Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-17 · 42 (17.10.1913) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
42 (17.10.1913)
Date
1913-10-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022078--22561-3047713
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 764 Nr. 42 Dr. Blochs Wochenschrift Vielleicht helfen diese Zeilen, damit sich Private finden oder eine grobe Organisation bildet, die außerhalb der zionistischen kreise Geld zusammenbringt, um in ernster, geschäftsmäßiger Weise Pflanzungen und Ansiedlungen zu schaffen. Wohlhabende Männer für Palästina- Arbeit zu interessieren, ist vor allem unsere Absicht. Wir sind überzeugt, daß jeder ernste Reflektant durch Herrn Johann Kremenezky oder Herrn Leo Weiß entsprechende Anleitungen erhalten wird. Sie werden ihnen auch in Palästina musterhaft brave, jüdische Bauern Nachweisen, zum Teile sehr wohlhabende Leute, welche die Verwaltung übernehmen, sich zwar dafür b^ahlen lassen, deren Redlichkeit und fachliche Zuverlässigkeit aber außer jedem Zweifel ist. Vom ZabrinarKt des Lebens. Der Ritualmordprozetz in Kiew. Man schreibt der „Arbeiter-Zeitung" aus Petersburg, 10. Oktober: Die Vorgeschichte des gräßlichen Prozesses, der nun nach zweieinhalbjähriger Voruntersuchung vor den Biewer Geschworenen begonnen hat, ist teuflisch einfach. Eine Bande von Dieben und Einbrechern, Leib vom Leibe und Blut vom Blute jener Auswürfc der Gesellschaft, aus deren Mitte die Schwarzhunderte der „echtrussischen" Pogromisten geworben werden, hatte in Kiew, offenbar um einen unbequemen Zeugen ihrer Verbrechen aus der Welt zu schaffen, einen Knaben namens Justfchinsky ermordet und nach der Inspiration von oben, aus dem Hauptstab der Pogromleute, daraus einen jüdischen „Ritualmord", nach dem Jahrhunderte alten Rezept, inszeniert. Dieser verruchte Plan hatte sofort die wärmste Unterstützung sowohl des Polizeidepartements wie des Justizministeriums, ganz besonders aber im Peter Hofer Palais selbst gesunden. Nach den Instruktionen des Chefs der Kiewer Ochrana, des berüchtigten, in Provokationsaffären ausgeprobten Gendarmerieobersten Kuljabko, wurde dann der erste beste Jude Mendel B e i l i s, der das Unglück hatte, nicht weit vom Tatorte zu wohnen, verhaftet. Und als doch der berufsmäßige Detektivspürsinn die Untersuchungsbehörden immer wieder auf Spuren der wirklichen Mörder brachte da geschah es, daß auf Geheiß aus Petersburg der „ungescheite" Chef der Kiewer Detektivpolizei Mischtschuk vor Gericht gestellt, auch sein Nachfolger Kraskowsky des Amtes enthoben, ein Untersuchungsrichter nach dem anderen, ein Staatsanwalt nach dem anderen von der Prozeßführung beseitigt wurde, bis es durch diese künstliche Auslese der Beamtenschufterei und Skrupellosigkeit endlich gelungen war, das hohe Ziel zu erreichen. So wurde der unglückliche Beilis auf die Anklagebank gesetzt, die wirklichen Mörder Justschinskys aber als Meineidszeugen gegen ihn aufgestellt, und das gewissenlose Gutachten des gelehrten Negierungslakaien Sikorski und eines gewissen Pranaitis, eines Pfaffen mit dunkler Vergangenheit, war dazu berufen, eine „wissenschaftliche" Grundlage für das mittelalterliche Blutschauermärchen zu verfertigen. Uns Russen konnte es keine besondere Ueberraschung sein, daß Willkür und Gesetzbrüche von der Regierung und ihren Organen angehäust werden, um einen Tendenzprozeß zu inszenieren. Aber der Beilis-Prozeß wird durch ganz besondere Umstände ausgezeichnet, welche ihn in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der gesamten Oeffentlichkeit gestellt haben. Diese Bedeutung wird ihm nicht durch seine juristische Monstrosität, sondern durch seine politische Tragweite verliehen. In der Person des Juden Beilis versuchte die Regierung mit einer schamlosen Herausforderung die gesamten Juden aus die Anklagebank zu setzen. Der Ritualmordprozeß soll die ganze Regierungspolitik gegen die Juden krönen. Diese Politik ist aber mit dem ganzen System der herrschenden Kontrerevolution aufs innigste verknüpft. Seit jeher griff der Zarismus zur nationalen Unterdrückung, zur gegenseitigen Aufhetzung der Nationen als zu dem Mittel, den revolutionären Volkszorn von sich abzulenken und ihn auf falsche Spuren abzuleiten, um mittelst künstlich ausgebauschter nationaler Widersprüche das Bewußtsein der Volksmassen zu vergiften, Zerfahrenheit und Verwirrung in die revolutionären Reihen hineinzubringen. Doch ihren rechten Schwung erhielt diese macchiavellistische Politik erst in der letzten Periode des zügellosen Tobens der Kontrerevolution, wo der Nationalismus sich zu einem allumfassenden System der Fütterung der ausbeutenden Klasien der „Stammbevölkerung" entfaltete — auf Kosten der „Fremdstammigen" und „Andersgläubigen": der Juden und