Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 684 Dr. Vlochs Wochenschrift Nr. 38 Gottesdienste war ebenfalls dem Andenken des Barons Eötvös geweiht. In den Schulen der Religionsgemeinden wurden Eötvös-Feiern veranstaltet. — Im Ofner israelitischen Tempel gedachte Samstag Oberrabbiner Dr. Arnold Kis während des Gottesdienstes in einer schwungvollen Rede des Barons Joseph Eötvös und dessen Verdienste um die Gleichberechtigung der Juden. An der Feier nahmen der ganze Vorstand, der Ofner Heilige Verein, sowie ein zahlreiches andächtiges Publikum teil. — Aus Szscsöny wird gemeldet: Vorige Woche traf Furstprimas Dr. Johann Ls er noch hier ein. Aus diesem Anlasse wurden die Spitzen der Behörden und die Vertreter der Religionsgemeinden von dem Fürstprimas empfangen. Auf die Begrüßungsansprache des Führers der jüdisch-orthodoren Deputation ^alomon Müller dankte der Kirchenfürst in herzlichen Worten. Dann erkundigte er sich über die Verhältnisse der konfessionellen Schulen und entlieh, nachdem er sich von jedem Mitgliede der Deputation mit einem Händedrucke verabschiedet hatte, die Deputation. — Infolge eines Gesuches mehrerer Kaufleute gestattete der Magistrat auf Grund des Gesetzes über die geschäftliche Sperrstunde, dah Kaufleute, die ausschliehlich jüdische Ritualartikel und hebräische Bücher verkaufen, fünfzehn Tage vor dem ersten israelitischen Neujahrstage und fünfzehn Tage nach diesem Feste ihre Geschäfte an Wochentagen bis 9 Uhr abends offen halten dürfen. Diese Begünstigung erstreckt sich nicht auf jene Kaufleute, die außer den obigen Artikeln noch andere Gegenstände verkaufen. Furstprimas und orthodoxer Rabbiner. Aus Budapest wird uns von einer interessanten Begegnung des Fürstprimas von Ungarn Dr. Johann Lsernoch mit dem Rabbiner der orthodoren Judengemeinde in Balassa Gyarmat berichtet: Das kirchliche Oberhaupt weilte zur Firmung in der genannten Gemeinde und die orthodoxe Iudengemeinde entsandte zur Begrüßung desselben eine aus 20 Mitgliedern bestehende Deputation unter Führung ihres Rabbiners. In der Ansprache des Rabbiners ist bloß der Passus bemerkenswert, in welchem er von einer huldigenden (?) Deputation der Iudengemeinde sprach. Von großer politischer Bedeutung hingegen ist die Antwort, welche der Fürstprimas auf diese Begrüßung gab. Er sagte unter anderem: „Ich danke sehr und bin recht erfreut ob des Besuches der orthodoxen israelitischen Gemeinde. Ich betone die orthodoxe Gemeinde. Denn ich weiß und ich habe es erst unlängst in einem neueren Werke eines Rabbiners gelesen, wie sehr die Orthodoxen, die so eifersüchtig ihre Autonomie bewachen, treu und streng ihrem Glauben anhängen und auch ich selbst bin davon überzeugt, daß nur derjenige, der seine Religion ehrt und schätzt, auch seinem König und seinem Vaterlande treu sein kann. Seien Sie überzeugt davon, daß ich den glaubenstreuen und seine Religion beobachtenden Menschen liebe, möge er welcher Konfession immer angehören, lleberbringen Sie meinen Gruß jedem Mitgliede Ihrer Gemeinde und empfangen Sie wiederholt meinen warmen Dank für Ihr Erscheinen." Zur Würdigung dieser Worte sei noch bemerkt, daß bisher noch kein ungarischer Fürstprimas so warme Worte für die Juden gesunden hat, was bei dem Fürstprimas Esernöch noch um so schwerer in die Wagschale fällt, als er vor seiner Ernennung zum Fürstprimas eines der eifrigsten Mitglieder der klerikal-antisemitischen Volkspartei gewesen ist. Hermann Vambery. Im Alter von 81 Jahren ist in Budapest der berühmte ungarische Forschungsreisende und Orientalist Professor Hermann Vambery