Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Sette 756 Dr. Blochs Wochenschrift Nr 41 haben freudig in großer Anzahl der Einladung Folge geleistet. Herr Dr. Markus Ehrenpreis, Grotzrabbiner von Bulgarien, der mit seiner Faplihe seit Wochen hier zur Erholung weilt, hatte die Liebenswürdigkeit, an die zahlreich Anwesenden eine begeisternde Ansprache zu halten, in welcher er besonders hervorhob, daß das vergangene Jahr auch uns Juden viel Leid und Weh gebracht hat und endete mit dem Wunsche, daß der Allmächtige unsere Gebete erhören und uns einer glücklicheren Zukunft entgegensühren möge! Die kantoralen Funktionen besorgte in hervorragender Weise Herr H. Grünjrld aus Budapest. Von den Anwesenden verdienen noch erwähnt zu werden die Herren: Oberrabbiner Dr. Joses Klein aus Lassan, Arthur Eppinger, der Fabrikant Herr Löivy aus Belgrad, Direktor Blum aus Prag, Simon Lifschitz aus Moskau, Jakob Nadel aus Lodz, Architekt Singer aus Berlin und viele andere, welche durch ihre edlen Spenden viele Wohltätigkeitsinstitute bedachten. Feuilleton. König tmfe Rabbiner. Es dürste wenig bekannt sein, daß der verstorbene König Eduard VII. von England seinen Thron gewissermaßen dem jüdischen Rabbiner Nathan Adler in London zu verdanken hat. Dr. Adolph Kohut berichtet darüber in dem in einigen Tagen erscheinenden hochinteressanten Buche „Gekrönte und ungekrönte Iudenfreunde" (Verlag Dr. Basch & Co., Berlin, Preis broschiert 3 Mk, in Leinenbänd 4.— Mk.) folgendes: Das erstgeborene Kind der Königin Viktoria war bekanntlich eine Tochter, die nachmalige Kaiserin Friederich. Der englische Kronprinz Eduard wurde erst später geboren. Nun warteten sowohl das britische Volr als auch die königliche Familie mit Ungeduld auf die Geburt eines Prinzen. Die Königin Viktoria, die Mutterfreuden entgegensah, war schwer erkrankt imd weilte zur Erholung in Italien und auf Anraten der Aerzte sollte die Monarchin während der Zeit ihrer Entbindung ii.j Italien bleiben, womit auch die königliche Familie einverstanden war. Die Zeitungsnachricht hierüber drang auch zu den Ohren des Rabbiners Nathan Adler. Er erbat sich eine Audienz beim Minister des Auswärtigen, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß nach der englischen Verfassung nur derjenige englische Prinz den Thron erben könnte, der auf englischem Boden das Licht der Welt erblickt Habe. Sollte nun die Königin von England in Italien einem Prinzen das Leben schenken, so wäre er nach der englischen Verfassung von der Thronfolge ausgeschlossen. Der Minister verständigte hiervon den Hof, wo diese Mitteilung große lleberraschung und Bestürzung hervorrief, denn man hatte diese Eventualität nicht berücksichtigt. So wurde denn Königin Viktoria trotz ihres leidenden Zustandes nach England überführt, wo sie bald darauf eines' Prinzen, des Thronerben, genas. Die königliche Familie hatte diesen Dienst dem Rabbi nie vergessen. Bekanntlich wurde Nathan Adler in dankbarer Anerkennung seines Ratschlages zum Chief-Rabbi von ganz England ernannt und gründete gewissermatzen selbst eine Rabbiner-Dynastie. Nach seinem Tode wurde sein Sohn Dr. Hermann Adler zum Chief-Rabbi ernannt und wie der Alte, so erfreute sich auch sein Sohn der wärmsten Sympathien des Königs. Kohut weitz auch sonst recht Interessantes über die Sympathien zu berichten, die König Eduard den Juden entgegenbrachte: Während der Regierung Eduard VII. bekleideten hervorragende Politiker und Staatsmänner jüdischen Glaubens hohe Staatsämter. Es waren dies unter anderen Samuel Speier, Samuel Marcus, Georg Phillipps und Arthur Cohen. Der genannte Sir Samuel