Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-09-19 · 38 (19.9.1913) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022074--22479-3047627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 38 Sette 686 Dr.. Vlochs Vorbereitungen zu einem . Pogrom. Aus Petersburg wird uns geschrieben: Sehr beunruhigend wirkt ein soeben bekannt gewordenes geheimes Rundschreiben des Zentralrates vom Verbände der echten Russen an seine Zweigvereine in der Provinz, in welchem diese aufgefordert werden, sich mit Revolvern zu versehen, damit sie im geeigneten Momente in der Lage waren, sich ihrer Feinde zu erwehren. Diese Tatsache wirkt um so niederdrückender, als der Zar gerade in der jüngsten Zeit wieder ostentative Beweise seiner Zustimmung zu der Propaganda der echten Russen gegeben hat. So erhielten die zwei mächtigsten Gruppen dieses antisemitischen Verbandes in Lischenew und Odessa auf eine Huldigungsdepesche an den Zaren direkte Aufmunterungen zur Fortführung ihrer patriotischen Tätigkeit. Daß solche kaiserliche Aufmunterungen für die Juden wenig Hoffnung bieten, gegen eventuelle Ausschreitungen oder Pogroms seitens der echt russischen Huligans in Schutz genommen zu werden, dürfte jedermann klar sein. Der Dichter Juschkewitsch darf nicht nach Moskau kommen. Der bekannte russische Dichter Juschkewitsch hat ein neues Theaterstück unter dem Titel „Bessie" verfaßt und stand wegen Aufführung desselben mit Moskauer Theaterdirektoren in Verbindung. Behufs Rücksprache in dieser Angelegenheit wollte Juschkewitsch nach Moskau reisen, mußte jedoch diesen Plan aufgeben, weil er in Moskau kein Wohnrecht besitzt. Wohl haben sich mehrere hervorragende russische Schriftsteller, unter anderen auch der Dumapräsident R. Schepkin, für Juschkewitsch bei der Behörde auf das Nachdrücklichste eingesetzt, jedoch vergebens, denn die Administrativbehörde verweigerte dem berühmten Dichter die Erlaubnis, nach Moskau zu kommen und dort mit den Theaterdirektoren zu konferieren. Em Wenteuer -es Bildhauers Ginsburg. Die' Petersburger Zeitung „Rjetsch" ermblt die folgende Begebenheit: Der berühmte jüdische Bildhauer Elijahu Ginsburg, Mitglied der Petersburger kaiserlichen Akademie, unternahm dieser Tage im Austrage der Kunstakademie eine Studienreise nach Palta. In Palta hält der dortige Generalgouverneur strenge Zucht und sieht sehr darauf, daß sich kein Jude in sein Gouvernement hineinschmuggle. Gleich am ersten Tage wurde Ginsburg zum Polizeikommissär zitiert, der ihn rundweg erklärte, daß er in Palta nicht bleiben könne, da er Jude sei. Vergebens verwies der Künstler darauf, daß er in ganz Rußland Wohnrecht besitze, vergebens zeigte er den schriftlichen Auftrag der Akademie und ein Empfehlungsschreiben an die Behörde vor, in welchem diese ersucht wird, Ginsburg keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Der Polizeimeister erwiderte hierauf ganz ruhig: „Dieses Zeugnis hat gar keinen Wert, uns pflegen ja auch Minister zu schreiben, aber wir gestatten den Juden doch nicht, in unser Gouvernement zu kommen." Plötzlich ging Ginsburg ein Licht auf. Ein kühner Griff in die Brusttasche und nach wenigen Minuten war Ginsburg im Besitze des Wohnrechtes für Palta, so datz er seinen Studien ungestört obliegen kann. Der Einfluß der Revolution auf den jüdischen Büchermarkt. Im Verlaufe der Konferenz der Histadruth hielt Herr S. Tschernowitz einen sehr interessanten Vortrag über den Büchermarkt und die gelesensten hebräischen Bücher in Rußland. Besonderes Interesse erweckten die Ausführungen des Referenten über den Gnfbiß der Revolution auf den hebräischen Büchermarkt.. Im allgemeinen konstatierte der Redner, daß die nach dem Kriege mit Japan in Rußland ausgebrochene Revolution auf den hebräischen Büchermarkt einen sehr starken Einfluß ausgeübt habe. Be- Wochenfchrift sonders zeige sich aber dieser Einfluß auf den Verkauf von Gebetbüchern. Die großen Gebetbücher wurden ehedem in Rußland in Hunderttausenden von Exemplaren verkauft und jede neue Ausgabe hatte, falls sie nicht zu teuer war, einen Absatz von zumindest 20—30.000 