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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-09-26 · 39 (26.9.1913) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Sette 712 Nr. 39 Dr. Blochs Wochenschrift gesellschaftlicher Gehässigkeit, veralteter Rassenvorurteile überschreiten, und sie kämpft dafür mit den gewaltigen und doch so kleinen Mitteln plutokratischer Macht und mit einer unerschütterlichen, oft aber wenig stolzen Zähigkeit. Diesen Typus „noch einmal mit ein paar Griffelzügen festzubannen, ehe er von der groben Zeitströmung „Assimilation" rettungslos verschlungen, von dem Sturmwind der Internationalisierung entwurzelt, von dem Feuer des Hasses verzerrt, oder was bei weitem das Schlimmste wäre — durch die laue Atmosphäre der Gleichgiltigkeit verblaßt und verwischt wird", hat sich die Verfasserin zur Aufgabe gesetzt. Frau Else Croner mag diesbezüglich beruhigt fein. Nicht die „Assimilation" wird diesen Typus rettungslos verschlingen, einfach deshalb nicht, weil er eine Erscheinung der Assimilation ist, und es steht zu befürchten, das; er lange genug dauern, ja, daß er diesen Essay, der seine Eigenart erhallen will, überdauern wird. Ls mühte denn sein, daß aus den Großstädten Europas der Mittelstand verschwände. Denn nicht das Jüdische gibt diesem Typus das charakteristische Gepräge, sondern das Bourgeoise. Die moderne deutsche Jüdin unterscheidet sich lediglich durch ihr höheres Intellekt von den andersgläubigen Schwestern derselben Kaste, aber sie hat bereits die gleichen Instinkte. Ihren Zug zur Moderne, gepaart mit einer gewissen traditionellen Anhänglichkeit am Althergebrachten, darf man keinesfalls überschätzen. Mit dem Aufgeben der eigenen Kultur geht eine ^sehc leichte Empfänglichkeit für alles Neue, Fremde und Frische Hand in Hand und oft hat diese fast neurasthenische Bereitwilligkeit, neuen Ideen Gefolgschaft zu leisten, eine verzweifelte Ähnlichkeit mit Snobismus. Die deutsche Jüdin ist, wenn man dem Gedankengange dieses Essays folgen will, eine seltsame Mischung asiatisch-alttestamentarischer und europäisch-christlicher Bestandteile. Diese Jüdin, richtiger die „Vollblutorientalin mit der asiatisch-jüdischen Kulturbasis, die nun imstande ist, zu ihrer allangestammten Kultur die christlich-deutsche Kultur restlos hinzu zu erwerben," stellt die Verfasserin als Trägerin einer zwiefachen Kultur über alle anderen Frauen der Erde. Ich halte diese Mischung für undurchführbar, dieses Verschmelzen zweier ganz antagonistischer Kulturen für Ideologie. Die eine oder andere Kultur muh unterliegen, wie wir es ja schon bei der modernen, deutschen Jüdin, die sich noch im Entwicklungsstadium befindet, längst beobachten können. Lediglich das Religiöse des Iudentumes und vorläufig noch eine gewisse geistige Potenz unterscheidet sie von ben Arierinnen. Die jüngeren Generationen zeigen bereits eine unverkennbare Neigung, im Germanismus aufzugehen, selbst die äuherlichen Merkmale ihrer Rasse sind im Zurückgehen begriffen. Die moderne Jüdin, so sehr sie noch als Gattin, Mutter, Schwester oder Tochter angestammte Züge zeigen mag, scheint mir doch schon ein symptomatischer Typus für einen Auflösungsprozeh der deutsch-jüdischen Rasse zu sein. Sie als ein Prototyp des jüdischen Modernismus aufzustellen, ist verfehlt. Ich möchte viel lieber das neue jüdische Weib dort suchen, wo die Abgeschlossenheit und Masse des Judentums eine Reinerhaltung^ der jüdischen Eigenart noch garantiert, im grauenvollen Dämmer Rußlands, in der orthodoxen Finsternis Galiziens, wo eine ganz andere moderne Jüdin als in Berlin W. an der Arbeit ist, um sich aus Not und Elend, aus Jammer und Bigotterie, aus Finsternis und Unkultur zu den lichten Reichen des Geistes zu erheben, um sich dem