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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-17 · 42 (17.10.1913) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
42 (17.10.1913)
Date
1913-10-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 42 Dr. Bkochs Wochenschrift Seite 769 noch weil mehr besagen will: Luzzalti ist ein Prophet, der sogar bei seinen Landsleuten etwas gilt. Wenn in den nächsten Jahren neue Handelsverträge zwischen Italien. Oesterreich-Ungarn und dem Deutschen Reich zu schließen sind, dann werden sämtliche Parteien der Kammer, der König und seine Regierung, die Aristokraten und die Demokraten, die Juden und die Christen darin einig sein, daß Luzzalti allein berufen ist, die Verhandlungen zu führen. Er hat keinen Konkurrenten zn fürchten, so lange er lebt. Er ist zweifellos der erste Nationalökonom, der größte Finanzkünstler des Königreichs und als Staatsmann von einer Schöpferkraft, die seit Cavour nur von Minghetti und Giolitti erreicht wurde. Luzzalti wurde am 11. Mai 1841 in Venedig (das damals noch zu Oesterreich gehörte) geboren, und in seinem Wesen spiegelt sich in gleichem Maße der märchenhafte Zauber und der lebensvolle Handelssinn seiner wimderbaren Heimatstadt. In der noch heute israelitischen Familie Luzzatti findet sich eine große Reihe der hervorragendsten Vertreter des Geistes. Luigi selbst war schon als Jüngling ein Genie sondergleichen. Als er noch zu Venedig das Gymnasium besuchte, verblüffte er bereits seine Lehrer durch Exkursionen auf die entferntesten Gebiete der sozialen Wissenschaften, erschreckte die Eltern durch seine Vertiefung in die unendlichen Probleme der Philosophie und der Religionsgeschichte. Mit zweiundzwanzig Jahren hatte er die juristischen Studien in Padua mit Auszeichnung absolviert und wenige Monate darauf legte er der wissenschaftlichen Welt ein gewichtiges Werk vor: „Die Verbreitung des Kredits und die Volksbanken". Es gab ein großzügiges Programm für die Entwicklung der italienischen Wirtschaft und des — Autors. Von einer solchen Reife war seine erste Schrift, daß er als Ministerpräsident, als Siebzigjähriger, darin erinnern durfte, wie er bei den sechsundzwanzig Handelsverträgen, die er für sein Land geschlossen, im wesentlichen geleitet wurde von den Grundsätzen, die er als junger Mann in seinem ersten Buch vertreten hatte. Den österreichischen Behörden mißfielen die Ansichten des jungen Juristen in so hohem Grade, daß sie ihn mit einem Prozeß wegen — Hochverrats (begangen durch den Vorschlag der Errichtung von Unterstützungskassen) bedrohten, und so blieb Luzzatti nichts anderes übrig, als selbst mit allen vorhandenen Exemplaren seines Erstlingswerkes nach Mailand zu flüchten. In der Lombardei machte sich Luzzatti augenblicklich an die Gründung einer großen Zahl von Volksbanken, wodurch den verelendetsten Schichten der Bevölkerung neues Leben zufloß. Desgleichen richtete Luzzatti als Drei- und Vierundzwanzigjähriger die ersten Konsumgenossenschaften ein. Mit fünfundzwanzig Jahren saß Luzzatti als ordentlicher Professor des Staatsrechtes im Lehrkörper der Universität Padua. Er las im ersten Semester über das Verhältnis der Kirche zum Staat in den modernen Gesellschaften, und diese Vorlesungen wuchsen sich im Druck — er gab sie als sein zweites Buch heraus — zu einer grundlegenden Propagandaschrift der Gewissensfreiheit aus. In verschiedenen Nachschlagebüchern findet sich die Behauptung, daß Luzzatti 1867 die italienische Regierung bei der Pariser Weltausstellung als Kommissär vertreten habe. Das ist ein Irrtum. Der Gelehrte besuchte die Ausstellung als Privatmann, aber er knüpfte an der Seine die ersten direkten Beziehungen zur italienischen Regierung an: Er lernte nämlich in Paris Marco Minghetti kennen, den glänzenden Gesellschafter, der sich zeit seines Lebens