Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Blochs Wochenschrift Sem 7vs datz es ihn wundere, datz der Wert des Buches Samuel als eines der ältesten und wohlgelungensten Versuche pragmatischer Geschichtsschreibung von der Geschichtswissenschaft noch nicht genügend gewürdigt worden sei. Mit diesem Buch Samuel hat sich nun in der medizinisch-historischen Sektion der 85. Naturforschern ersammlüng Dr. phil. und med. Hermann Algyogyi beschäftigt, der, wie kein anderer, durch seinen Doppelberuf als Orientalist und Mediziner berufen erscheint, über die medizinische Welt der Bibel zu forschen. So ist es dankenswert, daß er diese Welt an der Naturforscherversammlung zu Worte kommen ließ und das scheinbar Abgelegene des Themas nicht scheute. Dr. Algyogyi will auf Grund eines von ihm mit stupenden Fleitz gesammelten und gesichteten Materials in der Beulenpest, die die Philister zur Strafe für den Raub der Bundeslade befallen hat, in den „Ophalim" nur die Pocken erkennen, die ja auch bei ihrem ersten Auftreten bei einem Volke die verheerendsten Folgen hat. Mit Berufung auf Müller und -ftrall zerstört er Herodots Legende, die dem modernen Forscher besonders anmuten mühte, wenn er an die Verwandtschaft der Mäuse mit den Ratten und der Ratten mit dem Pestbazillus denkt, datz bei den Ostvölkern die Mäuse als Symbole der Pest gegolten hätten. Bekanntlich muhten nämlich die Philister als Sühnegeschenk der Bundeslade 5 goldene Mäuse darbringen, was schon an und für sich in Hitzigs und Wellhausens Augen die erwähnte Krankheit als Beulenpest deklarierte. Entfallen aber die Mäuse als Pestsymbol, so scheint es der philologischen und medizinischen Forschung offen, zu ergründen, was eigentlich die Ophalim waren, die vielfach als andere Krankheiten bezeichnet werden. Den anderen Forschern ist merkwürdigerweise eine Stelle im Deuteronomium 28. 21 entgangen, in der den Israeliten zur Strafe für eventuellen Ungehorsam unter vielen anderen Uebeln eben auch die „Ophalim" angedroht werden. Da die Beulenpest (Deber) aber gleich unter den allerersten Strafen steht, würde nicht zum Schluh sie unter einer andern Bezeichnung wiederholt werden. Algyogyi glaubt zum Schluh gelangen zu dürfen, dah die Philister sich bei den bereits immunisierten und früher durchseuchten Israeliten die Pocken geholt haben, die dann mit der Reise der Bundeslade von Ort zu Ort mitgezogen sind. Eine ausführliche Publikation behält sich der Vortragende für die Zukunft vor. C. Benedikt. Pros. Dr. Siegm. Herzberg-Fränkel. Unser verehrter Mitarbeiter, der greise Schriftsteller Herr Leo Herzberg-Fränkel, ist von einem harten Schicksalsschlag durch den Tod seines ausgezeichneten Sohnes, des Historikers Prof. Siegm. Herzberg- Fr ä n k e l, betroffen worden. In der „Neuen Fr. Presse" widmet Prof. Steinherz. Dekan der Prager philosophischen Fakultät, dem frühzeitig der Wissenschaft Entrissenen folgenden Nachruf: „Die deutsche Geschichtsforschung, deren Vertreter eben' jetzt in Wien versammelt waren, hat einen schweren Verlust erlitten. Am 19. d. verschied an einem Herzschlage Dr. Siegmund Herzberg- Fränkel, ordentlicher Professor der allgemeinen Geschichte an der Universität in Czernowih. Er hatte an den Verhandlungen des Historikertages mit dem regsten Interesse teilgenommen und noch den gestrigen Abend in einem Kreis von Freunden in der heitersten Stimmung verbracht, da ereilte ihn im Alter von 56 Jahren plötzlich der Tod. Die Universität Czernowitz, der er seit dem Jahre 1893 angehört hatte, wird seinen Verlust auf das tiefste beklagen, denn er hat als Dekan der philosophischen Fakultät und später als Rektor für das Aufblühen dieser Universität mit unendlichem Eifer und großem Erfolg gewirkt. Nicht zum geringsten ist es seiner Tätigkeit zuzuschreiben, datz die Czernowitzer Universität' im Kreise der gelehrten Schulen Deutschlands und Oesterreichs heute als vollkommen gleichwertig angesehen wird. Ebenso wird die gelehrte Forschung ' sein Hinscheiden schmerzlich empfinden.. Aus dem Institut für österreichische Geschichtsforschung hervorgegangen und unter den Schülern Sickels einer der angesehensten, hat Herzberg-Fränkel durch seine wissenschaftlichen Publikationen den Ruhm der Wiener