Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022077--22542-3047693- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
(Bette 746 Dk. Blvchs werden wird. Bei dieser Gelegenheit wird von dem Vereine angesichts der zahlreichen bedeutungsvollen Manifestationen der letzten Tage auch die anläßlich der Polnaer Tragödie von einer erlesenen Vereinigung, nämlich dem damals tagenden XII. Orientalisten- Kongresse, über Antrag des Kirchenrates Prof. Kautzsch aus Halle erlasiene Kundgebung in Erinnerung gebracht, die also lautet: „Die zum zwölften internationalen Kongresse in Rom verfammetten Orientalisten erachten es angesichts der neuesten Vorgänge als PfliM, auszusprechen, datz die Veschnldignnq. als hatten jemals irgend welche für Anhänger der jüdischen Religion geltende Vorschriften die Benützung von Christenblut für*rituelle Zwecke gefordert oder auch nur angedeutet, schlechthin unsinnig und des zu Ende gchenden IS. Jahrhundertes unwürdig ist." Der Prozeß. Am 6. d. begann die Session jener Abteilung des Kiew er Bezirksgerichtes, vor welcher der Beilis-Prozetz zur Verhandlung gelangt. Von 33 Geschworenen sind 27 erschienen, darunter nur fünf Angehörige der gebildeten Stände; von den neun Angehörigen dieser Stände haben es vier vorgezogen, fernzubleiben. Zur Vermeidung von Manifestationen wird, wie verlautet, Beilis nächtlicherweile ins Gerichtsgebäude geschafft. ... Von hervorragenden orthodoxen Rabbinern wurde folgendes Gebet für Synagogen aufgesetzt: „Erbarme dich über uns, befreie uns von dunklen Flecken blutiger Verleumdung, die gegen uns und die heilige Thora erhoben wird. Wir beten zu dir: Von der Höhe des Himmels verteidige unser Volk während des Kiewer Gerichts. Lehre uns, wie wir den Triumph der Wahrheit durchsetzen können. Mögen die Feinde verstummen, die uns fälschlich anklagen, erleuchte die Richter mit dem Lichte der Wahrheit, damit sie das Recht finden. Nicht für uns, sondern für die. heilige Thora bitten wir um Freisprechung, damit die Völker deine Gerechtigkeit und die Wahrhaftigkeit der Thora erkennen. Hilf uns unschuldig Leidenden!" Die jüdische Bevölkerung Kiews wird während des ganzen Prozesses ihre Trauer durch Fernbleiben von allen Vergnügungen ausdrücken. Am Donnerstag wird die jüdische Gemeinde in allen hiesigen Synagogen besondere Gottesdienste veranstalten. Die Abendzeitung „Poslednija Nowosti" ist wegen Abdrucks des obigen Gebetes für Beilis konfisziert worden. Der Justizminister begibt sich nach Livadia, um dem Zaren persönlich über den Fortgang des Prozesses zu berichten. Dem Umstand, datz, der Führer der jungrussischen Partei und Bruder des Ministers des Innern Wladimir Maklakow, ein sehr geschätzter Anwalt, die Führung der Verteidigung übernommen hat, wird auch politische Bedeutung zugeschrieben. Unter den zahlreichen vorgeladenen Zeugen befindet sich auch der katholische Geistliche Prainatis, der als Stütze der Ritualmordanklage austritt, während der einzige vorgeladene orthodoxe Geistliche gegen den Ritualmordglauben auftritt. Firmane -er Sultane gegen das Ritualmordmärchen Man schreibt der „N. I. K" aus Konstantinopel: Im Zeitalter des Beilis-Prozesses liest man nicht ohne Bewegung den Text zweier Firmane (kaiserlicher Schutzbriefe), die von den Sultanen Abdul-Medjid (1840) und Abdul Asis (1860) gegen das von christlichen Fanatikern verbreitete Ritualmordmärchen erlassen worden sind. Der genaue Wortlaut der Firmane findet sich in dem Werk „Essai sur l’Histoire des Israelites de 1’Empire Ottoman“, von M. Franco (erschienen in Paris 1897 bei Durlacher). In dem ersten Firman heitzt es