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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-03 · 40 (3.10.1913) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
40 (3.10.1913)
Date
1913-10-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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N-. 40 Dr. BLochs Wochenschrift. Seite 719 leidenden Brüder. Denn nicht Materialisten sind wir, sondern die ewigen Idealisten. Und die wollen wir auch bleiben. Mag auch da und dort manch' ein Zweig von unserem Stamme fallen, verdorben und zerfressen nicht von dem jüdischen, sondern von dem allgemeinen. unsere Zeit noch immer beherrschenden Materialismus, das soll doch nicht unserem Volte den Ehrentitel: „ein Volt des Idealismus" entreißen und rauben. Am 6. Oktober wird in Wien die große Protestversammlung stattfinden gegen die Verlogenheit und Ungerechtigkeit des Ritualmordprozesses in Kiew. Wir wollen an diesem Tage unserer Entrüstung Ausdruck geben über dies Verbrechen an der Menschheitstultur. Aber auch die Hoffnung wollen wir aussprechen, daß die europäischen Völker doch einmal aufhören werden, dem Volte, das ihnen die Religion gegeben hat, das begeistert teilnimmt an allen Kuliurbestrebungen, das hingebungsvoll und opferwillig der Menschheit dient, den Dank dafür in Haß und Verleumdung abzustatten. So hoffen wir, daß der 6. Ottober nicht nur ein Tag des Protestes der österreichischen Zudenheit sein wird zugunsten ihrer Gkaubensbrüder in Rußland, sondern auch ein Tag erneuter Sammlung im Dienste des Idealismus. Wir wollen an diesem Tage unsere Solidarität dokumentieren, für die Ehre unserer Religion eintretm; es gilt, an diesem Tage Europa zu sagen, — was nicht oft genug gesagt werden kann — daß sechs Millionen Menschen dem niedrigsten Demagogentum zum Opfer hingeworfen werden. Am 6. Oktober wollen wir Materialisten die Fahne des Idealismus entrollen. Proteste der christliche« Intelligenz in Ungar« gegen die Klntlnge. Das Vudapester Blatt „Egyenlöseg" hat sich anläßlich des bevorstehenden Beilis-Prozesses an die angesehensten christlichen Persönlichkeiten auf politischem, juridischem, wissenschaftlichem und theologischem Gebiete um Meinungsäußerung zum Falle Veilis gewendet und veröffentlicht in seiner Mittwoch den 1. Ottober erscheinenden Nummer die folgenden Antwortschreiben: I. Dr. Alexander Venedet, Staatssekretär des Kultus- und Unterrichtsministeriums: Am 8. Ottober gelangt in Kiew abermals ein Prozeß, der Beilis-Prozeß, zur Schlußverhandlung, der den Kulturmenschen des 20. Jahrhunderts Entsetzen verursacht. Die Tisza-EsZlarer Blutbeschuldigung lebt wieder auf, und zwar in einem Staate, wo die Judenverfolgung historische Tradition ist. Es ist daher kein Wunder, daß die gebildete Welt ängstlich wartet, ob der Rassenhaß nicht die materielle Wahrheit verdunkeln werde. Die Wahrheit aber ist, daß die Blutbeschuldigung eine uralte Fabel und eine historische Lüge ist, der schon Christen (die ersten Christen) und auch Missionäre (in China) zum Opfer gefallen sind. Schon im zweiten Jahrhundert nach Christus haben die Kirchenväter sich gegen die Blutbeschuldigung verwahrt, gegen die gegen Christen erhobene Blutbeschuldigüng. Auch die Blutbeschuldigung gegen Juden ist ein Märchen und entquifft einer unreinen Qjuelle. Der christliche Geist muß mit Kraft sich gegen diese barbarische Anschuldigung verwahren, die schon durch päpstliche Bullen für falsch erklärt und von der christlichen Kirche einmütig verurteilt wird. Rach Papst Jnnozent IV. (1247) sind alle im Irrtum befangen, die