Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 40 (3.10.1913)
- Date
- 1913-10-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 720 Dr. Blochs scheu Geistes hinstellt. Mit der ganzen Empörung meines sittlichen Gefühles weise ich eine Solidarität zwischen mir und dem gehässigen, entstellten Christentum zurück. Indem ich zurückdenke an jene Bestialitäten, welche die Inquisition an meinen Vorfahren verübt hat, wende ich mich mit' dem Klassengefühle des gemeinsamen Schicksales und der Wärme der brüderlichen Liebe dem verfolgten Judentums zu. Und möge die schändliche Kiew er Verhandlung wie immer ausfallen, ich sehe das Judentum als ein moralisches Ganzes in dem intakten Vollbesitze aller ihrer Werte und Verdienste aus dem politischen System der widerwärtigen Hinterhalte hervorgehen. Empfangen Sie etc. Dr. Desider Balthasar. IV. Dr. Alexander Gießwein, Kanonikus, Reichstagsabgeordneter, Präsident der christlichsozialen Partei: Ich gestehe, daß ich die Einzelheiten, ja selbst das Meritum desBeilisprozesses nicht kenne, und weih daher nicht, ob hier von einer neuen Erscheinung der Ritualmordlegende oder von einem Strafprozesse die Rede ist. Ich kann mich bei solcher Unorientiertheit daher nur allgemein äußern. Ich muß aber für alle Fälle es verurteilen, daß selbst, wenn es sich um ein wirkliches Verbrechen handelt, dieses mit der Blutbeschuldigung im Zusammenhang gebracht wird und daß man wegen eines eventuellen Verbrechers eine ganze Nation und Konfession anschwärzen und unter das Volk die Keime des religiösen und Rassenhasses säen möchte. Gegen ein solches Vorgehen müssen wir im Namen des Humanismus auf das Entschiedenste Verwahrung einlegen. Mit aufrichtiger Hochachtung Dr. Alexander G.ießwei n. V. Dr. Albert Berzeviczy, wirklicher Gehei mrat, Kultusminister i. R.: Die Ritualmordbeschuldigung halte ich im allgemeinen für eine Unmöglichkeit. Der Beilis- Fall selbst ist meiner Aufmerksamkeit in den Blättern entgangen, ich kann mich daher über ihn nicht eingehend äußern. VI. Dr. Georg Lukacs, wirklicher Geheimrat, Kultusminister i. R.: Die sogenannte Blutbeschuldigung ist die verwilderte zügellose Verkörperung der religiösen und nationalen Unduldsamkeit. Mit dem Fortschritte der Kultur tritt diese widersinnige Beschuldigung des Ritualmordes immer seltener auf. Auch die ungarische Gesellschaft hat vor 31 Jahren ein solch grauenhaftes Schauspiel miterlebt, das — wie alle ähnlichen tollen Attentate — damit endete, daß die Blutbeschuldigung sich als grundloses Hirngespinst aufgehetzter Köpfe erwiesen hat. Ich zweifle nicht daran, daß auch der Beilis-Prozeß mit demselben Resultate enden wird. Georg Lukacs. VII. Dr. Gabriel Antal, reformierter Bischof: Ich bin der Meinung, daß ich der mir zugefallenen Aufgabe entspreche, wenn ich mich bemühe, mit meiner geringen Kraft und meinen Fähigkeiten gegen die in unserem Vaterlande auftauchenden ähnlichen Vorurteile, Befangenheit und Beschränktheit anzukämpfen. Gerade deshalb und weil ich die Einzelheiten und die Akteure des Beilis-Prozesses nicht kenne, möchte ich mich in diese Angelegenheit nicht mengen, doch versteht es sjch von Wochenschrift Nr. 40 selbst, daß ich die Beschuldigung s e l b st vom prinzipiellen Standpunkte und nach meiner aufrichtigen Ueberzeügung verurteile und verda mm e. Genehmigen Sie etc. Dr. Gabriel A n t a l. VIII. Graf Albert Apponyi, wirklicher Geheimr-at, Kultusminister i. R., Reichstagsabgeordneter: Ich stimme vollständig mit jener Verurteilung der sogenannten Ritualmordbeschuldigung überein, welche ihr die gebildete Wett und in dieser gebildeten Welt auch die Autoritäten meiner Kirche teilhaftig werden lassen. Mit Entrüstung verurteile ich jede Verfolgung, die sich gegen das Judentum, sei es -unter diesem oder unter einem anderen Titel, richtet. Ich bezweifle jedoch stark, ob eine fremde Einmengung in eine vor dem Gerichte noch anhängige konkrete Angelegenheit, deren Antezedenzien und Inhalt ich nicht genau kenne, lohnend und zweckmäßig ist. Ich habe mich auch seinerzeit der im Interesse Finnlands in Bewegung gesetzten Aktion nicht angeschlossen, weil ich es voraussah, daß diese Aktion bei den kompetenten Faktoren des Zarenreiches als „inkompetente Einmischung" eher Starrsinn Hervorrufen werde, als Deferenz. Genau so denke ich auch in diesem Falle, aus welchem Grunde ich eine Nichteinmengung für wichtiger halte, aber ausschließlich aus diesem Grunde. Genehmigen Sie etc. Graf Albert Apponyi. IX. Der Theologieprofessor am erzbischöflichen Priesterseminar in Kalocsa,. Dr. Leopold Huber, verweist auf seine Aeußerung, die er auf Grund eingehenden Studiums des Talmud bereits einmal über "die Haltlosigkeit der Blutbeschuldigung getan hat. Kundgebung der tschechischen Intelligenz gegen den Kiewer Prozeß. „In Kiew wurde gegen den jüdischen Kleinbürger Veilis der fürchterliche Verdacht ausgesprochen, daß er den christlichen Knaben Iustschinsky ermordet habe, um sein Blut zu rituellen Zwecken zu' verwenden. Seit zwei Jahren schmachtet schon Beilis in der Untersuchungshaft, trotz zahlreicher Versuche ehrlicher russischer Männer, seine Unschuld zu erweisen, von der auch der erste Untersuchungsrichter, welcher sich um seine Entlassung eingesetzt hatte, überzeugt ist. Alles vergebens: die Agitation der russischen Reaktionäre hat gesiegt, die Untersuchung wurde unter dem Einfluß und der Kontrolle der ,,echten russischen Leute" fortgesetzt und das Resultat ist, daß gegen Beilis die Anklage wegen Ritualmordes erhoben wurde." ' „Der Ritualaberglaube lebt leider noch jetzt im Volke und wird oft zur fürchterlichsten Waffe in den Händen reaktionärer Kreise. Leider blieb nicht einmal unser Volk trotz seiner großen Tradition von Religionsfreiheit und Demokratie von dieser sittlichen Katastrophe verschont. Die Polnaer Affäre, welche im böhmischen Volke solche Verheerungen anrichtete, ist noch in lebhafter Erinnerung." „Um so mehr hallen wir Söhne des böhmischen Volkes als Slawen und fortschrittliche. Männer es für unsere Pflicht, im letzten Augenblicke Worte des Protestes zu erheben gegen den Aberglauben, der alle Gefühle der Menschlichkeit untergräbt." „Bisher hat der Ritualaberglaube sich bei den unwissenden Schichten der Bevölkerung erhalten, die juristischen und theologischen Autoritäten aller Nationen haben aber die Grundlosigkeit aller aus die Existenz des Ritualmordes gerichteten Behauptungen nachgewiesen.