Marcus wurde wiederholt zutzn Lord-Mayor von London gewählt und diese Wahl wurde mit Freuden vom Könige bestätigt. Bezeichnend für das stolze Bewußtsein des jüdischen Lord-Mayors war der Umstand, daß er zu dem feierlichen Bankett, das er als städtisches Oberhaupt Londons alljährlich zu geben pflegte, alle stemden Gesandten, mit Ausnahme des rumänischen, wiegen der judenfeindlichen Haltung dieses Staates, einlud. Aus demselben Grunde folgte er auch nicht der an ihn ergangenen Einladung zu den Iubiläumsfeierlichkeiten nach St. Petersburg. Wie sehr der König an den Grundsätzen der Gleichberechtigung sesthielt, wurde auch durch die Tatsache bewiesen, datz ein gläubiger Israelit Sir Matthew Nathan den wichtigen Posten eines Gouverneurs der Stadt Hongkong durch Mn erhielt. Dieser selbe Sir Matthew Nathan soll früher zum Militär-Attachee der englischen Botschaft in Berlin bestimmt gewesen sein, doch soll diese Ernennung an dem Widerstand von Berlin gescheitert sein. Später wurde ihm der Posten des Gouverneurs der großen südafrikanischen Kolonie Natal zugewiesen. Als ein ferneres Zeichen der philosemitischen Gesinnung des Monarchen sei hier noch angeführt, datz das Amt eines Generaldirektors der Posten in Indien, der einen viel weiteren und einflußreicheren Wirkungskreis besitzt, als der deutsche Staatssekretär des Reichspostamts, von dem Monarchen einem Juden namens Kisch überwiesen wurde. Demselben. Bekenntnis gehörte auch der Bürgermeister des Hauptortes des als antisemitisch verrufenen Britisch-Nordafrika, von Kapstadt, an, namens H. Liebermann. Er war zugleich erster Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde, als welcher er aim 13. September 1905 die Eröffnung der großen Synagoge in feierlicher Weise vollzog. Auch im britischen Kolonialstaal in Westaustralien ist von Eduard VII. die Verwaltung des Reichsdepartements einem Juden Matthew L. Moß übertragen worden. Dieser Moß war vorher schon zweimal Minister ohne Portefeuille. Der Philanthrop und Führer der orthodoxen Partei unter den englischen Juden, Sir Samuel Montagu, wurde ttotz seiner politisch-radikalen Richtung von dem König zum Lord Swaitthing ernannt. Später wurde er Unterstaatssekretär von Indien. Der Monarch nahm absolut keinen Anstoß daran, ihn sowohl wie den bereits genannten Herbert Samuel zu Ministern zu ernennen, ohne datz sie es nötig gehabt hätten, ihre Religion zu „changieren". Im Jahre 1907 erschienen in Kanada die Minister Patterson und Avleswolth in einer jüdischen Versammlung, um im Namen des Königs die Erklärung abzugeben, daß beide die Einwanderung der unglücklichen Juden Rußlands nach England und Kanada mit voller Sympathie begrüßen und diesbezügliche Pläne gern unterstützen. In Kanada sei einem jeden Freiheit und bürgerliche Gleichheit gewährt. Wirklich wanderten dort schon während eines Jahres nicht weniger als 7127 Juden ein, worunter sich 6055 Russen befanden. Ihrer Beschäftigung nach zählten 183 zu Geschäftsleuten, während 267 die Landwirtschaft und 1870 ein Handwerk befrieden. 389 gehörten dem Arbeiterstand und 5 dem Bergbau an, welche statistische Daten in beredter Weise den oft erhobenen Vorwurf gegen die russischen Juden entkräften, als seien diese samt und sonders Schacherer und Hausierer. Hohe Achtung und lebhaftes persönliches Wohlwollen bekundete der König auch für einen Engländer deutscher Abstammung, der früher dem Judentum angehörte,- den höchgefeierten und hochverdienten Philanthropen Sir Ernest Cassel, den er zum Mitglied des Geheimen Rates ernannte. Bekanntlich hat dieser edle Wohltäter ein überaus hochherziges Werk zugunsten des