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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-03 · 40 (3.10.1913) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
40 (3.10.1913)
Date
1913-10-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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©cm 718 a. 4 > Dr. Blochs Wochenschrift ven geehrten Lesern, Sönnern und freunden wünschen wir aus Anlass des Jahreswechsels N21S no^nm Die Redaktion der „Oesterreicbiscben Wocbenscbrift“ Dr. 30S. S. BLOCH. Mir Materialisten. Von Dr. I. Ziegler, Karlsbad. Jüngst stahl ich mir einige Stunden, um Vernarb Kellermanns Roman „Der Tunnel" zu lesen. Eine einzige jüdische Figur spielt in der Erzählung: ein abscheulich-widerlicher Mensch, mit dem uns nicht einmal die einzige Tugend versöhnen kann, die der Schriftsteller ihm läßt: die Kindesliebe. Was sind alle Amerikaner des Romans, selbst der Trustmagnat Lloyd miteingeschlossen, für Idealisten gegen diesen scheußlichen Menschen! Warum Kellermann den Juden Wolff sich gerade für diesen Typus gewählt hat? Du mein Gott, wen ^>enn? Jude und Materialist sind eben eins nach dem Katechismus unserer Zeit. Und daß manche moderne Juden auf den ersten Blick den Eindruck machen, ist unleugbar. Erwerbgier und Genuß, verbunden mit einer gewissen zynischen Lebensanschauung sind die Kennzeichen des Materialisten — das Wort hier natürlich nur in seiner volkstümlichen Bedeutung genommen. Der Jude von heute scheint nun wirklich nichts anderes zu kennen, als die Hast nach dem Golde und die Sucht nach Genuß. Wer füllt die Turfplätze, Theater, Konzerte, Kaffeehäuser? Der Jude. Wer fällt zuerst auf in allen fashionablen Badeorten, in den luxuriösesten Hotels? Der Jude. Ist diese Klage nicht auch unser täglich Brot? Ich glaube aber, daß uns auch hier, wie immer und überall, bitter Unrecht geschieht, intra et extra muros Es ist an der Zeit, einmal an einem Neujahrstage nicht unserer Sünden, sondern unserer Vorzüge in .einigen Punkten zu gedenken: auch das hat seine sittliche Berechtigung. Fassen wir vorerst unser Wohltätigkeitsbudget ins Auge. Zeigt das wirklich den bodenlosen Egoisten und Materialisten? Man vergleiche die Ausgaben der jüdischen Mittelklasse für humanitäre Zwecke mit denen der christlichen. Wir besitzen musterhafte Kranken-, Siechen- und Waisenhäuser, Kinderhorte. Arbeitsnachweise, Freitische, Ferienheime, wer gründet und erhält die? Welcher Unterstützung erfteuen sich die von Seiten des Staates, des Landes, der Städte? Und beteiligen wir uns nicht an Werken der Nächstenliebe, die nur Christen zugute kommen? Selbst wenn wir zugeben wollten, wir seien kapitalskräftiger als die christliche Mittelklasse, ist unser Wohltätigkeitskonto nicht selbst dann perzentuell ungleich größer? Wenden wir uns unserem Gemeindebudget zu. Gewiß, so klaglos opfert hier der moderne Jude nicht. Aber, er klagt und murrt und — zahlt. Der Jude, der unverhältnismäßig hoch sich schon besteuert, wo es sich um Förderung humanitärer Institutionen handelt, hat jährlich eine recht erkleckliche Summe zu zahlen an Kultussteuer, an Tempelsitzen, an Abgaben bei freudigen und traurigen Anlässen. Und wie relativ klein ist die Zahl der Unzufriedenen! Das sind unsere Materialisten. , . Ein dritter Punkt: Die zionistische Bewegung. Man stelle sich zu ihr wie man wolle, ich selbst bin kein Parteimann: eine idealistischere Bewegung kenne ich nicht in der Geschichte unseres Jahrhunderts. Und