Exemplaren im Jahre. Zur Zeit der Revolution wurden selbst die beliebtesten Sidurim in kaum 3000 Exemplaren abgesetzt, und erst nach vollständigem Abflauen der Revolution zeigt sich hierin eine Steigerung. Dasselbe sehen wir auch bei den Bibelausgaben. Zum Beispiele die bekannte Bibel mit den 36 Kommentaren, deren Jahresabsatz zur Zeit der Revolution auf 1500 Exemplare herabgesunken ist, stieg nach der Revolution auf 3000 jährlich. Betrübend ist die Mitteilung des Referenten, daß das talmudische Wissen in Rußland allmählich abnimmt und als Beweis dafür die Tatsache anführt, daß die Bibelausgaben mit Kommentaren von Malbim und eben Esra jährlich im ganzen jn 150 Exemplaren verkauft werden. Hingegen steigt der Absatz der Bibelaüsgaben mit jüdisch-deutscher Uebersetzung, weil die durchschnittliche jüdische Bevölkerung in Rußland immer weniger hebräisch versteht. Dasselbe Schicksal haben auch die Mischnah-Ausgaben mit vielen Kommentaren; als diese in Roms Druckerei in Wilna zum ersten Male erschienen sind, ergab eine Subskription eine Bestellung von 12.000 Exemplaren. Spätere noch so schöne Ausgaben erzielen höchstens einen Absatz von 500 Exemplaren und andere weniger schöne Ausgaben noch weniger. Interessant ist auch die Beobachtung, daß die Einzeltraktate des Talmud, welche für den Unterricht von Kindern bestimmt sind, von dieser Krise nicht betroffen wurden. Diese werden auch jetzt noch durchschnittlich in 50.000 Exemplaren im Jahre abgesetzt. Schlimmer steht es hingegen mit dem Verkaufe der Gesamtausgabe des Talmud. Von diesen wird sehr wenig verkauft. Die Drucker, welche auf Grund des früheren Maßstabes große Vorräte anlegten, sind jetzt gezwungen, diese Masseneremplare, deren Lagerung ihnen zu teuer kommt zum Einstampfen zu verkaufen. Genau so ergeht es auch den Midrasch-Ausgaben. Hingegen werden Gebetbücher für die hohen Feiertage sehr gut verkauft. Merkwürdigerweise zeigt sich auch ein auffallender Rückgang in hem Verkaufe der Hagadah für Pessach. Vor fünf Jahren poch betrug der Jahresabsatz der Hagadah in Rußland 7000 Exemplare, heute werden jährlich bloß 2000 verkauft. Diese authentischen Mitteilungen werfen ein grelles Licht auf die religiösen Zustände in Rußland. Festgottesdienst der heimgekehrten jüdischen Soldaten in Die jüdische Gemeinde in Sofia hat für die vom Kriege heimgekehrlen jüdischen Soldaten einen solennen Festgottesdienst veranstaltet, zu welchem außer den sämtlichen jüdischen Soldaten der ersten Division auch eine große Anzahl bulgarischer Offiziere, hoher Regierungsbeamte, unter Führung der Minister Peschow und Bakalow, sowie der Bürgermeister Geschew u. a. m. erschienen sind. Nach Verrichtung der üblichen Gebete hielt Großrabbiner Dr. Ehrenpreis eine Rede in bulgarischer Sprache, die wegen ihres Inhaltes und des festen Tones, in dem sie gehalten wurde, allgemeines Interesse beansprucht. Dr. Ehrenpreis zollte zunächst der Tapferkeit und der Vaterlandsliebe, welche die jüdischen Soldaten während des Krieges bekundeten und auch von allen maßgebenden Faktoren anerkannt wurden, voffes Lob. Zu den versammelten jüdischen Soldaten gewendet, sagte dann der Großrabbiner: „Auf Euren Heldenmut kann nicht nur die bulgarische Judenschast, sondern auch das gesamte Judentum mit berechtigtem Stolze Hinweisen. Euer Heldenmut ist ein klarer Beweis dafür, daß der Jude ein treuer und ergebener Bürger ist, der, wenn das Vaterland von ihm Opfer fordert, auch fähig ist, das Teuerste für das Vaterland zu opfern. Euer Heldenmut und die Tapferkeitsmedaillen, die Eure Brust schmücken, sind ein lebendiger Protest gegen all diejenigen, welche die Behauptung wagen, daß die Juden Feiglinge seien und der Armee nicht nur keinen Nutzen bringen, sondern sogar ein hemmender Ballast derselben sind. Aber mehr als alle hat Bulgarien Recht auf Euren Heldenmut stolz zu sein, denn er ist ein beredtes Zeugnis für die gerechte Behandlung, welche Bulgarien ihren jüdischen Bürgern zuteil werden läßt, und gleichzeitig dafür, mit welcher Hingebung die bul-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.