Polen, der Ukrainer und Letten, der Finnländer und der kaukasischen Nationalitäten, der Mohammedaner und Sektierer. Das war die Rache der Kontrerevolution an den Nationen Rußlands wegen ihrer Teilnahme an der Revolution, gleichzeitig aber auch der Versuch, durch das Geschrei von dem angeblichen „fremdstammigen Druck" die Aufmerksamkeit der neuerwachenden russischen Volksmassen von dem wirklichen sozialen und politischen Druck der Kontrerevolution abzulenken. Mit ganz besonderer Wut aber fielen die Schläge dieses kontrereoolutionären Nationalismus auf die Juden nieder. Denn die Juden bilden nach dem Ausdruck eines der Pogromistenführer in der Duma „die Linie des geringsten Widerstandes". Den Juden gegenüber ist es dem Zarismus leichter, die Macht der Finsternis auszubeuten, die Traditionen des religiösen Fanatismus aufzuschüren. Eben aus dem Grunde griff, wie bekannt, die Regierung im Jahre 1905 vor allem zu den Judenpogromen, um die Ersten Siege der Revolution zu vernichten. Und bei den ersten Anzeichen der Wiederbelebung der revolutionären Bewegung erklärte die Regierung mit zynischer Offenheit durch den Mund eines ihrer Mamelucken in der dritten Reichsduma: „Jede Revolution in Rußland wird über Judenleichen schreiten!" Bald darauf wurde auch der Kiewer „Ritualmord" als der geeignetste Ausgangspunkt einer neuen Pogromära erfunden. Das war die Antwort der Verschwörer des 16. Juni auf den neuen Aufschwung der revolutionären Stimmung im Lande. Dieser fatale Zusammenhang ist es auch, . der dem Beilis- Prozeß sein spezifisches Gepräge verlieh und ihn zur Sache der gesamten Demokratie Rußlands machte. Nicht nur im Namen der Kultur und Menschlichkeit, sondern auch im Namen der politischen Befreiung des Landes erhob die gesamte Demokratie Rußlands ihre Srimme gegen den niederträchtigen Anschlag der kontrereoolutionären Pogromistenbande. Am Tage der Eröffnung veranstalteten die Arbeiter in den verschiedensten Orten Rußlands Protestversammlungen und Straßendemonstrationen, um gegen die wilden Verfolgungen der Arbeiterpresse und Arbeiterorganisationen und zugleich gegen den barvarischen Schauerprozeß aü protestieren. „Die russische Reaktion", heißt es in einer der von Arbeitern angenommenen Resolutionen, „hat absichtlich die Beilis- Affäre geschaffen, um die Aufmerksamkeit der breiten Volksmassen von den wahren Ursachen ihres Elends abzuwenden. Aber gleichzeitig mit dem Gericht über Beilis wird ein anderes Gericht gehalten: das Gericht über seine Ankläger, das Gericht über die Reaktion. Das i>l das Gericht des klassenbewußten Proletariats, dem jede nationalistische Verhetzung fremd ist und das in ihr nur das Produkt des Menschenhaffes, das Produkt der entsetzlichen Rechtlosigkeit aller Völker Rußlands überhaupt und der Juden im besonderen erblickt. Indem wir gegen diese ungeheuerliche Anklage protestieren, erklären wir ausdrücklich, daß nur mit der Niederrmgung der Reaktion ihre Erzeugnisse — die Ritualmordzesse — verschwinden werden." Bereits die ersten Tage der Kiewer Gerichtsverhandlungen zeigten der breiten Oeffentlichkeit, auf welch morschem Fundament der Pogromistenprozeß aufgerichtet ist und mit welcher himmelschreienden Verhöhnung alles Rechtes und Gesetzes er von der zarifchen Regierung zustande gebracht wurde. Wie aber auch das formelle Urteil der Geschworenen in diesem Prozeß ausfallen mag: politisch wird er dem Zarismus gerade das Gegenteil davon bereiten, wozu er von diesem so teuflisch bestimmt wurde. „Befürchtung" des Bremer Gouverneurs vor einem Pogrom durch die Juden. Geradezu tragikomisch klingt die folgende Mitteilung aus Kiew: Der Gouverneur lud als Vertreter der jüdischen Gemeinde die Herren Rabbiner Gurewitsch und Leo Vrodski zu sich, um ihnen den Auftrag zu erteilen, daß sie auf die jüdische Bevölkerung einwirken, damit keine Exzesse entstehen. Er drohte zugleich, daß er, im Falle die Juden, die sich angeblich sehr aufgeregt geberden, einen Exzeß provozieren sollten, mit der allergrößten Strenge vorgehen würde. Er habe auch mit dem Führer der Antisemiten Rücksprache gepflogen und erwirkt, daß auch! von jener Seite keine 'Unruhen verursacht werden. Herr Brodsky beruhigte den Gouverneur dahin, daß er, was die Juden betrifft, gewiß keine Exzesse zu befürchten habe. Juden haben noch niemals Pogrome veranstaltet. Er, Brodsky selbst, sei überhaupt dagegen, daß die Juden ihrer Trauer über den Prozeß Ausdruck verleihen, weil es dem alten jüdischen Volke gar nicht gut anstehe, wegen der gegen dasselbe erfundenen Beschuldigungen und Lügen in Erregung zu geraten, zu einer Zeit, da bereits die ganze zivilisierte Menschheit von der Unrichtigkeit und Grundlosigkeit der Anschuldigungen überzeugt sei.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.