mit welchen Opfern an Zeit und Mühe und Sorge wird sie propagiert unf) erhallen. Winken da Orden etwa> Titel, Auszeichnungen, finanzielle Vorteile, Lebensstellung? Nichts von alledem. Und doch stellen sich Tausende in ihren Dienst, und Tausende unserer Jünglinge und Mädchen scharen sich um diese Fahne.. Das i st der jüdische Materialismus. Seitdem die israelitische Prophetie das goldene Zeitalter der Menschheit aus dem Paradiese der Urzeit in die Zukunft verlegt und getragen hat, ist des Judentums Leitwort: Es wird und muß besser werden, unausbleiblich ist der sittlich-geistige Fortschritt. Schwer haben uns die Nationen diese Zukunftshoffnung immer gemacht, fast unerträglich schwer. Unsere Greise hat man niedergestoßen, unsere Frauen geschändet, unsere Jünglinge gemordet, unsere Gotteshäuser eingeäschert, unsere Thorarollen zerfetzt und zertreten, unsere Habe geraubt und geplündert. Und trotz alledem! Diese jüdischen Materialisten haben nicht einen Augenblick die Zuversicht aufgegeben: es wird dennoch besser werden. Und heute! Wird irgend einem Volke das Vertrauen auf die Menschheit, auf Wahrheit und Gerechtigkeit mehr erschwert als uns? Das uns zugeschworene Recht wird mit Füßen getreten, der Eintritt unserer Besten in den Staatsdienst von der Taufe abhängig gemacht: im Erwerbsleben werden wir auf Schritt und Tritt zurückgedrängt, Banken und Industrien, die wir gegründet haben, die durch jüdische Betriebsamkeit groß geworden sind, verschließen ihre Türen unseren Kindern. So kämpfen heute die idealistischen Völker gegen bte jüdi'schen MAteriäNst'enl' Und wie ist es um die Wahrheit bestellt? Hilsner schmachtet im Gefängnis, weil eine bei uns noch immer allmächtige Partei es zu hintertreiben weiß, daß einem Unschuldigen Gerechtigkeit werde, damit ihr das prächtige Agitationsmittel „Ritualmord" erhalten bleibe. Und diese Leute rufen zum Kampfe auf gegen den jüdischen Materialismus! Und ist etwas anderes die treibende Kraft im Beilisprozeß, der am 8. Oktober in Kiew beginnen soll? Der Vorsitzende des Kiewer Gerichtshofes erklärte ausdrücklich, er denke gar nicht daran, mit dem Beilisprozeß das jüdische Volk in seiner Gänze zu treffen. Wie wäre das aber möglich? Braucht man Christenblut zu rituellen Zwecken, dann gilt die Anklage der jüdischen Religion, somit allen, die sich zu ihr bebekennen, d. h. der jüdischen Gesamtheit, sie sei orthodox oder liberal. Doch wozu die Maske? Was soll die Tartüfferie? In Kiew handelt es sich um die Stigmatisierung des Judentums in erster Linie vor dem Kaiser selbst, auf dessen ausdrücklichen Befehl dieser Prozeß angeblich geführt wird. Es soll der Möglichkeit, daß der Zar irgend einmal wieder zugunsten der Juden beeinflußt werden könnte, durch diesen Prozeß ein unverrückbarer Riegel vorgeschoben werden. Das ist der Zweck des nackten Rechtsbruches, der sich in Kiew vorbereitet. Ob Beilis verurteilt wird oder nicht, der Prozeß als solcher „aus religiösem Fanatismus, zu rituellen Zwecken" ist eine Ungeheuerlichkeit, wie sie sich nicht sobald in der Geschichte der europäischen Unzivilisation wiederholen wird. Wäre es ein Wunder — und wer dürste es uns verargen — wenn wir Juden angesichts solcher Schandtaten unseren Idealismus wirklich verlören?! Und doch verlieren wir ihn nicht. Wir Materialisten halten fest an der großen Hoffnung, an die wir glauben: es wird doch noch besser werden für uns und für unsere

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