Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 742 SU. 41 Dr. Blocks Wochenschrift Instanzen und neuerdings die ausgezeichnetesten Christen aller Länder sie verurteilt haben? Ich habe vorhin vom Stehlen, Rauben und Plündern gesprochen. Wer denkt dabei nicht an die russischen Pogrome und an die unausgesetzte Verfolgung, der die Juden in Rutzland preisgegeben sind? Ist das nicht eine Verfolgung von Religions wegen, die die Juden für vogelfrei erklärt und Dreben, Räubern und Mördern ausliefert, bloß weil sie Juden sind und ihrer Religion treu bleiben? Rußland braucht die Ritualmordanklage gegen die Juden, um sie von sich abzuwützen. Es selbst begeht den Ritualmord, und den Juden legt sie ihn zur Last nach dem hebräischen Sprichwort: „Es sind die eigenen Fehler und Sünden, die der Mensch an anderen geißelt." Das ist der Grund, weshalb Rußland vor den Stimmen der ausgezeichnetesten Männer der Christenheit, die die Ritualmordanklage verdammen, hartnäckig seine Ohren verschließt. _ Deshalb muß ich dieser Anklage noch ein viertes Prädikat beilegen. Sie ist nicht bloß traurig, empörend und unsinnig, sie ist auch böswillig, ich darf wohl sagen, infam. Wer die Wahrheit nicht hören will und nur der Lüge und Verleumdung sein Ohr leiht, dem ist keine bona fides, kein guter Glaube zuzubilligen. Wir Juden haben, wie ich schon vor 14 Jahren bei einer ähnlichen Gelegenheit in diesem Saale gesagt habe, den Grundsatz: „Das Siegel Gottes ist die Wahrheit." Die Ritualmordankläge aber ist eine infame Lüge. Nicht wir Juden waren jemals, noch sind wir die Brunnenvergifter. Die eigentlichen Brunnenvergifter sind diejenigen^ die den lauteren Qüell der Wahrheit mit der Lüge und Verleumdung verunreinigen, die die kristallhellen Wasserläufe der Humanität und Nächstenliebe mit dem Unrat des Glaubens- und Rassenhasses verschütten. Es ist wahr: die jüdische Geschichte ist mit Blut geschrieben, aber es ist kein fremdes Blut, kein Andersgläubigen abgezapftes Blut, womit sie geschrieben ist, es ist unserer Väter Blut, das sie für ihren Glauben vergossen haben. DiesW Blut hat in den Kreuzzügen die Wogen des Rheins rot gefärbt. Dort in jenen Gegenden und in jenen Zeiten mag man dem Ritualmord nachforschen, man mag die tausende erschlagener oder ertränkter jüdischer Männer, Frauen und. Kinder heraufbeschwören und sie befragen — sie werden von dem a n ihnen, nicht v o n ihnen verübten Ritualmord eine Geschichte erzählen, daß noch die Gegenwart aus Scham davor erröten wird. Aber die jüdische Geschichte ist auch für unsere Verfolger lehrreich. Auch Rußland kann daraus lernen. Es wird daraus ersehen, daß die verfolgten und unterdrückten Juden ihre mächtigsten Verfolger und Unterdrücker überlebt haben. Nicht aus den Knochen der Juden ist ihr Rächer entstanden sondern sic haben es erlebt,wie Egypten Assyrier, Badykomen vor ihren Augen vonr Erdboden verschwunden fittb, und wenn die Weltgeschichte das Weltgericht ist, so werden sie es auch erleben, daß dereinst vor diesem oberstm Gerichtshof Rußland geradeso auf der Anklagebank sitzen wird, wie übermorgen das Judentum vor dem Gerichtshof in Kiew. (Lebhafter Beifall. Die Versammlung erhebt sich, bereitet dem Redner stürmische Ovation.) Die Resolution. Der Versammlung würde folgende Resolution zur Beschlußfassung vorgelegt: „Die heute im großen Musikvereinssaale in Wien tagende Versammlung der Vertreter der gesamten Judenschaft Oesterreichs erhebt in tiefinnerster Empörung feierliche Verwahrung dagegen, daß in dem am 8. Oktober 1913 beginnenden Prozeß gegen den Juden Beilis in Kiew vom öffentlichen Ankläger die Klage auf jüdischen Ritualmord erhöben wird. Die österreichische Judenschast erneuert heute