Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 42 (17.10.1913)
- Date
- 1913-10-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022078--22569-3047721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Veite 772 Dr. Bkochs mau in Ungarn die Befürchtung aussprechen zu müssen, daß Fürstprimas Csernoch der jüdischen Familie nur deshalb die Ehre seines Besuches erwies, weil damit gewisse Taufpbäne in der Familie Hatvany-Deutsch in Verbindung stehen. Freistadt oder Freihafen? Aus Saloniki wird uns geschrieben: Der bekannte Großindustrielle Mario Modiano, einer der angesehensten Juden in Saloniki, hat der griechischen Regierung ein Memorandum überreicht, in welchem der hervorragende Fachmann zu dem Schlüsse kommt, daß sowohl für die gesamte Kaufmannschaft von Saloniki — die, wie man weih, bis vor kurzem noch zumeist aus Juden bestand — wie auch für den griechischen Staat am vorteilhaftesten wäre, wenn Saloniki, nachdem es nun einmal nicht die volle Autonomie erlangen konnte, zur Freistadl erhoben würde. Dieses Memorandum wird gegenwärtig in den maßgebenden griechischen Kreisen eifrig studiert und auch öffentlich diskutiert. Von ganz besonderer Bedeutung ist es, daß der Finanzdirektor von Mazedonien G. R. Cofinas in einem Interview, das er dem Redakteur des „Zndependant" gewahrte, sich ganz entschieden gegen den Vorschlag Modianos, den er wegen seiner hohen Qualitäten außerordentlich hochschätze, ausgesprochen hat. Cofinas will auch die alten Handelsinteressen von Saloniki gewahrt wissen, glaubt aber, das dadurch besser zu erreichen, daß Saloniki zum Freihafen erklärt wird. Man ist in Saloniki der Meinung, daß durch eine solche offene Aussprache zwischen der erbgesessenen Kaufmannschaft und der Regierung vielleicht doch eine Annäherung und ein Einverständnis wird erzielt werden können, welches die überhandnehmende Auswanderung der Juden von Saloniki eindämmen wird. Eine jüdisch« Deputation beim Erzbischof von Warschau. Vor einigen Tagen sprach, wie uns aus Warschau geschrieben wird, eine jüdische Deputation, bestehend aus sämtlichen Mitgliedern des Rabbinates und dem Vizepräsidenten der Gemeinde, Joel Wegmeister, bei dem neuen katholischen Erzbischof von Warschau, Alexander Kakowski, vor. Rabbiner Perlmutter begrüßte den Kirchenfürsten mit einem hebräischen Segensspruche und verlas dann die in hebräischer und polnischer Sprache verfaßte und kunstvoll ausgestattete Adresse, in welcher zunächst konstatiert wird, daß die Juden, so wie überall, auch in Warschau, stets alles aufboten, um mit den Andersgläubigen in Frieden zu gemeinsamem Wohltun sich zu vereinigen, und sie bitten den neuen Erzbischof, dem sie zu der hohen Würde gratulieren, daß er gleichfalls für den religiösen Frieden tätig sei, wofür sie den Segen Gottes herabflehen. Der Erzbischof dankte in sehr herzlichen Worten für die Begrüßung und sprach die Hoffnung aus, daß die Beziehungen zwischen den Juden und Christen in Polen unter seinem Regime sich bessern würden und gab die Versicherung, daß er, so weit sein Einfluß und seine Macht reicht, alles daransetzen werde, um dieses bessere Einvernehmen herbeizuführen. Diese Versicherung ist mit Rücksicht auf die verheerenden Wirkungen der polnischen Boykottbewegung gegen die Juden von der allergrößten Wichtigkeit. 