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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-17 · 42 (17.10.1913) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
42 (17.10.1913)
Date
1913-10-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 770 Dr. Bkochs Wochenschrift. Nr. 42 scheu Parteiungen hinweg alle guten Geister zum Drang nach Taten vereinigen mühte: Das ist die allseitige Hebung des Volkes", so heißt es in einer seiner gedankenvollen parlamentarischen Reden, und ein andermal meinte er: „Für eine Demokratie, die die Schwachen und die Gedrückten heben will, ohne die Auserlesenen und die Starken herabzusetzen, gibt es kein schöneres und würdigeres Schauspiel als das Kapital, das durch Arbeit gerechtfertigt wird/ und als die Arbeit, die sich befreit, indem sie zu kapitalisieren weih." Luzzatti ist 1891 zum erstenmal Finanzminister geworden, und im Laufe eines Jahrzehntes hatte er nicht weniger als zehn Portefeuilles inne. So ist es dem idealen Denker möglich geworden, in die tiefsten Fallen der realen Welt zu schauen, so war es ihm beschieden, zu schaffen, was er in seiner Jugend geträumt: die ökonomischen Kräfte der Gegenwart als nüchterner Gestalter zu meistern. Luigi Luzzattis Gestalt ist hochgewachsen, von klassischer Schönheit: aus seinen tiefschwarzen Augen leuchtet eine unendliche Güte, und wahrhaft bezaubernd ist seine Gabe, die Zuhörer zu unterhalten. Ein Menschenkunstwerk — erlesen durch Natur und Kultur... /Korrespondenzen. Stimmen aus dem Publikum. Sehr geehrter Herr Redakteur! Samstag, am Versöhnungsfest, war ich beim Gottesdienst im großen Tempel der Leopoldstadt, wo diesmal Herr Rabbiner Dr. Grunwald die Predigt hielt. Die vier.Herren Rabbiner, die abwechselnd in diesem Tempel predigen, sind ausnahmslos ganz ausgezeichnete Kanzelredner, von denen jeder einzelne ein eigenes Genre darstellt, seine besonderen Vorzüge und mit vollem Recht seine Bewunderer hat. Herrn Dr. Grunwald kenne ich auch von seinen Vorträgen in der Eschenbachgasse, die ich selten versäume. Auf der Kanzel spricht er selbstverständlich nach Stil und Form ganz anders; allein auch als Kanzelredner hat er seine besondere Rote: er behandelt Themen aus modernsten Gedankenkreisen und nebstdem, dah er die Zuhörer erwärmt, flicht er in die Predigt interessante Mitteilungen ein, belehrende Reminiszenzen, die dem Gedächtnis sich einprägen und noch später zum Nachdenken anregen. Eine solche Predigt, die jeden Zuhörer zum Nachdenken zwingen muh, war auch die jüngste am Versöhnungsfest. Was der Redner über die traurige Situation jedes einzelnen Juden, seine Ohnmacht und hilflose Vereinsamung und über die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses zu einem allgemeinen Schutzbund sagte, sind bitterste Wahrheiten, der Beherzigung gewiß wert, und die eindringliche Mahnung, die er mit flammenden Worten an die führenden Männer gerichtet hat, sollte nicht ungestört verhallen. Allein in den in dieser großangelegten Rede vielfach verstreuten geistreichen Reminiszenzen fand sich auch eine Bemerkung, die mich aus einem besonderen Grunde frappiert hat und Veranlassung wurde, daß ich diese Zeilen an Sie richte. Er sprach davon, daß das Gute auch des Bösen nicht entraten kann, weil erst aus der Rot die Menschen den kraftvollen Drang nach Verbesserung und den zwingenden Trieb zum Fortschritt empfangen. Dieser Gedankengang erinnert aber stark an die sozialdemokratische „Verelendungstheorie", die man in bürgerlichen Kreisen den sozialdemokratischen Theoretikern recht verübelt hat. Herr Dr. Grunwald hat diesen so nebenher ausgeführten Gedanken als ein Zitat — zum Teil mit hebräischem Tert — aus einem alten kabbalistischen Buche vorgetragen. Mich würde es nun sehr interessieren, zu erfahren, aus welchem Werke das Zitat stammt und in welchem Jahrhundert der Autor jenes Werkes gelebt hat. Indem ich Sie, Herr Redakteur, um Beantwortung dieser Anfrage höflich ersuche, zeichne ich hochachtungsvoll A. K. Wir haben diese Zuschrift Heim Rabbiner Dr. Grunwald übermittelt; derselbe schreibt uns:. Die Stelle findet sich im Sohar par. Wajjiga?eli. (Autor: Mose ben Schemtob de Leon, geb. in Leon um 1250, gest. in Arevalo 1305.) Dort heißt es: Als Gott die Welt erschuf, bediente er sich zu diesem Zwecke der 22 Buchstaben des heiligen Alfabets. Er teilte das Alefbeth in der Mitte derart, dah rechts und links je zwei Reihen zu je 11 Buchstaben standen, von denen die eine mit dem ersten Buchstaben s, die andere mit dem zwölften Buchstaben, dem begann. Und nun verband der Schöpfer den ersten Buchstaben der einen Reihe, das rr, mit dem ersten Buchstaben der anderen Columne, dem S sodann vereinigte er den zweiten Buchstaben der Reihe rechts, das 2, mit dem zweiten Buchstaben der Reihe links, dem v, und so fort. Als er aber nun an den neunten Buchstaben das i2> kam und es mit dem neunten Buchstaben der anderen Reihe, dem n, verbinden wollte, da begann jener Buchstabe zu widerstreben, er wollte sich gar nicht beruhigen lassen nmn sS n"*am?n2E"/iö ns-p* no*? .rapn na Da fragte der Schöpfer den Buchstaben t: „Weshalb bist du denn gar so untröstlich?" Nun trug das v sein Leid vor und sprach: Herr der Welt, ich, der Buchstabe .rr! das Haupt und der Anfang des Guten tI'rs), ich soll eine Verbindung eingehen mit dem dem Köpf und Anfang des Bösen (yn)! noy nannnb ■par ns njapn na'trn Hierauf antwortete der Schöpfer: Auch du bedarfst der Ergänzung durch dein Gegenpart. Ich werde den Menschen schaffen, und das Menschengeschlecht wird nicht bestehen können ohne die Vereinigung des Guten mit dem Bösen. Aus Leid und Rot und Drangsal, aus dem Bösen wird der Mensch immer neuen Antrieb schöpfen zu wirtschaftlicher Entwicklung, das Sehnen nach geistigem Fortschritt, das Verlangen nach sozialer Verbesserung und sittlicher Veredelung. nox nannnS px ns Das bedeutet: auch das Böse ist der unentbehrliche' Gehilfe des kommenden Guten. Dies ist der Sinn der zitierten Stelle. Die Geschichte lehrt, daß herrschende Kasten, die alle Vorteile der Macht genießen, jede Veränderung als. schädlich ansehen und als frevelhaften „Umsturz" verdammen. Alles Aufwärtsschreiten verdankt die Menschheit unterdrückten Kasten und künstlich niedergehaltenen Volksgruppen, denen die Gegenwart unerträglich geworden und die ihr Leben dafür einsetzten, um aus ihrer Lage erlöst zu werden: sie bildeten überall und zu allen Zeiten die Kerntruppen unter den Streitern für Freiheit und Fortschritt. Ob und inwiefern diese Gedankengänge zu der sozialdemokratischen „Verelendungstheorie" hinüberleiten, dies zu untersuchen, ist nicht meine Aufgabe. G.

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