den Protest gegen die ihrer Religion angetane Schmach, gegen die Beschimpfung ihres altehrwürdigen Glaubens und seiner Grundlehren, gegen die freventliche Auffrischung des unheilvollen, wahnwitzigen Blütmärchens, dem Tausende ihrer Glaubensbrüder zum Opfer gefallen sind und das auch jetzt, im Beilisprozeß, unter staatlichem Schutz in die Volksmassen getragen wird. Oeffentlich und feierlich verweist sie auf die heiligen Bücher, auf den Pentateuch, welcher schon vor Jahrtausenden die Reihe der Verbote mit dem strengsten Verbot des Mordes beginnt, auf den zum Gemeingut der gesamten Kulturmenschheit gewordenen Dekalog, dessen sechstes Gebot: „Du sollst nicht morden", auf das gesamte religiöse Schrifttum und die Tradition. Endlich verweist sie auf die Stimme zahlreicher erleuchteter Männer des Christentums; sie verkündet es laut und feierlich und immer wieder: Daß es einen jüdischen Ritualmord nirgends und niemals gibt oder gegeben hat und daß nur fanatischer Hatz diese wahnwitzige, lügenhafte Beschuldigung zu erbeben und immer wieder zu erneuern vermag." Unter stürmischen Ovationen für die beiden Redner wurde die Resolution einstimmig zum Beschluß erhoben, worauf der Vorsitzende Präsident Dr. Alfred Stern unter herrlichen Dankesworten an die erschienenen Teilnehmer die Versammlung für geschlossen erklärte. -i- * * Grotzer Beifall folgte der Verlesung eines Telegramms der Baronin Berta Suttner, welches lautete: „In Ehrung des teuren Andenkens an Artur Gundaccar Suttner, den Gründer des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, schließe ich mich aus tiefster Seele dem Protest gegen einen Prozeß an, der nicht minder finster und barbarisch begründet ist, wie etwa ein Herenprozetz. Berta v. Suttner." Es sind außerdem noch zahlreiche Zustimmungskundgebungen eingelangt, von welchen wir nachstehende hervorheben : „Als aufrichtiger Kämpfer für die Rechte des jüdischen Volkes schließe mich aus ganzem Herzen Ihrem Proteste gegen die barbarische und wahnwitzige Blutlüge, die gegenwärtig im Beilisprozesse ihre Orgien feiert, an und verurteile schärfstens diese ungeheuerliche Beschuldigung, die nur jene stigmatisiert, welche sie erheben. Lemberg. Abgeordneter Breiter." „Der Landestabbinerverein Ungarns protestiert mit Ihnen vereint in tiefster Entrüstung gegen die Blutbeschuldigung und beschwört feierlichst, daß das ganze jüdische Schrifttum jedweden Mord verdammt und jeden Blutgenutz strengstens verbietet, so wahr uns Gott helfe!" Das Präsidium: Dr. Schnitzer, Oberrabbiner, Komorn. Dr. Neumann, Oberrabbiner, Grotz-Kanizsa." „Die Repräsentanz der Landesjudenschaft im Königreiche Böhmen und die Judenschaft des Flachlandes Böhmen schließt sich Ihrem feierlichen Proteste gegen die Ritualmordlüge an, zur Wahrung der Ehre unserer heiligen Religion. Dü Sachs!, Obmann." Kultusgemeinde Prag: „Angesichts des allmächtigen Gottes erheben wir Vertreter der altehrwürdigen' tausendjährigen jüdischen Gemeinde .Prag vor der Mitwelt und der Nachwelt feierlich Einspruch gegen die zur Schmach des Jahrhunderts neuerlich gegen unsere Glaubensgenossen freventlich erhobene Anklage des Ritualmordes. Diese Verleumdung wurde von dem entarteten Heidentums in gleicher Weise gegen das Judentum und gegen das Christentum vorgebracht, zu allen Zeiten von den erleuchtetsten Häuptern beider Bekenntnisse als boshafte, jedes Grundes entbehrende Anschuldigung erklärt und als solche von den hervorragendsten Regenten, Staatsmännern und Vertretern der Wissenschaft verdammt. Wir rufen alle Mitmenschen, in denen der Sinn für Wahrheit, Recht und Menschlichkeit lebendig wirkt, auf, sich dem Proteste der gesamten gebildeten Welt gegen die Erneuerung eines grauen-