Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 698 39 Dr. Blochs Wochenschrift Europa vorherrschend gewesenen nationalen lleberschwanges und Rausches. Der Jude blieb sich seiner Abstammung wohl stets bewußt, allein der mehr spiritualistischen Veranlagung seiner Natur bedeutet das Blut eigentlich blutwenig: selbst der Talmud hat die Intelligenz des Bastard höher gewertet, als den alten Adel eines hohenpriesterlichen Idioten. Als der Nationalismus in Mode kam, wollten Juden nicht Zurückbleiben; sie waren ja immer „zeitgemäß" und kleideten sich nach dem Neuesten: sie wurden hier deutschnational, dort polnischnational, in Böhmen wiederum tschechischnational. Ja, man sah sie oft leider in vorderster Reihe der nationalen Stürmer. Die nationalen Parteien haben indes den Juden die nationale Hörigkeit schlecht gelohnt, ihnen zum Teil ohne weiteres die Türe gewiesen. So begannen diese endlich sich auf sich selber zu besinnen und wurden „jüdischnational", welcher Metamorphose das Erscheinen Theodor H e r z l s auf der politischen Bildfläche außerordentlich Vorschub leistete. Es vollzog sich solcherart eine Aenderung der nationalen Firma — nicht aber eine innere Wesensänderung. Gut „jüdischnational" ward jeder, der sich dazu bekannte. Der jüdische Nationalismus war in dieser Form wieder nur eine Art der Nachahmung, der Assimilation; man war jüdischnational, weil und wie die Arier deutschnational, polnischnational oder tschechischnational sind. Selbst die häßlichen Begleiterscheinungen des radikalen Nationalismus, die Roheit und Brutalität, wurden nicht verschmäht, hat man den Ariern abgeguckt, nur um als stramm national zu gelten. Nun aber zeigen sich Anzeichen einer neuen Erkenntnis; allerdings wie die ersten Strahlen der Morgensonne zunächst nur die.Linnen Hoher Berge beglänzen, vorerst nur noch in den obersten Parteikreisen. Allmählich aber wird das Licht auch in das Tal! gelangen. Der Zionismus hebräisiert sich, der jüdische Nationalismus ist im Begriffe, sein inneres Wesen zu judaisieren: er macht soeben einen Verjudungsprozetz durch. Schon die Beschlüsse auf der Konferenz der „Histadruth", daß sich seine Mitglieder auf dem Kongreß ausschließlich der hebr. Sprache zu bedienen haben, sowie daß in das zionistische A. C. kein neues Mitglied gewählt werden soll, welches der hebräischen Sprache nicht mächtig ist, haben deutlich die Richtung angezeigt, nach weichet die Entwicklung drängt. Dann kam der Kongreß. Der Beherrscher des XI. Kongresses war zweifellos der Russe Ussischkin. Er und Dr. Tschlenow sind die beiden hervorragenden Führer der russischen Zionisten. Tschlenow ist vielleicht der größere Redner, der die Zuhörer durch Sprachgewalt mit sich fortreißt; Ussischkin dagegen ist der bedeutendere Politiker, ein Mann von den stärksten Willens-Energien, die alle Widerstände bewältigen. Und er hat in der Tat den Kongreß beherrscht. Er hat Wolffsohn zum Präsidenten gemacht, er hat mit Wolffsohn das Kompromiß über die Bankfrage vereinbart — beides gegen die Widerstände der Oesterreicher und speziell der Galizier. In seinem Referat nahm der Antrag betreffend die Errichtung einer hebräischen Universität in Palästina den Hauptraum ein. Von seinem „Antrag" sagt die „Äazefirah", „es war mehr eine offizielle Kundmachung, denn ein Antrag". nr.’n i, .nxsnn vv2 xnpb nap ppirD-K mxann rx . ♦ ♦ .n o«n nmin ipst) bm pts b'jnm maan prrs pp©t5'x pöj »!vp p. "2 -12^2 nisbnn *]x n px '2 .n-yöwn oa wm irix im .niLvi r n22r.