in den Salons von London und Paris genau so heimisch fühlte, wie in denen am Arno oder am Tiber, den edlen Politiker, der zuerst der Mitarbeiter Eavours war und nach dessen Tode das Lebenswerk des Schöpfers des italienischen Einheitsstaates glücklich fortsetzte. Dem feinen Weltmann Minghetti. der selbst eine universelle literarische Bildung mit einer tüchtigen politischen Ueberzeugung in sich vereinte, imponierte das Wissen Luzzattis so sehr, daß er zwei Jahre darauf die äußersten Anstrengungen machte, den Professor als Hilfskraft ins Ackerbauministerium zu bekommen, und als Luzzatti erklärte, daß ihm sein Ehrgeiz verbiete, eine subalterne Stellung anzunehmen, machte ihn Minghetti kurzerhand zu seinem Unterstaatssekretär. So wurde der Jude Luzzatti mit 28 Jahren, in einem Alter also, in dem er noch nicht Abgeordneter sein konnte. Stellvertreter des Ministers. „Der Staat ist keine anonyme Handelsgesellschaft, sondern die vom Geiste der schöpferischen Güte durchleuchtete Gemeinschaft .... Der Staat hat Pflichten zu erfüllen, wenn das gesamte arbeitende Volk in ihm keine von außen her aufgezwungene Macht erblicken soll; Pflichten der sozialen Fürsorge jeder Art." Mit diesen Gedanken und diesen Worten leitete Luzzatti 1869 seine amtliche Tätigkeit ein. und da er diesen Grundsätzen immer treu blieb und stets danach handelte, konnten die reichsten Früchte für sein Land nicht ausbleiben. Luzzatti ist der Staatsmann, der in Europa als erster eine Arbeitsfürsorgeabteilung des Kabinetts schuf, das, was die Oesterreicher erst seit wenigen Jahren haben: ein Arbeitsministerium. Das Ziel dieses Amtes war und ist: den schwer arbeitenden Schichten des Volkes das Leben in jeder Beziehung angenehmer oder mindestens erträglicher zu machen. Wohlfeile und gesunde, licht- und luftvolle Wohnungen zu schaffen, jeden geistigen Fortschritt der Massen zu fördern, der Kampf gegen Alkoholismus und Analphabetismus, das ist Luzzattis Sozialpolitik. Er hat die Volksschule zu sicherem Gedeihen geführt, hat ein großes hygienisches Gesetz durchgebracht, das dem Körper des Volkes die Zufuhr gesunden Wassers sichert, er hat ein Tierseuchenaeietz geschaffen und Verordnungen herausgegeben, die das Quälen von Tieren untersagen, und er hat —- neben einem guten Dutzend anderer überaus wichtiger gesetzgeberischer Neuerungen auf sozialpolitischem Gebiet — zum Schluß das großartige Werk der Bewaldung Italiens in die Wege geleitet. Unter seinen finanztechnischen Leistungen ragt als höchster Gipfel die Konversion der Staatsschuld hervor, die 1906 acht Milliarden betrug. Die Konvertierung auf 33/i Prozent bringt dem Budget im Jahre einen Gewinn von zwanzig Millionen, und sie hat - von diesem fiskalischen Standpunkt ganz abgesehen — dem Lande zu einem nur von Luz-atti geahnten Wohlstand verholfen. Diese Tat erkannte der König dadurch an. daß er Luzzatti den Titel eines permanenten Staatsministers verlieh. Luzzatti hat es auch verstanden, den Ertrag der Stenern des Königreiches um dreißig Millionen vro Anno zu vergrößern, ohne daß das Volk diese Mehrbelastung sonderlich empfunden hätte. So durfte er eines Tages von sich sagen: „Ich bin im Besitze des Geheimnisses der sanften Steuern, die ganz ruhig hingenommen werden." Als Ministerpräsident hat er das politische Wahlrecht stark erweitert, und so bedeutet seine gesamte staatsmännifche Tätigkeit ein konfeguentes System des Liberalismus. Die Freiheit ist ihm das organisch unantastbare Erzeugnis des Volkslebens, die Freiheit der Tat und die Freiheit des Widersvruchs. Die Vereinigung der Fortschrittsfreunde zum gemeinschaftlichen Kampf für die höchsten Volksgüter erklärt er für den ersten und letzten Zweck des parlamentarischen Führers. „Es gibt ein Ziel, das über die elenden und kleinlichen politi-

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