'Es ist nur zu wünschen, daß den Worten des Erzbischofs auch bald die Tat folge. Kultusuud llnterrichtspolitit in Mazedonien. (E'.ne offi.ielle Erklärung.) Der Direktor des Salonikier Tagblattes „L'Jndependant", Lazar Nefussy, hatte dieser Tage mit dem Generaldirektor für politische Angelegenheiten und für öffentliches Kultus- und Unterrichtswesen in Mazedonien, Herrn G. Tsorbatzouglou, eine Unterredung, in welcher sich dieser hohe Beamte über die künftige griechische Politik Wochenschrift 42 in bezug auf Kultus und Unterricht in Mazedonien in einer in allen ihren Teilen äußerst interessanten Weise äußerte. Herr Tsorbatzouglou sagte unter anderem: Das, was ich! hierüber zu sagen habe, sind nicht Empfindungen, sondern ist meine unerschütterliche Ueberzeugung über die künftige Haltung Neugriechenlands in diesen Fragen. Ich schöpfe diese Ueberzeugung aus dem unserer Rasse innewohnenden Liberalismus, aus ihrer viele Jahrhunderte alten Geschichte und aus den Bestimmungen der heutigen Verfassung unseres Staates. Im übrigen deckt sich meine Ueberzeugung mit den wiederholten Erklärungen des Generalgouverneurs von Mazedonien und des Ministers für den öffentlichen Unterricht. Ich habe wiederholt gehört, daß unter unseren Mitbürgern, den Juden von Saloniki, manche das neue Banner mit der inneren Befürchtung betrachten, daß sie, beziehungsweise ihre Gemeinde, unter dem Schutze desselben nicht werden glücklich leben können. Ich bin darüber gar nicht erstaunt, und ich will gegen diesen vereinzelten Ungläubigen nicht ungerecht sein. Sie kennen uns nicht. Ja, noch mehr, sie scheinen unglücklicherweise auch die Existenz eines der weisesten Erforscher und Analytiker der menschlichen Seele und besonders der griechischen Seele nicht zu kennen. Dieser Mann ist kein anderer als Dr. Mar Rordau, ein Jude. Würden sie ihn kennen, so würbe ich diese Juden infolge des wahren Urteiles dieses Mannes über unsere Gedanken und unsere Gefühle sofort als Freunde Wiedersehen. Vesser als ich. könnte dieser tieffinnige Verfasser der „konventionellen Lügen", dessen große' Seele über der Finsternis des Aberglaubens schwebt und sich darin gefällt, das Licht der Wahrheit zu verbreiten, besser sage ich, könnte dieser Mann die Juden über die Zukunft beruhigen, als ich es vermag. Er würde jenen, die uns nicht kennen,- erzählen, daß Alexander der Große dem Oberrabbiner von Jerusalem, als er mit ihm außerhalb der Stadt zusammen? traf, um ihm die Schlüssel der Stadt wieder zurückzugeben, die höchsten Ehren erwies und daß wir sämtliche Juden, ohne jeden Unterschied, als die Untertanen jenes alten hellenischen Königreiches heute einmütig als die wirklichen Abkommen dieses Kolosses proklamieren. Im weiteren Verlaufe machte der Generaldirektor die wichtige Bemerkung, daß die Regierung gewillt sei, alle gerechten Anforderungen der einzelnen Konfessionen und Rassen zu berücksichtigen und ihnen die weitestgehende Autonomie in religiösen Fragen einzuräumen. Bedeutsam sind in dieser Beziehung die folgenden Worte: „Wie Sie sehen, legen wir Gewicht darauf, daß die engeren Begriffe der Worte ..Religion" und „Rasse" nicht mit dem sehr weiten Begriff des Wortes „Nation" verwechselt werden. Die hellenische Nation im reellen Sinne des Wortes wird eine einheitliche und unteilbare sein. Aber sie wird zusammengesetzt sein aus allen leaitimen Kindern ohne Unterschied der Religion, der Abstammung oder der Sprache. Ebenso wird der hellenische Staat einheitlich und unteilbar sein, der von allen die gleiche Treue und gleiche Ergebenheit fordert. Innerhalb eines ähnlich gearteten europäischen Staates gibt es keinen Platz für andere Staaten. Wie Sie Gemeinden bilden würden, die sich nicht mit der natürlichen Definition ihres Gemeinwesens begnügen würden." Zum Schlüsse deutete Tsorbatzouglou einige der geplanten Reformen an. von denen besonders die pflichtgemäße und durch den Staat einzutreibende Kultussteuer, sowie die Honorierung der religiösen Funktionäre durch den Staat als eine der wesentlichen hervorgehoben werden. Der ausgewiesene Georgskavalier. Aus Petersburg wird uns geschrieben: Böse Erfahrung hat dieser Tage hier ein jüdischer Soldat gemacht, der in der Schlacht bei Mukden und in anderen