da glauben, daß den Juden ihre Gesetze die Blutentnahme anbefehlen, denn in den jüdischen Gesetzen sei das gerade Gegenteil enthalten. Martin Luther hinwiederum (1533) schreibt von den Juden, daß „wir leider mit ihnen schlecht umgehen, sie mit Lüge anklagen, wie auch die Blutbeschuldigung einfach Tollheit ist." (20. Band, 2265. Seite.) Don den polnischen Königen haben Kasimir und Stefan Bathory durch königliche Dekrete verboten, Juden durch Blutbeschuldigungen zu beunruhig ein In unserem Vaterlande wurde mit den Tisza-Eszlarer Strafprozesse das Wesen der Blutbeschuldigung gewissermaßen ausprobiert. An der Budapester königlichen Tafel war der verewigte Farkas Szell der Referent, mit dem ich in intimer Freundschaft lebte. Wie oft hat dieser hochgebildete charakterfeste Richter vor mir das Wort Luthers, „daß es eine Tollheit ist", wiederholt. Aber bedarf es denn im 20. Jahrhundert noch gegen die Blutbeschuldigung eines historischen Beweises und eines plastischen Zeugen? Die Aufgeklärtheit und der Humanismus unseres Zeitalters sind lebendige Verwahrungen gegen die Ritualmordprozesse. Wie immer man auch in Kiew handeln möge, unsere jüdischen Mitbürger haben von den klaren Geistern und den ehrlich fühlenden Herzen bereits das freisprechende Urteil erhalten. Budapest, den 25. September 1913. Dr. Alexander Bene de k. II. Dr. Bela Vavrik, wirklicher Geheimrat, Vizepräsident des Magnatenhaujes, zweiter Präsident der königlichen ungarischen Kurie: Es ist sehr bedauerlich, daß die Zivilisation der christlichen Welt noch nicht so weit gekommen ist, um es überflüssig zu machen, gegen den hier und dort noch in seiner Mitte verborgen lebenden Fanatismus des Aberglaubens mit offener Verwahrung anzukämpfen. Wollen wir die Hoffnung ausfprechen, daß wie für so vieles andere so auch hiefür, wenn auch langsam, die Zeit kommen werde. Denn der Spukgeist der B l u t b e s ch u l d igung zieht seine verderbliche Nahrung aus demselben Boden, aus welchen noch vor einigen Jahrhunderten die Hexenprozesse emporgesprossen sind. Dieser Boden ist es, auf welchen der große deutsche Dichter anspielt, indem er sagt: „ . . .Doch das Schrecklichste der Schrecken, ist der Mensch in seinem Wahn." Der gute Geist der Menschheit wird auch diesen verscheuchen. Genehmigen Sie etc. Dr. Bela Vavrik. III. Dr. Desider Balthasar, reformierter Bischof: Die Zeit der Schlußverhandlung des Beilis-Prozesses naht heran. Als der unansehnliche Vertreter der Aufklärung und Menschenbrüderlichkeit halte ich es für meine Pflicht, vor der großen Öffentlichkeit zu erklären, daß ich die Blutbeschuldigung als eine Schande des Christentums ansehe. Vergebens wird bei der Verhandlung der Ritualmordprozesse das Judentum physisch auf die Anklagebank gezerrt, denn geistig sitzt doch das Christentum auf der Anklagebank. Dasjenige Christentum, das nicht fähig ist, seiner eigenen Wahrheit zu vertrauen, und an Stelle der ehrlichen Waffen, des Kampfes der Geister die Gewalt des Heidentums benützt, um Gegner zu überzeugen. In einem solchen Christentum liegt weder das Licht der Weisheit, noch die Wärme der Liebe. Ohne diese beiden aber bleibt das Christentum noch hinter dem Heidentums zurück, welches mit diesen Tugenden sich wenigstens nicht gebrüstet hat. Das Judentum lebt gemäß jenen weisen Gesetzen, von welchen der Heiland selbst sagte, daß er nicht sie zu beseitigen, sondern zu erfüllen gekommen. Zu erfüllen mit Liebe. Christus selbst beschimpft daher jeden Christ, der den Menschenmord als die Folge des jüdi-

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