mit Bezug auf die damals gegen die Juden in Damaskus und Rhodus gerichtete Blutbeschuldigung: - „Vor nicht langer Zeit sind Wochenschrift * 41 einige Juden von Rhodus nach Konstantinopel berufen worden, um sich zu verantworten, doch sind sie als unschuldig befunden worden. Außerdem sind alle religiösen Bücher der Juden von sachverständigen Männern geprüft worden, die die hebräische Sprache vollständig beherrschen. Bei dieser Prüfung hat sich ergeben, datz die Juden nicht nur kein Menschenblut, sondern nicht einmal tierisches Blut verwenden. Auf Grund dessen schließen wir, datz die Beschuldigungen gegen die Juden auf reinen Verleumdungen beruhen." Der Firman verbietet dann jede Belästigung der Juden, verbürgt ihnen ihre Gleichberechtigung mit allen anderen Untertanen und die freie Ausübung ihrer religiösen Bräuche. Der Firman des Sultans Abdul Akts vom Jahre 1860 ist an den Polizeiminister gerichtet und bestätigt die Bestimmungen des ersten Firmans. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Tätigkett der B'nai B'rith in Amerika. Der Präsident des Verbandes der B'nai B'rith, Advokat Adolf Kraus in Chicago, hat vor kurzem einen Bericht der Tätigkeit der B'nai B'rith während des Balkankrieges veröffentlicht, dem wir die folgenden wichtigen Daten entnehmen: „Gleich nach Ausbruch des Balkankrieges war sich die Zentralleitung der B'nai B'rith darüber klar, datz durch diese Ereignisse in der Rechtsfrage der Balkanjuden eine Aenderung zum Schlechteren eintreten werde. Am 12. November 1912 erließ die Zentralleitung an das Präsidium der ersten englischen Loge in London die Ordre, die englische Regierung unverzüglich darauf aufmerksam zu machen, daß eine Verschiebung der Betriebsverhältnisse auf dem Balkan die Rechtslage der Juden gefährden müsse, wogegen rechtzeitig 'Präventivschritte unternommen werden müssen. Dieser Auftrag wurde im Dezember 1912 abermals in dringender Weise wiederholt und am 6. Januar 1913 fand in Washington eine Versammlung der Delegierten aller Logen von Amerika statt, in welcher die Lage der Juden auf dem Balkan einer genauen Erörterung unterzogen wurde. In dieser Konferenz wurde beschlossen, den bedrängten rumänischen Juden zu Hilfe zu eilen. Die in dieser Konferenz gefaßte Resolution wurde der amerikanischen Regierung übermittelt. Als es sich darum handelte, datz Bulgarien an Rumänien Gebietteile abtrete, wurden die angesehenen Mitglieder des Verbandes Simon Wolf und Louis Marshall beauftragt, die Agitation in dieser Angelegenheit in Angriff zu nehmen. Bald hatte sich auch die gesamte amerikanische Presse der Frage bemächtigt und zu ihr wiederholt in längeren Artikeln in günstigem Sinne Stellung genommen. Diese Agitation wurde während des ganzen Sommers ununterbrochen fortgeführt und als die Bukarester Friedenskonferenz zusammentrat, hat die amerikanische Regierung an die Konferenz die Forderung gerichtet, in den Friedensvertrag eine Separatbestimmung aufzunehmen, durch welche den Juden in allen Teilen des Balkans die volle Gleichberechtigung mit der übrigen Bevölkerung der betreffenden. Länder zugesichert wird. Wie erinnerlich, hat damals Majorescu -namens der rumänischen Regierung versichert, datz den Juden der von Bulgarien übernommenen Gebiete die bisherigen Rechte gewahrt bleiben. In dem Berichte wird nebst einem Dank an den Minister Bryan für seine bisherigen aufrichtigen Bemühungen zugunsten der rumänischen Juden auch die" Meinung ausgesprochen, datz die Agitation nicht eher aufhören würde, als bis Rumänien seinen Verpflichtungen den Juden gegenüber in vollem Matze gerecht geworden ist.