Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Bloch’s J«begann XXX Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. ■ —u o ' A. ft. Vopksxarftaffrnamt Q Slesrtng-VerKebr 1-tr. 810.976. Redaktion und Administration: c ■ Wien H/i, Praterstraße 9 Telefo» 14847 OGi £)0 ——n:—:~d- Wien 26. September 1913 : Lrscbetnt jeden LreLtsg. i Brief-Adresse: Wien, ll/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. OU - ——OC p 9*pxg»imi» f&e Brffrrrrtrfj: C Halbjährig 8 Kronen: Linzeieiemplare 5V Helle». Für'» Auslnnv: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Dir nal gespal« 3 tene Petitzeile 4;- Heller. C O O ■ -Po Inhalt: Leitartikel: Zum Wiener Zionistenkongreß. — Die Juden im statistischen Jahrbuche der Stadt Wien für das Jahr 1911. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der seltsame Prozeß Beilis. Deutsche Gesellschaft für gerichtliche Medizin. Professor Troitzky an der Expertise im Beilis-Prozeß gehindert. Ein Vetter Heinrich Heines. Der Z onistenkongreß und die Araber. Eine interessante Streitfrage zwischen Italien und Frankreich. Amerika bleibt standhaft. Vambery im Hause meiner Großeltern. Der Negerboxer Jack Johnson — Jude. — Korrespondenzen: Eintritte in das Judentum. Vortrag des Herrn Dr. Hermann Algyogyi über die Beulenpest der Philister. Professor Dr. Siegmund Herzberg-Fränkel. Kinderheim in Laa. Eine Konferenz der sephardischen Juden in Wien. Ein Festtag der „Chewra-Kadischa" in Klagenfurt. Tausende sterben wegen des rumänischen Antisemitismus. Das jüdische Ansiedlungsgebiet in Rußland eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit. Ein Jubiläum jüdischer Kulturarbeit in Rußland. Judensiblungen in Cyprus. Ein Gesetz gegen den öffentlichen Antisemitismus in Amerika — Vermischtes. — Feuilleton: Die moderne Jüdin. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Znm Wiener Zionistenkongreß. Ein Briefwechsel. - .... 19. September 1913. An Dr. Blochs „Oesterreichische Wochenschrift"! Sehr geehrter Herr Dottor! Als alter Freund und einer Ihrer treuen Anhänger darf ich einige Bedenken nicht verschweigen, die bei aufmerksamer Lektüre der letzten Nummern Ihrer gesch. Zeitschrift sich unwillkürlich mir aufgedrängt haben. Sie haben bis nun der zionistischen Bewegung gegenüber eine unabhängige Stellung eingenommen und liehen sich durch alles Geschimpfe und Gebelfer Ähr kritisches Urteil über alle Parieivorgänge nicht verkümmern. Das hat der „Oesterr. Wochenschrift" in den Kreisen des Wiener Judentums, ichiMrf hinzufügen: in den besten, den Rang gesichert, den sie einnimmt. Soll das nun anders werden und wollen Sie ernstlich in das zionistische Parteilager einschwenken? Fast möchte es so scheinen. Die letzten Nummern Ihres Blattes waren ja förmliche Propagandaschristen für den Zionismus. Ihre Kongretzberichte waren „Lieder ohne Worte". Finden Sie für diese lyrische Stimmung in den Geschehnissen der Gegenwart, die vielleicht mir entgangen sind, eine Berechtigung? Der! Strom der jüdischen Wanderung zieht, so viel ich weitz, üichekümmert um den Lärm der Kongresse und seiner rauschenden Feste nach den Ländern jenseits des Ozeans; dorthin emigrieren jährlich Hunderttausende von Glaubensgenossen, wo sie wirtschaftliche Eristenzmöglichkeiten vorsinden, gelangen zum Wohlstand und senden jährlich viele Millionen Unterstützungsgelder an arme Angehörige in der alten Heimat. Während der letzten Iahrzehnte sind so nach den Vereinigten Staaten über zwei Millionen Iuden eingewandert und zirka eine Million nach Kanada und den anderen überseeischen Ländern. Was bedeuten diesen grandiosen Ziffern gegenüber die wenigen Tausende, die sich in Palästina niederlietzen und dort vegetieren? Heitzt es nicht mit dem Elend unserer östlichen Glaubensgenossen Spiel treiben, wenn inan ihnen noch immer ein Fata morgana in Palästina vorspiegelt? In den auch nicht vom Zionismus, sondern vor dreitzig Iahren vom Pariser Baron Edmund Rothschild geschaffenen jüdischen Kolonien (sie kosten nahezu 100 Millionen Francs) leben 7000 Familien und der Nachwuchs wandert aus. „Bezalel" kann sich trotz vielfacher Unterstützung und Förderung von nichtzionistischer Seite nur mühsam aufrecht erhalten. Wenn nun dessen ungeachtet flammende Reden von der Zukunft des jüdischen Volkes in Palästina romantisch schwärmen, haben Sie dafür kein Wort der Kritik. Gelegentlich einer blöden Prager Anremplung holten Sie aus Ihrer alten Briefmappe einige Dankschreiben, die Sie vor Jahrzehnten erhielten, hervor, um sie in der Erinnerung der Zeitgenossen aufzufrischen. „Einst im Mai" pries man Ihren unerschrockenen Mut. Wollen Sie auf solchen Ruhm nunmehr verzichten und lieber — mit den Wölfen heulen? Feindesliebe war doch nie Ihre Tugend. Haben auch Sie den Tag von Damaskus erlebt, und wenn nicht, — erklären Sie mir „diesen Zwiespalt der Natur"? Eines dürfen Sie nicht vergessen: Der Wert Ihres Blattes besteht in seiner Eigenart als „Dr. Blochs Oesterreichische Wochenschrift". Parteiorgane, die alle Dummheiten der Parteigötzen als hohe Weisheit anzupreisen gezwungen sind, haben in Kreisen jüdischer Intelligenzen niemals Kredit genossen. Bleiben Sie, der Sie waren, sich selber treu. Wollen Sie dieses Mahnwort zugute halten Ihrem alten Freunde Wien, 22. September 1913. Geehrter Freund! Will man zu den Vorgängen im Zionismus Stellung nehmen, so mutz man auf die Genesis des modernen „Nationaljudentums" zurückgehen. Bei seinem Erscheinen aus der politischen Oberfläche in der zweiten Hälfte des 19. Iahrhunderts war de» jüdische Nationalismus kenntlich als Kind des in ganz