-,*mycD o*uaipn ea K“ip in« nn'i -owannb nmyn n-aDn \nn ■iw p» Ussischkin, unstreitig ein politischer Kopf, ohne politischer" Zionist zu sein, war noch zu Lebzeiten Herzls sein stärkster Antagonist, weil er den Traum des „Judenstaates" nie hoch eingeschätzt: er ist ein Fortsetzer der Traditionen des vorherrschen Zionismus, wie er in der Kattowitzer Konferenz und in der Arbeit der russischen „Chowewe Zion" zum Ausdruck gelangte. Ussischkin ist der eifrigste Verfechter des Hebraismus und hält seine Reden prinzipiell in hebräischer Sprache. Gelingt seine Arbeit, so wird in Palästina ein jüdisches Kulturzentrum geschaffen werden, welches auf das Judentum in der Diaspora von den günstigsten Rückwirkungen sein kann. Herr Ussischkin — das gestehe ich, hat meine volle Sympathie, und jeder, der es mit dem Judentum gut meint, muß ihm Erfolg wünschen. Ihm vor allem ist die bedeutsame Wandlung zu danken, die die Stellung des Hebräischen auf dem Kongreß erfahren hat. Der X. Kongreß war der erste, auf dem eine hebräische Sitzung abgehalten wurde. Diesmal ist sie zur natürlichen, dem Deutschen gleichberechtigten Kongreßsprache geworden. Alle Anträge wurden ins Hebräische übertragen und in keine andere Sprache sonst. Und man sieht schon den Tag kommen, wo das Hebräische die Sprache der Majorität des Kongresses sein wird. In der Konferenz der russischen Landsmannschaft wurde beschlossen, daß in Zukunft die Sprache ihrer Leitung und offiziellen Redner die hebräische ist, und unter rauschendem Beifall aller Teilnehmer der Grundsatz proklamiert, von heute an soll alle Welt es wissen, daß, wer sich jüdischnationaler Arbeit widmen will, er sich vorerst die Kenntnis der hebräischen Sprache und Literatur aneignen muß. Zionistische Politiker, die nicht einmal der nationalen Sprache mächtig sind, darf es von nun an nicht mehr geben. Alle werden sie hebräisch lernen. Wörtlich heißt es in dem Bericht des „Haolom": jrv .maratm nraixbn bv “tojP d'X2» nbx nxi rix rijn1? btib xirw /ws jpcr rvrrfc X2V "ö bo nxbm Brno rrni »nnvatn la'irsDxs spnrcn1? *?2v xb mpb2 o ,rv2*xbn p»bn •YDttH irrs1? jxrö 212' ix ,*ararn jpcrn bw 12b1? ii man -,nnr> cx .(mrpn 2«NB) wb nx möb'i miö ib Das ist nun ein nicht Geringes. Wenn man sich den Rechtstitel der Parteizugehörigkeit durch eine gründliche Kenntnis des Judentums und seiner Literatur wird erwerben müssen, dann wird der Zionismus aufhören, ein billiger politischer Sport zu sein und die bisherige Geringschätzung der jüdischen Wissenschaft in seinen Kreisen muß naturgemäß ein Ende nehmen. Ussischkin hat das Primat des jüdischen Geistes in der zionistischen Partei proklamiert. Er erinnerte an die hohe Bedeutung des Geistes für die Erhaltung des Judentums. Er sagte: Stark waren wir immer nur durch den Geist. Er, der jüdische Geist, gab uns durch die zweiundeinhalb Jahrtausende seit der Zerstörung des ersten Tempels die Vitalität und die Zähigkeit, die grimmigsten Feinde zu überleben. Alle Qualen der Hölle konnten wir erdulden und überwinden; wir wandelten auf den Gräbern der Babylonier, Perser, Griechen, Römer und der Kreuzfahrer; unsere Hasser sind untergegangen: ins uns aber wirkt wie einst der lebenspendende Quell des unsterblichen jüdischen Geistes. Diesem jüdischen Geist wollen wir auf dem Berg Zion einen Tempel erbauen! So sprach auf dem Wiener Kongreß Herr Ussischkin und wir sollen schweigend und verdrossen beiseite stehen und nicht alles daran setzen, diese wunderbare Wandlung, deren Zeugen wir sind, zu fördern?