großen Heerbann anzuschliehen, welcher der Welt das neue Weib bringen will. Aber es ist für diesen Essay, der tatsächlich nur ein Versuch und keine Untersuchung ist, recht bezeichnend, dah er der östlichen Jüdin gegenüber auf einem Standpunkt steht, den selbst der Krämer aus Pinne in Posen bereits als oberflächlich und gehässig aufgegeben hat. Setzt es den objektiv Denkenden schon in nicht geringe Verwunderung,' die Jüdinnen anderer Länder in diesen Essay nicht einbezogen zu sehen, als sei die Berliner Jüdin eben nur die moderne Jüdin, so kennzeichnen gewisse unbedachte Ausfälle seinen Ernst genügend. Da heißt es an einer Stelle: „Man hat sich bedauerlicherweise daran gewöhnt, unter dem Begriff „Judenweib" etwas Verächtliches zu verstehen. Der Sprachgebrauch kennzeichnet heutzutage den gewöhnlichen, niedrigen, polnisch-jüdischen Frauentypus damit." Dies ist der Text einer Gesinnung über den Osten, die sich in gewissen deutsch-jüdischen Kreisen eingebürgert hat und die die „moderne Berliner Jüdin" besser kenn- - zeichnet, als der Essay es vermag. Auch über die russische Jüdin kann die Verfasserin nichts Günstiges zu sagen. Sie nimmt sich die Hannah aus Hauptmanns Drama „Gabriel Schillings Flucht" als Vorbild und kommt zu folgender Betrachtung: „Was Hauptmann hier schildert, diese wildgewordene Intellektuelle, ist zwar eine Jüdin, aber keine deutsche Jüdin, sondern eine russische." . . . „In Deutschland wäre dieser Typus unmöglich, weil die deutsche Kultur mit ihren hohen ethischen Werten viel zu tief in den Seelen der deutschen Jüdinnen Wurzel gefaßt hat." - In die Tiefe dieser Oberflächlichkeit zu steigen, bleibt mir leider versagt. Aber ich höre aus diesen Zeilen den Geist sprechen, welcher am Jomkippur faslet und dessen Jubeltag der Sedantag ist. Vielleicht ist der Verfasserin, welche hie und da auch jüdisch-national kommt, bekannt, dah das Schwergewicht jüdischer Kultur, deren Erhaltung ihr wichtig dünkt, im Osten zu finden ist, daß von dort aus die große Woge des Nationalismus ins Judentum gedrungen ist und daß sie dorthin zurückkehrt, wo der Herzschlag der ganzen Bewegung pocht. In diesem Osten nun ist die Eigenart der jüdischen Rasse noch genügend stark erhalten, so daß man von einem Volkstum sprechen kann, und ich wage den Typus einer „gewöhnlichen, niedrigen, polnisch-jüdischen Frau" einer Berliner Modedame, einer westlichen Modernen ä la Truth-Wertheim, welche von den hohen, ethischen Werten der deutschen Kultur genügend ausgenommen hat, vorzuziehen. Gewisse Kreise mag der Titel des Buches irreführen, in Oesterreichaber ist man längst hinter das Geheimnis gekommen: „Die moderne Jüdin" ist die moderne Israelitin. Aber mit einem so ausgezeichneten Schlagwort und mit einigen Binsenwahrheiten, die der Spießer als liebe, alte Bekannte in diesem Buche freudig begrüßt, wird es seinen Weg machen und wird einen begeisterten Widerhall in jenen Gegenden finden, wo der Geist des Judentums sich mit Hurrapatriotismus in staatsbürgerlicher Begeisterung vermischt. ' Thekla Blech-Merwin. Literatur. Em Vetter Heinrich! Heines. (Hermann Schiff.) Die deutsche Literaturwissenschaft geht , an vielen ihrer interessantesten Erscheinungen jahrelang mit merkwürdiger Nachlässigkeit vorüber. Sie ist nur zu sehr verstrickt in die unermüdliche Detailforschung aus dem Leben ihrer wenigen großen Dichter und übersieht darüber gerne all die zahlreichen kleineren Literaten, die freilich keine Ewigkeitswerte schufen, aber auf ihrem Gebiete vieles zur Befruchtung des deutschen Geisteslebens beitrugen. Einer von diesen Vielen, die sich bisher glänzendster Nichtbeachtung erfreuten, ist der Hamburger Hermann Schiff (1801—1867), dessen Lebensarbeit

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