gestorben. Eine eigenartige Persönlichkeit von ungewöhnlicher Begabung und Tatkraft, die sich aus engen und bedrückten Verhältnissen und unter mancherlei widerwärtigen Lebensschicksalen zu Bedeutung und Ansehen in der Wissenschaft emporgearbeitet hat, ist mit ihm aus dem Leben geschieden. Seine Iugendgeschichte entbehrt nicht der Romantik. Als Sohn blutarmer, aus Bayern eingewanderter Eltern 1832 in Szardahely auf der Insel Schütt geboren und früh verwaist, war er von Kindheit auf genötigt, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu erwerben. Regelmäßigen Schulunterricht genoß er nur zeitweilig bei den Piaristen zu St. Georgen bei Preßburg, akademische Ausbildung gar nicht. Schon frühzeitig trat bei ihm ein außergewöhnliches Talent zur Erlernung ftemder Sprachen her-, vor. Mit 18 Jahren beherrschte er außer seiner Muttersprache das Lateinische, Französische, Englische und Türkische. Aus seiner drückenden Notlage wurde Vambery durch die Teilnahme des Barons Joseph Eötvös, des bekannten ungarischen Staatsmannes und Dichters, befteit, der ihm die Mittel gewährte, nach der Türkei auszuwandern. Als Hauslehrer in vornehmen Häusern Konstantinopels, wie in dem Asif Veys und später beim Minister Rifaat Pascha, lernte er orientalisches Leben kennen und fand Muße, sich ganz seiner Neigung zu svrachwissenschaftlichen Studien zu widmen. Ein deutsch-, '' Irkisches Wörterbuch, das er 1858 veröffentlichte, und eine Reihe von" Aufsätzen und Uebersetzungen lenkten die Aufmerksamkeit der ungarischen Akademie der Wissenschaften auf ihn, die ihm die Mittel zu einer Forschungsreise nach Turkestan bewilligte. Die Reise erfolgte unter Umständen, die selbst in der an abenteuerlichen Episoden gewiß nicht armen Geschichte der Forschungsreisen einzig dastehen dürften. Auf seine reichen Sprachkenntnisse und seine Vertrautheit mit orientalischen Sitten und Bräuchen bauend, entschloß sich der wagemutige junge Gelehrte, die ganze schwierige und bei dem Fanatismus der Moslem überaus gefahrvolle Reise als Derwisch zurückzulegen. In Teheran schloß er sich, als Hadschi verkleidet, einer Pilgerkarawane an, die von Mekka nach Jarkand zurückkehrte. Mit dieser gelangte er nach Khiwa und von dort nach Kungrad, Bokharä und Samarkand. Ueber Herat kehrte er nach Persien zurück. Vamberys Reise nach Zentralasien, der später noch mehrere kürzere nach anderen, näher gelegenen Teilen des Orients folgte, wird in der Geschichte der wissenschaftlichen Forschungsreisen für immer einen hervorragenden Platz behaupten, wenn sich auch gegen die enthusiasttsche Bewunderung, die dem kühnen Forscher unmittelbar nach seiner Rückkehr Namentlich in England gezollt wurde, später ein gewisser Rückschlag bemerkbar machte. Aber auch eine nüchterne Beurteilung wird dem Mute, der Tatkraft und den großen Erfolgen des ungewöhnlichen Mannes die verdiente Anerkennung nicht versagen. Bald nach seiner Rückkehr wurde Vambery zum Professor der orientalischen Sprachen an der Universität Budapest ernannt, wo er auch zum Mitglied (später Ehrenmitglied) der Akademie der Wissenschaften gewählt wurde. Die Zahl seiner Schriften, die teils die Erlebnisse seiner zentralasiatischen Reise schildern, teils deren sprachwissenschaftliche und ethnographische Ergebnisse behandeln, ist ziemlich groß. Sehr viel Beachtung fanden — früher mehr als in letzter Zeit und besonders in England — seine eingehenden, von gründlicher Sachkenntnis getragenen Darlegungen über Rußlands Machtstellung in Asien und seine Warnungen vor dessen zielbewußt und unaufhaltsam vordringender Expansionspolitik.