spielen haben. Man muß es ihnen verzeihen, denn sie. leben tief in Rußland und haben vielleicht nicht antisemitische Blätter gelesen, sondern nur die Lehren Tolstois über die Moral der Menschen gehört, die in erster Linie in Wahrhaftigkeit besteht. So fteten denn als Belastungszeugen nur fteiwillige Ankläger auf, die politisch vom Antisemitismus leben und sonst Schwätzer sind. Ferner Elemente, welche allen Grund haben, den Verdacht von sich selbst abzuwenden. Die wenigen einwandfteien Zeugen jedoch, welche von der Staatsanwaltschaft zugelassen wurden, werfen die ganze Anklage über den Haufen, so der christliche Bürger, dessen Frau die Leiche des Knüben in dessen Elternhause noch vor der Auffindung sah. Angesichts solcher Ereignisse kommt sogar die „Reichspoft" in Verlegenheit und nennt die gewiß nicht judenfreundlichen Berichte der offiziellen russischen Telegraphenagentur widersprechend. Gewiß widersprechen die Aussagen der ^.Reichspost" und dem Staatsanwalt in Kiew. Es ist ein Prozeß, der jeden wirklichen Kulturmenschen zur Verzweiflung und zu lauten Protesten bringen muß. Es scheint jedoch, daß es nicht viele Kulturmenschen gibt und daß die Juden nicht wie die Neger damft rechnen können, daß sie durch die Meinung der Oeffentlichkeit wenigstens vor den äußersten Verleumdungen und Verfolgungen geschützt wären. Die Tschechen allein haben sich ein Ehrenzeugnis ausgestellt, als ihre Intelligenz in Prag geharnischten Protest gegen den Kiewer Prozeß erhob. Die Juden werden sich dieser Hilfe immer in Dankbarkeit erinnern. Die Tschechen sind jedoch verhältnismäßig ein kleines Volk und ihre moralische Mithilfe kann natürlich nicht das notwendige Gewicht für die Wage der russischen Gerechtigkeit bilden. Wo aber bleibt nun das Volk der Dichter und Denker, wo bleiben die Deutschen, deren lauter Ruf wohl im Osten Europas gehört werden dürste? In den Reihen der Deutschen befinden sich doch eigentlich auch Freisinnige, und ohne Zahl ist die Reihe der deutschen Humanitäts- und Kulturvereine. Aus diesem Lager aber kommt jetzt kein Laut. Man sollte doch wenigstens glauben, daß man auf die Organe der Intelligenz. als deren Pächter sich die Deutschen so gerne ausgeben, auf die Tagesblätter, den nötigen Einfluß ausüben werde, damit wenigstens diese nicht an der blödsinnigen und niedrigen Ritualmordhetze teilnehmen. Aber schamlos üben die schwarz-rot-goldenen Geistes-