Schule vermehrt. In dem großen, von Sickel herausgegebenen Werke „Kaiserurkunden in Abbildungen" hat er eine der schwierigsten Partien, die Urkunden aus der Zeit der ersten Habsburger, auf das gründlichste bearbeitet. Er gehörte zu jenen Gelehrten, welche durch eine glückliche Begabung die Ergebnisse ihrer Forschung auch über ihr Spezialgebiet hinaus fruchtbar zu gestalten wissen; es sei hier an seine schöne und aufschlußreiche Abhandlung über „Bestechung und Pfründenjagd am deutschen Königshof" erinnert. An dem größten wissenschaftlichen Unternehmen unserer Geschichtsforschung, an den Zlonnmenia O^rm tmae histoma, hat Herzberg-Fränkel ebenfalls durch eine wichtige Publikation teilgenommen, es ist seine Ausgabe der Salzburger Nekrologien, ein Werk, das für die mittelalterliche Ge-. schichte des Erzstiftes Salzburg unschätzbar ist. Es waren lange Jahre voll mühsamer Arbeit, die er diesem Werke gewidmet hat, und man darf sagen, daß er damit für Editionen ähnlicher Art ein Muster geschaffen hat. An diese beiden Hauptwerke schließen sich größere und kleinere Abhandlungen auf dem Gebiete der mittelalterlichen Geschichte und der historischen Hilfswissenschaften, jede ein Zeugnis voller Beherrschung des Stoffes und scharfsinniger Anwendung historischer Kritik. Auch aus dieser Reihe sei eine Abhandlung herausgehoben, die „Studien zur Wirtschaftsgeschichte des Klosters Nieder-Altaich", höchst wertvolle Arbeiten auf einem wenig bekannten Gebiet. Herzberg-Fränkel hat als Hochschullehrer und als Mann der Wissenschaft einen Namen in weiten Kreisen, Ansehen und Ehre erworben. Die ihm näher standen, rühmen alle seine Charaklerfestigkeit und Treue, seine leidenschaftliche Liebe zu unserem alten Oesterreich, sein warmes begeistertes Eintreten für alles Gute und Schöne. Er hatte nur Freunde, keinen Feind, und so war ihm das Geschick noch in den letzten Stunden hold: mitten aus einem Leben von Tätigkeit und Erfolg wurde er plötzlich abgerufen, .Krankheit und Siechtum blieben ihm erspart — um so härter sind seine Angehörigen, der große Kreis seiner Freunde und seine dankbaren Schüler durch den Verlust dieses ausgezeichneten Mannes getroffen." Prof. Herzberg-Fränkel war ein treuer Sohn seines Volkes und wenn er auch nicht gerne öffentlich hervortrat, war es doch bekannt,, datz er seine jüdische Abstammung und Nationalität mit Stolz betonte. Er hätte auch wiederholt Berufung nach dem Westen erhalten können, wenn er nicht eben seinem Volke treu geblieben wäre. Die Beerdigungsfeierlichkeit hat unter grober Teilnahme stattgefunden. In der Zeremonienhalle der israelitischen Abteilung des Zentralfriedhofes hatten sich eingesunden: Prorektor Hoftat Proffessor Dr. Oswald Redlich, Ministerialrat Dr. Egon Zweig, die Hoftäte Dr. Polek, Dr. Grabscheidt und Professor Dr. Przibram, Sektionsrat Leithe, der Vizedirektor der Universitätsbibliothek Regierungsrat Dr. Frankfurter, Stallhallereivizepräsident a. D. v. Fekete, die Professoren der Czernowitzer Universität Doktor Hilders, Dr. Kellner, Dr. Richard Wahle, Dr. Hahn, die Universitätsprofessoren Hüthner (Innsbruck), Dr. Mayör (Prag), Steinherz (Prag), die Professoren Dr. Köstler, Dr. Ludwig Singer, die Schriftsteller Dr. Dub und Dr. Josef S. Bkoch, Generaldirektor Ludwig Horch, die Advokaten Dr. Julius Löw und Dr. Hermann Wolf, Sanitätsrat Dr. Raubit sch ek, Landesgerichtsrat Dr. Rappaport und die Familie, sowie viele Freunde. Nachdem Kantor Mathyas die Trauergesänge vorgetragen, trat Professor Hilberg an den Sarg und nahm im Namen der Philosophischen Fakultät der Czernowitzer Universität von dem Toten Abschied. Dann sprach Prorektor Hoftat Dr. Redlich im Namen der Fachgenossen, die jetzt in Wien versammelt sind, und für das österreichische Institut für Geschichtsforschung. Er rühmte Herzberg- Fränkel als hervorragenden Historiker, der durch seine Leistungen zum Ruhme der Wiener Schule, aus der er hervorgegangen, viel beigetragen. Er war ein Forscher von unerschütterlicher Ausdauer und Treue, ein Mann von weitblickendem Geist, ein bedeutender Forscher und Gelehrter mit ausgebreiteten Kenntnissen, ein echt historisch-philosophischer Kopf, ein Mann von lauterem Charakter und vornehmer Gesinnung. Als letzter Redner